Scharlatane am Werk

21. Juli 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Sie haben Tränen in den Augen? Europa ist gerettet? DAX und Euro steigen! Wunderbar! Oder doch nicht? Vielleicht trifft man sich in wenigen Wochen schon wieder zum nächsten Krisengipfel? Fragen über Fragen und eine derbe Kolumne von Ronald Gehrt….

Sagen Sie mal, angenommen, sie hätten ein Loch in der Hosentasche und würden bemerken, dass Ihnen permanent Geld durch dieses Loch entfleucht … dann darf ich doch mal vermuten, dass Sie als ideale, nahezu geniale Maßnahme regelmäßig weiteres Geld in ihre Hosentasche stecken, um den Schwund durch das Loch auszugleichen, oder? Wenn Sie zu dieser Kategorie aufgeweckter Mitmenschen gehören, haben sie sicherlich auch am heutigen Donnerstag bereits einige Freudentränen ob der vermutlichen (zu dieser Stunde noch nicht auf dem Tisch liegenden), entschlossenen und durchdachten Maßnahmen zur Rettung Griechenlands vergossen. Das könnte ich verstehen, denn diejenigen, die hier agieren und entscheiden, sind Ihnen Brüder im Geiste.

Wenn ich mir DAX und Euro in den letzten Stunden so ansehe, bekomme ich das Gefühl, zu einer erbärmlichen uns zweifellos aussterbenden Minderheit zu gehören, wenn ich in einem solchen, oben genannten Problemfall das Loch der Hosentasche stopfen würde. Denn immerhin machen und die Entscheider vor, dass es weitaus wichtiger ist, die Symptome zu bekämpfen und das Untersuchen und Behandeln der Ursachen auf später zu verschieben. Das erinnert mich an die bewährten Behandlungsmethoden mittelalterlicher Ärzte wie Aderlass oder das Aufstechen von Pestbeulen. Vielleicht sollte man auch überlegen, ob man die fallenden Anleihekurse ebenso wie die fallenden Ratings für Griechenland, Portugal, Irland (und in Kürze auch Italien) einfach exorzieren sollte?

Aber im Bereich Problembehandlung haben ja die hoch entwickelten Länder und ihre politische Führungsschicht Erfahrung. Das haben wir bei den entschlossen vom Tisch gefegten Präventivmaßnahmen unmittelbar nach der Subprime-Krise gesehen. Aber auch bei der Entwicklungshilfe.

Anstatt den armen Ländern die Möglichkeiten zu geben, durch Technik und Wissen nach und nach auf eigenen Beinen stehen zu können, stellte man ihnen Geld und Nahrung vor die Tür, die ausreichte, um den schlimmsten Hunger zu stillen, die aber völlig ungeeignet war, an der grundlegenden Problematik auch nur das geringste zu ändern. Und da das „geringste zu ändern“ auch heutzutage einfach noch viel zu kompliziert ist, macht man dasselbe mit Griechenland. Was den „Vorteil“ hat: Sie bleiben am Boden … und damit von dem anhängig, der ihnen den trockenen Kanten Brot hinwirft.

Anstatt sich zu fragen, wie man denn verhindern kann, dass dem zweiten, jetzt notwendig gewordenen Rettungspaket in ein oder zwei Jahren das dritte und danach immer weitere folgen müssen (und damit sozusagen das Loch in der Hosentasche zu flicken), stopft man einfach das gähnende Loch von oben, indem man immer mehr Geld hinein schüttet … das unten natürlich wieder herauspurzelt.

Gleichzeitig entscheidet man, durch die Erpressung in Form von erzwungenem Sparen (keine Sparpakete = kein Geld), die griechische Wirtschaft zu sanieren. Das ist genauso gerissen, wie niedrigen Blutdruck mit einem Aderlass zu bekämpfen. Die Griechen müssen Einkommensverluste hinnehmen, auf einmal lange Jahre nicht bezahlte Steuern zahlen … und natürlich ist die Konsequenz ein Absturz des Konsums und steigende Arbeitslosigkeit. Was ich nicht vermute – es ist bereits so. Da dadurch für die Sanierung und Weiterentwicklung der Infrastruktur kein Geld da ist, werden internationale Unternehmen einen Teufel tun, aber nicht nach Griechenland kommen.

Die Minderung der Kaufkraft und die Steigerung der Arbeitslosigkeit vermindert wiederum massiv die Steuereinnahmen und damit den Zufluss neuen Kapitals. Was bedeutet, dass der Kapitalbedarf, der über Anleihen finanziert werden muss, durch diese Sparmaßnahmen sukzessive steigt, während man kosmetisch entsprechend der ohnehin schon über Jahre hinweg je nach Bedarf von vielen Staaten (auch Deutschland) ignorierten EU-Regularien zum Musterknaben wird. Da Griechenland durch diesen Sparzwang aber immer weniger wettbewerbsfähig wird, werden auch immer weniger Anleger bereit sein, griechische Anleihen zu kaufen. Schlussfolgerung:

Entweder diejenigen, die dergleichen bei EU und Finanzministerien entscheiden, sind vergleichbare Scharlatane wie viele Ärzte des Mittelalters. Oder sie gehen planvoll vor, aber nicht mit dem Ziel, Griechenland wieder auf die Beine zu helfen, sondern Griechenland und die anderen schwachen Staaten so weit zu bringen, dass diese freiwillig aus der EU fliehen. Die Vorteile für die übrig bleibenden Kernstaaten hatte ich in der letzten Kolumne ja bereits angerissen. Das Problem ist… (Seite 2)

Homepage von Ronald Gehrt

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