Schäden, die der Negativzins anrichtet

21. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Politik des tiefen, beziehungsweise negativen Zinses bringt ernste Probleme, die vielfach wohl noch nicht erkannt werden.

Bei meinem letzten Besuch in Zürich sah ich im Schweizer Fernsehen eine Reportage. Es ging darum, dass immer mehr Schweizer sich ihre Giroguthaben, die sie bei Banken halten, in Bargeld auszahlen lassen und in den Tresor legen; und dass auch zunehmend institutionelle Investoren, wie zum Beispiel Versicherungen und Pensionskassen dazu übergehen, sich ihre Bankeinlagen in bar auszahlen zu lassen. Der Grund dafür ist der Negativzins, den die SNB erhebt, und den die Schweizer Banken an ihre Kunden weiterreichen.

Zur Erinnerung: Am 15. Januar 2015 hat die Schweizer Nationalbank (SNB) den seit Ende September 2011 verkündeten „Mindestkurs“ von 1,20 Franken pro Euro überraschend aufgehoben. Gleichzeitig hat sie ihren Leitzins auf -0,75 Prozent gesetzt. Um der Enteignung ihrer Ersparnisse zu entgehen, entschließen sich nun die Bankkunden, sich ihr Geld in bar auszahlen zu lassen und es an einem (hoffentlich) sicheren Ort aufzubewahren. Zwar schützt die Bargeldhaltung vor dem Negativzins und möglichen Zahlungsausfällen der Banken. Sie schützt aber nicht vor Geldentwertung: Wie bei Giroguthaben schwindet auch die Kaufkraft des Bargeldes, indem die Zentralbank die Geldmenge ausweitet.

Banken geraten in Probleme

Ein Negativzins auf Bankeinlagen bedeutet, dass Kundeneinlagen Verluste erleiden. Diese Verluste sind die Gewinne der Banken: Kundeneinlagen werden in Eigenkapital der Banken umgewandelt werden. Das scheint zwar auf den ersten Blick den Banken zu helfen. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der Negativzins für die Banken insgesamt wohl ein Problem ist. Solange die Zinsen null Prozent betrugen, waren viele Bankkunden noch bereit, unverzinsliche Einlagen bei Banken zu halten. Die Banken verfügten damit über eine kostengünstige Refinanzierung für ihre Geschäftsaktivitäten. Diese Mittel verlieren sie, wenn die Kunden sich ihre Einlagen wegen des Negativzinses in bar auszahlen lassen. Um an die Refinanzierungsmittel zu gelangen, müssen die Banken ihren Kunden nun höhere Zinsen zahlen – ihnen also beispielsweise kurzlaufende Bankschuldverschreibungen mit „attraktiver Verzinsung“ anbieten. Die Folge: Die Refinanzierungskosten der Banken verteuern sich, und die ohnehin schon schwierige Ertrags- und Gewinnlage vieler Geldhäuser verschlechtert sich.

Der „Ausweg“: Die Zentralbank leiht den Banken neues Geld zum Nullzins. Sie stopft die „Finanzierungslücke“, die der negative Zins in der Bankenrefinanzierung verursacht. Wohl und Wehe der Geschäftsbanken hängt dann aber mehr denn je von Krediten ab, die ihnen die Zentralbank zu Nullzinsen bereitstellt.

Damit hängt aber auch das Wohl und Wehe der Zentralbank zusehends von der Ertrags- und Gewinnlage der Banken ab, ansonsten drohen der Zentralbank Verluste (die von den Steuerbürgern zu tragen sind). Ein Teufelskreis kommt in Gang: Die Zentralbank richtet ihre Politik immer stärker an den Bedürfnissen der Banken aus, gibt immer mehr Geld in Umlauf und ruiniert die Währung.

Geldreform: Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld

Zudem senkt der Negativzins der Zentralbank das Renditeumfeld ab. Bei einem negativen Einlagezins haben Banken und Investoren nämlich einen Anreiz, Schuldpapiere nachzufragen, deren Rendite noch höher ist als der negative Einlagezins. Die Wertpapierkurse steigen, die Renditen fallen. Sie können auf den negativen Einlagezins fallen – oder sogar noch darunter, wie es bereits in der Schweiz für zweijährige Staatsanleihen geschehen ist (sie handeln derzeit bei -1,14 Prozent).

Sinken die Zinsen, wird es für Banken noch weniger attraktiv, Kredite zu vergeben. Denn zum einen sinkt dann die Gewinnmarge, die sich im Kreditgeschäft erzielen lässt. Zum anderen führt der tiefe Zins zu einer Verflachung der Zinskurve (das heißt, der Abstand zwischen Lang- und Kurzfristzinsen nimmt ab). Das verringert die Gewinne, die Banken erzielen können, indem sie langfristige Kredite vergeben und sie mit kurzfristigen Mitteln finanzieren (das ist die sogenannte „Fristentransformation“).

Mittlerweile erhebt eine Reihe von Zentralbanken negative Zinsen

Mittlerweile erhebt eine Reihe von Zentralbanken negative Zinsen in der einen oder anderen Form. Beispielsweise liegt der Zins für siebentätige Einlagen bei der dänischen Zentralbank inzwischen bei -0,75 Prozent.

Die Schweizer Notenbank (SNB) hat den von ihr gesteuerten Geldmarktzins (3-Monats-Libor) auf -0,75 Prozent gesetzt. Der Depositenzins, den die Europäische Zentralbank (EZB) derzeit auf Überschussguthaben erhebt, die Banken bei ihr halten, beträgt -0,2 Prozent. Am 12. Februar gab die schwedische Notenbank (Riksbank) bekannt, sie werde ab dem 18. Februar ihren Leitzins auf -0,1 Prozent absenken (und zudem auch noch Anleihen aufkaufen).

Die Banken werden die negativen Einlagezinsen an ihre Kunden weiterreichen. Dadurch wird auch die Verzinsung auf zum Beispiel Giroguthaben und Termineinlagen negativ. Die Folge: Das Vermögen der Sparer schrumpft.

Die negativen Einlagezinsen bewirken zudem, dass Banken ihre Nachfrage nach Anleihen erhöhen. Dadurch steigen die Kurse der Anleihen, und ihre Rendite sinkt. Es ist sogar möglich, dass die Renditen für Anleihen mit längeren Laufzeiten in den Negativbereich fallen; das zeigt sich zum Beispiel bereits in der Schweiz.

Während der Bankenapparat relativ einfach von der Zentralbank liquide gehalten werden kann, stehen die Dinge anders bei den Lebensversicherungsunternehmen. Sie stehen nicht nur unter Druck aufgrund neuer Regularien („Solvency II“), sondern es setzen ihnen vor allem auch die niedrigen Zinsen zu. Ihre laufenden Zinserträge schmelzen ab. Fallende Marktrenditen lassen zudem die barwertigen Verbindlichkeiten der Versicherer stärker steigen, als ihre barwertigen Vermögen zunehmen. (Der Grund dafür ist, dass die „Duration“ der Verbindlichkeiten häufig größer ist als die „Duration“ der Forderungen.)

Das Ergebnis der tiefen, weiter sinkenden Zinsen ist schwindendes Eigenkapital.Wachsende Zweifel an der Solidität der Versicherer könnten Kunden veranlassen, ihre Policen zu kündigen (stornieren). Den Versicherern wird dann Liquidität abverlangt, die sie nicht vorrätig haben. Um sie zu beschaffen, müssten sie Wertpapiere im Markt verkaufen.

Für einen einzelnen Versicherer mag das noch funktionieren. Müssen jedoch viele Versicherer ihre Papiere gleichzeitig liquidieren, fallen die Wertpapierkurse, und die Zinsen steigen. Immer mehr Papiere müssen dann verkauft werden, um die benötige Liquidität zu beschaffen – und immer stärker würden die Wertpapierkurse verfallen (und die Zinsen steigen).

Ein Andauern der Tief- beziehungsweise Negativzinspolitik kann also die Lebensversicherer in eine Krise stürzen – mit weitreichenden Folgen… (Seite 2)



 

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