Schadet die Hausse dem Durchblick?

21. Oktober 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Wenn wir mal genau darüber nachdenken, haben wir doch alle schon einmal eine Phase gehabt, in der wir die Realität zu unseren Gunsten oder Notwendigkeiten umgedichtet haben, oder? Man weigert sich, eigentlich klare Fakten zur Kenntnis zu nehmen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Oder soll…

Man kennt solche Verhaltensweisen beispielsweise von schwer kranken Menschen, von Süchtigen jeder Couleur, aber die meisten Menschen schließen aus, dass sie sich selbst so verhalten würden. Und doch tun es fast alle, weshalb sich die Realität für jeden ein wenig anders darstellt.

So auch für Paul Krugman, Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2008. Das Gefährliche an solchen Menschen ist, dass man dazu neigt, ihren Worten unbesehen zu glauben, weil sie ja von Natur aus gescheit sein müssen, sonst hätten sie den Nobelpreis nicht bekommen.
Und noch gefährlicher ist, wenn solche Personen das von sich selbst ebenfalls denken. Mr. Krugman kommentierte am Freitag die wachsende Besorgnis, dass China als wichtigster Refinanzierer, sprich Käufer von US-Anleihen, diese Käufe reduzieren, einstellen oder gar US-Bonds abstoßen könnte. Er kommt zu der womöglich nur in der Krugman-Welt völlig simplen Erkenntnis, dass das für Amerika eine tadellose Sache wäre. Seine amüsante Logik:

Würde China Bonds verkaufen, würde das den Dollar drücken – und das ist gut für die USA. Stimmt schon. Und er hat auch recht, wenn er feststellt, dass das die kurzfristigen Zinsen nicht beeinflussen würde, da die durch die Notenbank festgezurrt sind. Aber das sind nur Facetten, er ignoriert einfach das entscheidende Element:

Krugman behauptet einfach, dass die längerfristigen Zinsen deswegen keineswegs steigen müssen, weil sie ja nur eine Art Spiegelung der kurzfristigen Zinsen seien. Für ihn gilt also nicht Angebot und Nachfrage, wie für den Rest der Welt, als Messlatte für die Entwicklung der Zinsen. Kann sein überragender Geist verhindern, dass die Kurse der Anleihen fallen und damit die Renditen steigen, weil zu dem ohnehin schon von der Notenbank kaum noch abzuschöpfenden Überangebot, basierend auf dem steigenden Refinanzierungsbedarf eines immer defizitäreren Haushalts, dann auch noch Unsummen an Bonds aus China auf den Markt drücken?

Wie kann es gut für Amerika sein, wenn die Regierung, aber auch die Unternehmen, plötzlich z.B. vier oder fünf statt 2,75 Prozent Zins für Schulden auf zehn Jahre zu zahlen haben, was umgehend auch auf die Kreditzinsen einzelner Bürger durchschlagen würde? Man stellt fest: Paul Krugman sieht die Welt offenbar anders als wir, indem er einfach nicht zur Kenntnis nimmt, was nicht zu seiner Ansicht passt. Gut, dass das ein Einzelfall ist, gell? Oder etwa nicht?

Aber nein! Ich hörte und las in der vergangenen Woche eine Reihe von Analysten in den USA, die die steigenden Kurse an den Aktienmärkten wie folgt erklärten: Da die Konjunkturdaten womöglich bis in den Dezember hinein durch den „Shutdown“ der US-Behörden verfälscht wären, werde die US-Notenbank kein klares Bild der tatsächlichen Lage erhalten und deswegen sicherheitshalber keine Reduzierung der Anleihekäufe vor Februar oder März vornehmen. Und das freut die Anleger, also kaufen sie. Wie schön. Es fragt sich, ob die Anleger wirklich so denken, wie es die private Realität dieser von Berufs wegen bullishen Analysten vorsieht? (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Schadet die Hausse dem Durchblick?"

  1. Michael sagt:

    Hat irgendjemand irgendetwas gelöst oder ist es gar nicht lösbar. Der Verdacht liegt nahe.

    Nasdaq ist auch schon sehr von Hoffnung getragen.

    Man kann sagen was man will, die Produktivität steigt, weniger Menschen/Mitarbeiter werden benötigt, die Kunden sind andere. Sollten die U.S. eine Strategie fahren, dann einfach die Unternehmenslandschaft umgestallten, in der Zwischenzeit die Menschen parken und die nächste Generation in die neuen Jobs bringen. Bis dahin wird gerudert. Viele Jobs muten heute noch seltsam an. K.u.K. Offiziere waren auch angesehen, obwohl zumeist pleite und schlechte Schuldner, da sie gerne zu Felde zogen, wenn die Gläubiger hinter ihnen her waren.

    Die ‚Amis‘ kaufen einfach die Schulden aus den Blasen auf und hoffen auf besseres Wetter respektive Fahrwasser. Es geht meiner Ansicht um etwas blumig umschrieben, die schnelle Jobvernichtung … ‚Inner Schranke … die gefallen ist vor langer Zeit‘. Zumal nicht die eigenen Mitbürger sind die Kunden … wen störts?

    Die Verquickung Staat, dessen Schulden und Aktienmärkten wären mit Vorsicht zu genießen.

    Nicht dass ich jetzt sage, das ginge gut aus. Es wäre zumindest ein Erklärungsversuch. Der Versuch kurzfristig aus der Not eine Tugend zu machen.

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