Sachwert, Sachwert, Sachwert (Manfred Gburek)

23. Juni 2009 | Kategorie: Kommentare

Großes Rätselraten um den jüngsten überraschend starken Anstieg des vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung veröffentlichten ZEW-Konjunkturindikators: Behalten die befragten Großanleger und Analysten mit ihrem Optimismus recht, oder signalisiert die immer deutlicher werdende Schwäche des Deutschen Aktienindex Dax und seiner Unterindizes bereits den Beginn des nächsten Konjunktureinbruchs? Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: So gut wie alles spricht dafür, dass Dax & Co. das richtige Signal setzen…

Beginnen wir mit der Begründung bei den Großanlegern und Analysten. Der auf ihren Antworten basierende ZEW-Index steigt seit dem vergangenen November. Er spiegelt in großem Umfang Erwartungen und Meinungen wider, die aber – anders als die in den Dax wie auch in alle anderen wichtigen Aktienindizes eingehenden Erwartungen und Meinungen – nicht durch reale Aktientransaktionen unterlegt sind. Also ist der Dax aussagefähiger. Er nimmt Konjunkturen und Krisen erfahrungsgemäß um sechs bis neun Monate vorweg. Dass er auf dem Weg nach oben schon etwas über 5000 Punkten immer wieder abgeprallt ist, verheißt nichts Gutes für das Jahr 2010.

Da ich mich allein mit solchen Überlegungen nie zufrieden gebe und gern selbst profunde Einschätzungen von kompetenter Seite einhole, habe ich mich in der abgelaufenen Woche auf die Reise quer durch die Republik begeben, um einige von mir seit vielen Jahren geschätzte Profis persönlich zu befragen. Hier zunächst einige Antworten von Experten, die anonym bleiben wollen, weil sie führende deutsche Konzerne leiten: „Die Krise wird erst später bei der breiten Bevölkerung ankommen. Viele Kurzarbeiter werden arbeitslos.“ „Das deutsche Bankensystem kann dem Mittelstand nicht mehr helfen. Banken wollen mittelfristige Kredite, die demnächst fällig werden, nicht prolongieren.“ „2010 wird ein Jahr an unbeschreiblichen Herausforderungen. Das Chaos beginnt erst noch.“

Halt! Jetzt sollten Sie nicht in Fatalismus verfallen, denn einer der anonym bleibenden Topmanager formulierte auch den folgenden treffenden Satz: „Draußen gibt es einen unglaublichen Liquiditätsstau.“ Mit draußen meinte er Banken und Kapitalmärkte. Man stelle sich nur vor, dieser Stau löse sich auf. Aber nicht durch die plötzliche Vergabe von Großkrediten, was unwahrscheinlich ist (s.o.), sondern indem die überreichlich vorhandene Liquidität sich über alte und neue Spielwiesen ergießt – oder indem sie durch die Eskalation der bereits stattfindenden Kriege vernichtet wird, was hoffentlich nicht passieren wird, aber leider nicht mehr auszuschließen ist.

Schlagen wir einen Bogen nach Washington, wo sich zweifellos zuerst entscheiden wird, ob die Weltkonjunktur zum Laufen kommt, und verlassen wir die Anonymität. Dazu das Fazit von BP-Chefvolkswirt Christof Rühl, der mir nach einem spannenden Vortrag, der eigentlich den Weltenergiereserven galt, die folgende Einschätzung gab: „US-Präsident Obama hat drei große Aufgaben vor sich: die Wirtschaft wiederbeleben, die Reform des Gesundheitswesens voranbringen und für mehr Klimaschutz sorgen. Die Wirtschaft steht ganz oben, weil die Amerikaner den Präsidenten schon in zwei Jahren danach beurteilen werden, ob und wie er die Wende schafft. Die Gesundheitsreform wird bis zur Verabschiedung mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Der Klimaschutz dürfte in die zweite Reihe rücken.“ Obama wird zunächst vor allem Programme zur Verbesserung der – zum Teil extrem maroden – Infrastruktur auflegen.

Welche Rolle wird die überschüssige Liquidität spielen, wo werden sich neue Spielwiesen auftun, über die sie abgeschöpft wird? Gehen wir als Bedingung davon aus, dass Obama die Wende schafft. Dann stellt sich die Frage, in welchem Maß ihm das gelingt; denn davon hängt ab, ob die bald mit mehr Befugnissen ausgestattete US-Notenbank Fed weiter so expansiv bleibt wie bisher oder ob sie restriktiv wird. Im ersten Fall werden mal die einen, mal die anderen Anlagen profitieren (Aktien, Immobilien, Edelmetalle, Fonds, Derivate, ja sogar noch Anleihen u.a.). Im zweiten Fall wird es zum Anleihencrash kommen, der auch Rentenfonds und Aktien mit in die Tiefe reißen dürfte. Danach dürften die Aktien sich wieder erholen. Und falls sich dann, was zu erwarten ist, Inflationsmentalität breit macht, werden Sachwerte zu den Gewinnern gehören. Das werden Wohn- und Gewerbeimmobilien in guten Lagen und mit einem gewissen Ertragspotential sein, überwiegend in den Ballungsgebieten rund um den Globus, und in noch größerem Maß Edelmetalle einschließlich Minenaktien.

Während meiner jüngsten Recherchereise habe ich, wie bereits in den Monaten davor bei Gesprächen mit Bankern, immer wieder gehört: In gute Wohnimmobilien, bevorzugt in Mehrfamilien- bzw. Zinshäuser, fließt zurzeit viel Geld, übrigens auffallend viel von Seiten der Family Offices, wie man die Vermögensanhäufungen der Superreichen nennt. Motiv: Schutz vor Inflation, ja sogar vor der nächsten Währungsreform. Thomas Beyerle von DEGI Research, einer Abteilung des Immobilienkonzerns Aberdeen, hat sich erst jüngst des Themas Wohnimmobilien angenommen. Bei aller Vorsicht, die er an den Tag legt, kann er nicht verhehlen, dass das Inflationsmotiv sich hartnäckig hält, besonders „unter vertrieblichen Gesichtspunkten“.

Man könnte es auch so formulieren: Nach über eineinhalb Jahrzehnten Pause entdecken die Deutschen wieder Wohnimmobilien als Geldanlage, wobei der psychologische Faktor, also die gegenseitige Ansteckung, erst wenig zur Wirkung kommt. Nebenbei sind sie Weltmeister im Horten von Goldmünzen. Oder um einen Focus-Werbespruch abzuwandeln: Sachwert, Sachwert, Sachwert. Doch was ist mit dem eingangs erwähnten Konjunktureinbruch, was wird aus Obamas Wendemanövern und aus der Weltkonjunktur insgesamt? Auch dazu habe ich während meiner Reise durch die Republik interessante Stimmen gehört. Sie lassen sich so zusammenfassen: Wohnimmobilien generieren einen konstanten Cash-flow, gewohnt wird immer. Und was Goldmünzen betrifft, kommt entweder das archaische Argument, man könne sie im Notfall gegen Lebensmittel eintauschen, oder der bedenkenswerte Hinweis, den meisten anderen Geldanlagen sei ohnehin nicht mehr zu trauen.

Manfred Gburek, 19. Juni 2009

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