Russophobia dramatensis

21. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer
von Bankhaus Rott
Früher gab es Informationssendungen und Unterhaltungssendungen.  Nach den zwischenzeitlichen Mischformen populärwissenschaftlicher Gewitter- und Geschichts-Betrachter prägen derzeit die Unterhaltungsnachrichten das TV. So gibt es auch in schwierigen Zeiten immer genug zu lachen…
 
Anfang Juni war plötzlich das bisher als lupenreine Demokratie bekannte Katar urplötzlich in aller Munde. Von nie für möglichen Verbandlungen zu dunklen Brigaden war da die Rede und das eben noch in der westlichen Sympathierangliste nur knapp hinter Bhutan rangierende Königreich war in Ungnade gefallen. Was war passiert?
 
Es war entweder ein großes Durcheinander, ein großes Missverständnis oder beides. Glücklicherweise rauscht bei spontan auftauchenden Frage sogleich eine Welle der Erklärungen über die besorgten Bürger hinweg. So werden unlautere Gedanken hinfort gespült und es verbleibt die reinste Form der erwünschten Information.
 
Viel Zeit benötigt der mündige Bürger nicht, um die Weltprobleme zu verstehen. Wie der alten Seebären der Polarstern sicheren Halt in großer Dunkelheit bot, so gibt es auch in der Berichterstattung Fixpunkte. Einer davon lautet: Russland ist schuld! Das ist griffig, leicht zu merken und einigen derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass man fast schon von Kalter-Krieg-Nostalgie sprechen könnte.
 (N-TV) Mittwoch, 07. Juni 2017 US-Bericht zu Hackern. Angeblich steckt Russland hinter Katar-Krise

Die arabischen Staaten boykottieren Katar wegen des außenpolitischen Kurses des Emirats. Doch die Entscheidung soll auf falschen Nachrichten beruhen, behauptet Katars Regierung. US-Medien zufolge steckt Russland hinter diesen „Fake News“.

Ei der Daus. Was sich hier ausmacht wie ein invertierter Alex Jones auf Speed entspringt einem der größten TV-Konglomerate der Republik. Das geradezu unvermeidliche Wort „Troll“ hat der Autor dankenswerterweise hier einmal weggelassen, dennoch geht die Party erst los:

Der US-Sender CNN berichtete unter Berufung auf US-Geheimdienstmitarbeiter, russische Hacker hätten eine „Fake News“-Geschichte bei der staatlichen Nachrichtenagentur Katars platziert, die Saudi-Arabien und andere Staaten zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Katar veranlasst habe.
Russische Hacker verschaffen sich also bei der staatlichen Nachrichtenagentur Katars Zugang und schreiben schlimme Dinge. Diese Geschichten liest dann ein durchaus gebildeter saudischer Herrscher und dessen Kollegen, die keine Lust auf Telefonkosten haben und daher sofort aus der Hüfte heraus alle diplomatischen Sicherungen herausdrehen. Ein ganz normaler Vorgang, die Macht der Presse halt.
 
Über die genauen Inhalte der schlimmen Dinge schwieg man sich aus, aber es wurden wohl große Geheimnisse gelüftet, die viele Staatenlenker komplett überrascht haben dürften.

Saudi-Arabien und seine Verbündeten Bahrain, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten am Montag die diplomatischen Beziehungen zu Katar überraschend gekappt. Begründet wurde dies unter anderem mit Verbindungen Dohas zu „Terrororganisationen“.

Also, da brat mir doch einer einen Storch, haben sich die Herrschenden gedacht. Jetzt ist aber Schluss. Sogleich kam die Frage auf:

Will Moskau Beziehungen vergiften?

Wichtig ist es, die wesentlichen Vereinfachungen zu beherrschen. Abgesehen vom ohnehin nicht einmal mehr, oder auch noch nicht wieder, das DDR-Niveau erreichenden Blödsinn derartiger Veröffentlichungen darf man unter anderem folgende Gleichung zur Kenntnis nehmen: Russische Hacker = Moskau.

Das Leben kann so einfach sein. Eine Frage hätten wir als diplomatische Laien, die mangels humanistischer Globalbildung das Feuilleton der Katarer Wochenschau nicht gelesen haben, noch: Was genau waren jetzt die „Fake News“. Waren es die vorhandenen Verbindungen zu dubiosen Vereinigungen oder die nicht vorhandenen? Rein interessehalber, damit wir uns zukünftig besser vor Fehlinformationen schützen können. Stellen Sie sich vor morgen steht im Figaro „Deutschland liefert Waffen an Saudi Arabien“ und Monsieur Macron glaubt es. Na, da wäre aber was los. Da wäre die Republik aber so was von en Marche.

Keine Nachricht ohne den US Präsidenten. So heißt es weiter:

Laut CNN gab die Regierung Katars an, dass der Medienbericht vom 23. Mai falsche Informationen hinsichtlich der katarischen Führung beinhaltete, die dem Iran und Israel gegenüber freundlich schienen. Überdies soll in dem Bericht in Frage gestellt worden sein, ob sich Trump im Amt halten könne.

Dafür, das sich alles um heiße Luft handelte, hat man aber ganz schön genau nachgelesen. Auch ein Hacker will seine Leser halt zufriedenstellen.

Sollten sich die Vorwürfe gegen Russland bestätigen, würde dies auf russische Bemühungen zur Untergrabung der US-Außenpolitik hinweisen.

Den US-Ermittlern zufolge wollte Russland mit dem Hackerangriff Spannungen zwischen den USA und ihren Verbündeten schüren.

Russland? USA? Da war doch was.

Die US-Geheimdienste waren bereits vergangenes Jahr zu dem Schluss gelangt, dass Russland hinter Hackerangriffen während des US-Wahlkampfs steckt.

So schließt sich der Kreis. Den Präsidenten, dem man angeblich zum Wahlsieg verholfen hat, will man nun wieder schädigen. Der Troll ist halt ein hin und hergerissenes Wesen. Immerhin eint ihn das mit anderen fast unbekannten Wesen, dem deutschen Außenminister, na wie heißt er noch gleich. Der findet nämlich Macron gut. Und den Jeremy Corbyn findet er auch gut. Und Schokolade. Und was zum Naschen. Vielleicht waren das aber auch nur Fake News.

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5 Kommentare auf "Russophobia dramatensis"

  1. cubus53 sagt:

    Der Artikel beschreibt sehr gut , wie das Russland-Bashing in den Medien ständig neu aufs Tablett gebracht wird. Allerdings können alle politisch Interessierten dieses Spiel leicht durchschauen. Es ist einfach zu schlecht gemacht.

    Journalisten, die dieses Spiel mitmachen, verkaufen die eigenen Konsumenten entweder für dumm, oder diese Journalisten sind dümmer als deren Leser. Ich befürchte letzteres.

    Beides ist schlecht fürs Mediengeschäft, schlecht für Karriere und das Ansehen der Journalisten in der Gesellschaft. Sie schaufeln sich damit ihr eigenes Grab.

    • Skyjumper sagt:

      Natürlich ist es schlecht gemacht. Aber nicht etwa weil die Journalisten nun plötzlich so sehr viel dümmer geworden sind als sie es früher schon waren (gute Journalisten gab es auch früher nun nicht wie Sand am Meer), sondern es ist so schlecht geworden weil schlecht gemacht für die Mehrheit der Bundesbürger (nach Belieben auch gerne andere westliche Länder einsetzen) ausreichend ist. Das Beurteilungsniveau der meisten Erwachsenen und Jungerwachsenen beschränkt sich hierzulande doch darauf zwischen Fernseher ist an, oder Fernseher ist aus, zu differenzieren. Zu beurteilen ob das was einem da vorgesetzt wird in irgendeiner Weise kausal stimmig ist da wirklich zu viel verlangt.

      Übrigens sind es auch russische Hacker gewesen die den Amis die Flugdaten des syrischen Kampffliegers gegeben haben. Freiwillig hätten die USA niemals ein Flugzeug das sich im eigenen Luftraum bewegt, und einem Land angehörig ist mit dem sich die USA nicht im Krieg befinden, abgeschossen. Ist doch wohl absolut selbstverständlich. Yes! Putin was it.

  2. beko sagt:

    Es gehört zu den Gepflogenheiten politisch-strategischer Streithähne, dem Antipoden den Schwarzen Peter zuzuschieben, sich selbst aber zutiefst positive Absichten zuzueignen. Und so „verteidigt“ denn die westliche Dreifaltigkeit ihre Werte (Demokratie, Freiheit, Menschenrechte) gegen die Widersacher und da stehen Putin_Russland ganz oben an. Die Appelle der Wendezeit, angesichts der leidvollen Erfahrungen mit Krieg und Konfrontation Feindbilder zu schleifen, verhallten leider ohne nennenswerte Spur, denn …

    So ein Feindbild ist eine probate Rezeptur.
    Es gibt dem Handeln Kraft und Struktur,
    Minimiert moralische Bedenken,
    VOR ALLEM erleichtert es das Denken –
    Denn Streitfragen sind damit leicht zu lösen,
    Man kennt im Nu die GUTEN und die BÖSEN
    Und das gänzlich ohne langes Gegrübel
    Über die tief’ren Ursachen der Übel.

    Ein Exempel mag das illustrieren:
    Als jüngst der Ukraine Zoff gedroht,
    Der WERTEWESTEN Herrn PUTIN gebot,
    Sich ohne Umschweife zu verfranzen,
    Sonst würden ihn Sanktionen kuranzen. –
    Hier machte unser Feindbild offenbar,
    Dass allein PUTIN der Rabauke war.

    Doch Mehrere warnten: „So geht das nicht!
    Diese Zuschreibungen sind viel zu schlicht.
    Um ein profundes Urteil zu wagen,
    Ist freilich auch Russland zu befragen.“ –

    Doch alle, die vom simplen Urteil überrascht,
    Wurden als „Putin-Versteher“ abgewatscht.

  3. bluestar sagt:

    Anhand des Niveaus der für das Volk gemachten Propaganda kann man dessen geistigen Zustand messen, wie am Wahlverhalten wohl auch. Auch wenn sich für Aufgeklärte und Fragesteller die Qualität der Propaganda mittlerweile unterhalb DDR-Niveau befinden mag, glaube ich an dessen verhängnisvolle Wirkung bei Schlafschafen.Die Massenmedien haben nun einmal nicht den Auftrag der Aufklärung sondern des Machterhalt der Eliten, sollen das Wahlvolk unterhalten, einlullen und emotional beschäftigen. Bisher haben sie diesen Job super gemacht. Dazu gehöret neben Nebelkerzen, Halbwahrheiten, Behauptungen und Empörungsmanagement auch die Feindpropaganda. Das Feindbild Russland dient zur Ablenkung von eigenen Problemen, zur Bedrohungs- und Hassbildung. Sündenböcke, kennen wir das nicht aus der deutschen Geschichte ? Es ist nur eine Frage der Zeit bis sich bei ununterbrochener Wiederholung, (vor allem junge Menschen) damit infizieren.

  4. Argonautiker sagt:

    Mit den Medien war es nie viel anders, denn Mediengestalter sind nun mal keine eigenständigen Berichtemacher, oder freie Schriftsteller, sondern Angestellte. Ein Angestellter muß nun mal tun, was der Chef will. Das war so, das ist so, und das wird auch so bleiben. Denn wenn Opel einen Schrauber einstellt, dann erwartet der Konzern auch, daß der in Ihrem Werk Opels zusammenschraubt und nicht irgendwas, was ihm gefällt. Wenn sie dort dafür brennen Opels bauen wollen, dann bekommen sie natürlich freie Hand. Sonst natürlich nicht.

    Es ist also nicht so ungewöhnlich, daß ein Angestellter zu tun hat, was der Chef vorgibt, sondern die Vorstellung ist falsch, daß Medienleute unabhängig sind.

    Aber es gibt natürlich schon Unterschiede zu „damals“. Einmal ist die politische Situation wesentlich brisanter als vor 20 Jahren, sodaß es damals nicht so wichtig war, wenn gesteuert berichtet wurde. Und dann hatten die Medienkonzerne seit dem Internet alle äußerst große Schwierigkeiten an zahlungswillige Kunden zu kommen. Man sprang Reihenweise ab und orientierte sich anders. Das die Regierung dann bereitwillig beiseite sprang und die Gebühren zur Pflicht erhob, hat die Medien finanziell gerettet, und ihren inhaltlichen Gehalt nahezu vollkommen zerstört.

    Seit dem gibt es weder Opels, VWs, oder Daimler mehr, sondern nur noch Staatsfunk. Wen wundert es, denn über den Medien schwebt eben dieses Damokles Schwert, daß die Politik sich vielleicht umentscheiden-, und die Zwangsfinanzierung für Verfassungswidrig erklären könnte. Doch das wird nicht passieren, denn die Beiden brauchen sich. Eine ideale Symbiose. Leider nicht für ihre Umwelt.

    Natürlich steht hinter der Politik die Hochfinanz. Und die will Rußland, weil dies das einzige Land mit genügend Atomwaffen ist, um sich nicht einfach so feindlich übernehmen zu lassen. Dummerweise möchte es auch nicht in einer Konzerndirigierten Globalisation nach deren Maßgabe aufgehen. Beziehungsweise, möchte es sich zu Mindest eine gehobene Position darin sichern, wenn nicht gar selbst die Macht haben.

    Man mag es kaum glauben, aber all der Mist, den wir derzeit erleben, hat seinen Urgrund darin, weil es Menschen gibt, die es nicht ertragen, daß Menschen versuchen eigenständig zu sein. Man will die absolute Kontrolle. Und da gibt es dann die Kollaborateure, wie zum Beispiel unsere Politiker, unsere Medien, die „niederen“ Banken, die Versicherungen, die Bürokratie, die alle lieber ihre Freiheit und Eigenständigkeit aufgeben, aber dafür einen gehobenen Platz in diesem Konstrukt einnehmen.

    Irgendwie verständlich, weil es ihnen ermöglicht ihr Leid in diesem Pyramidalen System an Untergebene abzugeben und die Untergebenen zwingt, ihre Ernte nach oben abzuliefern.

    Der Mensch und seine Schaffenskraft als solches ist zur Beute geworden, gejagt durch die Kollaborateure derer, die sich des Auf’s und Ab’s des Lebens verweigern, und mittels Regelsetzungen die Auf’s privatisieren, und die Ab’s sozialisieren, und so über das Sozialwesen die absolute Macht erlangen wollen.

    Alles strebt danach auf seine Weise diese Pyramide zu vervollständigen. Alles fusioniert ins immer größer Werdende, ins Unantastbare, ins Göttliche. Konzerne, Staaten, und viele sehen sich selbst am Liebsten so wie auf dem Dollarschein zu sehen, als allsehendes Auge über dem Schlußstein schweben. Nur noch wollend und befehlend.

    Ob hinter all dem eine riesige Lebensangst steckt? Wer weiß das schon?

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