Rückspiegel gegen das Vergessen

2. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Unfälle passieren nur den anderen. Das gilt auf der Autobahn wie an der Börse. Genauso flüchtig wie man den schlimmen Unfall auf der Gegenfahrbahn im Vorbeifahren sieht, schauen viele Anleger auf Dinge, die andere Aktienindizes als den Dax betreffen. Im Gegensatz zur Autobahn ist es aber möglich sofort anzuhalten und sich alles in einmal in Ruhe anzuschauen…

Es gibt einige Sätze, bei denen sich die Nackenhaare aufstellen. Neben der unseligen „Rotation“ von einer Assetklasse in die andere ist vor allem die drastische Reduktion des weltweiten Finanzmarktes auf einen Index bemerkenswert. Wie oft hört man „die Aktien steigen“ oder auch „ein steigender (oder auch fallender, ganz wie es gerade passt) Ölpreis ist gut für „die Aktienmärkte“. Solche Geschichten fallen eindeutig in die Kategorie Finanzunterhaltung. Man will es den Zuschauern nicht zu schwer machen, am Ende könnten die noch etwas lernen oder sogar hinterfragen. Wer will das schon, die Werbepartner sicherlich nicht.

Für den unbedarften Zuschauer mögen viele nachgereichte Begründungen für die täglichen Zuckungen des Finanzmarktes nach einem direkten Zusammenhang riechen. Oft passen natürlich auch die Richtungen der Kursbewegungen vieler Indizes ganz gut zusammen. Je länger aber der Betrachtungszeitraum wird, desto wirkungsvoller werden die kleinen täglichen und wöchentlichen Unterschiede einzelner Indizes. Nach ein paar Jahren zeigen sich vollkommen unterschiedliche Entwicklungen, so dass die Bezeichnung „die Entwicklung der Aktienmärkte“ immer diffuser wird.

Die folgenden Charts zeigen die Verläufe einiger Indizes in den letzten Jahren.

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Sehr hübsch auch der gefeierte Nikkei. Sie sehen einen der wohl längsten Drawdowns der jüngeren Geschichte.

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Es gibt natürlich auch positive Beispiele (zumindest was die Kursentwicklung der letzten Jahre angeht), allerdings muss man bei vielen Sektoren wiederum in den USA suchen. Der Chart des NASDAQ 100 Index ist ein Beispiel für einen nahe am Allzeithoch notierenden Tech-Index.

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Aus dem „bei uns darf auch die CoBa von Venture Capital faseln“-Land BRD kommt folgender Tech-Chart.

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Da ist nicht nur technologisch Luft nach oben. Aber in einem Land, in dem man  sich auch Firmen wie Rocket Intenet schönzureden versucht (siehe „Keine Gnade für Raketenforscher“), ist es halt um die Analyse nicht so gut bestellt.

Zurück zum ewig steigenden Investment. Nicht vergessen darf man beim Blick auf die Aktienindizes einen wichtigen Punkt. Jede Aktie wird, wie jedes andere Wertpapier, jederzeit von einem Anleger gehalten. Irgendjemand sitzt auf den Aktien des griechischen Aktienindex ASE. Natürlich hat deshalb nicht zwingend jeder Anleger 90% verloren, aber insgesamt haben die Anleger in diesem Markt eben eine Menge verloren. Das einzig unsichere ist die Verteilung der Verluste.

Auch die Dividenden, wenn auch über die Dauer erklecklich, retten das Gesamtbild nicht, wie unter anderem der Chart des Wiener ATX zeigt. Die obere Linie zeigt den Index inklusive reinvestierter Ausschüttungen.

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All diese Indizes berücksichtigen natürlich weder Steuern (auf Dividenden) noch Kosten. Die folgende Tabelle zeigt die gleichen Werte für die Preisindizes, also die Indizes ohne Dividenden.

Das alles spricht nicht für oder gegen die Aktienanlage. Die Verläufe sollten jedoch klar machen, was ein langer Anlagehorizont ist und wie trostlos die Erträge auch einer vermeintlich hochrentierlichen Assetklasse sein können. Manchmal steckt man auch nach 20 Jahren noch in einem Loch und schaut zurück auf die Höchststände der Indizes und fragt sich, wie konnte das bloß passieren. Dummerweise kann man die Zeit nicht zurückdrehen und nicht alle haben noch einmal 20 Jahre draufzulegen. Die folgende Tabelle (Quelle: Pension Partners) zeigt einen globalen Überblick.

PP Indices

Neben dem Abstand vom Allzeithoch ist auch die vergangene Zeit seit dem Allzeithoch interessant. Japan schießt hier dich gefolgt von Taiwan mit 318 Monaten den Vogel ab. Aber auch Thailand (270) oder Italien (siehe Chart oben) und Frankreich mit mehr als 15 Jahren sind nicht nur preisseitig weit weg von den Gipfeln der Vergangenheit. Vielleicht taucht so eine Tabelle ja mal in den schwulstigen Seiten zur Kapitalanlage in der FAZ oder den verwandten Gratisgazetten in Bahn und Flugzeug auf. Fakten, Fakten, Fakten.

Daher sollte man sich rechtzeitig vor der Anlage überlegen was alles passieren kann. Naive Ansätze wie sie auch von nicht wenigen institutionellen Anlegern verfolgt werden, die von festen Renditeerwartungen ausgehen, wie etwa 6% oder 8% pro Jahr haben gute Chancen, später finanziell im Regen zu stehen. Die Frage, wie man zu solchen Annahmen kommt, erklärt den ganzen Unsinn der Branche. Man schaut, welche Erträge man braucht, und bastelt sich dann eine Asset Allokation, die irgendwelchen Vermutungen zufolge zu den Wunscherträgen führen soll. Wenn es nicht klappt, ist dann der Asset Manager schuld, was nicht mehr als eine weitere Folge der üblichen Suche nach dem Sündenbock ist. Hauptsache man hat selber alles richtig gemacht. Wie immer.

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