Rotations-Irrsinn von Wolke 7

15. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Während die Wirtschaft kränkelt, die Gewinnmargen auf einem Rekordhoch und die Zinsen nahe einem Rekordtief sind, erfinden die Finanzvertriebe eine neuen Geschichte: Die große Rotation. Wie diese funktionieren soll, verschweigen die Auguren….

Sicher haben sie schon vom neuen Modethema der Fondsverkäufer gehört. Das laufende Jahr, möglicherweise auch gleich das aktuelle Jahrhundert, wird die Ära der Rotation. Nicht das Schwindelgefühl vieler Anleger angesichts der Mikrorenditen ist gemeint. Vielmehr hat die Wall Street eine vollkommen neue Theorie der Geldanlage entdeckt.

Die Finanzalchemisten predigen, das Geld würde „aus Bonds heraus und in Aktien hineinfließen“. Wie das genau funktionieren soll in einer Welt, in der nun einmal jede Aktie und jede Anleihe von irgendjemandem gehalten werden muss, bleibt nebulös.

Ein Erklärungsansatz für die Möglichkeit verwaister Finanzanlagen wären „Anlage-Clouds“, eine Art anonymer Aufbewahrungsmöglichkeit für ungeliebte Assets. In die Anleihenwolke kann jeder Anleger ein Wertpapier ablegen und erhält aus dem nichts Cash. Mit diesem Geld erwirbt der glückselige ehemalige Anleihebesitzer nun Aktien aus der Aktienwolke, die im Gegenzug dankbar sein Geld schluckt. Prima, so kann ein Käufer kaufen, ohne dass ein Verkäufer verkaufen muss und umgekehrt. Das klingt doch toll, vielleicht ist es sogar „sozialverträglich“ auf jeden Fall aber modern.

So hübsch es aussieht, so unmöglich ist es. Will jemand seine Anleihen verkaufen und das freiwerdende Geld in Aktien investieren, benötigt er zwei Gegenseiten. Jeder Bond und jede Aktie werden jederzeit von irgendjemandem gehalten. Kein Käufer ohne Verkäufer.

Sehr wohl möglich sind natürlich Veränderungen der gehaltenen Volumina. Je nach Kurs schwankt der aggregierte Marktwert aller ausstehenden Anleihen und Aktien. Wenn Anleihebesitzer ein brennendes Verlangen verspüren, ihren Bestand auf den Markt zu werfen und Aktien zu kaufen, die Aktienbesitzer sich aber nur zu immer höheren Preisen von ihren Anteilsscheinen trennen mögen, kann Druck auf die Anleihekurse entstehen und die Preise von Aktien können zulegen. Letztendlich ändert dies jedoch nichts daran, dass zwischen diesen Assetklassen nicht „rotiert“ wird. Kauft niemand die Anleihe, oder verkauft niemand die Aktie dann wird es nichts mit Kauf und Verkauf.

Das Verhältnis ausstehender Bonds und Aktien wurde in den letzten Jahren vor allem durch die starke Ausweitung des Hebels im Finanzsystem geprägt. Wenn etwa Banken in der relativen Betrachtung über Jahrzehnte mehr neues Fremdkapital als Eigenkapital aufnehmen, also den Hebel steigern, verlagert sich im Gesamtsystem die Quote von Bankanleihen zu Bankaktien. Irgendjemand hat all diese Papiere gekauft und irgendjemand wird diese halten bis sie ausfallen, oder fällig werden.

Wenig hilfreich sind die regelmäßig als Beleg für die Rotation genannten Mittelabflüsse aus Anleihefonds. Ein Fonds muss, um den Kunden das abgezogene Geld zu überweisen, Anleihen verkaufen. Somit sinkt das in dem Fonds verwaltete Vermögen. Diese Schrumpfung des Fondsvolumens ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Schrumpfung des Bondmarktes. Wenn es so einfach wäre, hätten viele ehemals offene Immobilienfonds einfach an einer „Rotation aus Immobilien in Cash“ teilgenommen, die jedoch wegen Unmöglichkeit ins Wasser gefallen ist.

Was dabei herauskommt, wenn man keinen Käufer findet, ist bekannt. Die Fonds wurden geschlossen, die Kunden sahen kein Geld und kamen auf ganz andere Art und Weise ins Rotieren, als sich das so mancher gewünscht hat. Den Bestand an Immobilien hat all dies nicht interessiert.

P.S.: Nebenbei bemerkt hat so manches Wall Street Unternehmen neben der Verbreitung ständig neuer Verkaufskonzepte auch ein nachgewiesenes Talent, ihre Kunden aus so manchem Wertpapier zeitnah herausrotieren zu lassen…



 

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4 Kommentare auf "Rotations-Irrsinn von Wolke 7"

  1. Lickneeson sagt:

    Das Rotationsprinzip beruht wohl ähnlich auf dem Glauben wie die Speisung tausender Gläubiger(religiös!) bzw. Hungriger vor einigen 1000 Jahren durch Herrn Jesus von Nazareth.

    Wenn man tausende mit 2 Fischen und 5 Broten satt machen will liegt es entweder an der mangelden Qualität der Lebensmittel oder an sehr kleinem Magen.Entscheidend ist der Glaube an die Botschaft und so legt eigentlich jeder Fondmanager z. Zt. dieselbe Platte auf, wenn er nach dem Ausblick zu Bond/Aktienmärkten befragt wird.

    Liquidität, mangelde Alternativen und Rotation.

    „P.S.: Nebenbei bemerkt hat so manches Wall Street Unternehmen neben der Verbreitung ständig neuer Verkaufskonzepte auch ein nachgewiesenes Talent, ihre Kunden aus so manchem Wertpapier zeitnah herausrotieren zu lassen…“

    Wohl war und Jesus Blankfein ist ein Meister dieses Fachs…

    MfG

  2. Michael sagt:

    The Last Waltz? Cult of the Equity – on the return:) Letztes mal wurde das 2007 versucht, ein Monat später, las ich einem Artikel, war es dann soweit. Der Zusammenhang – erste Rotation hin zu Anleihen nach dem .com Crash begonnen hätte.

    Die (U.S.) Government Bonds werfen seit 10 Jahren rückläufige Rendite ab. Interessant, dass so mancher Schreiberling an einem anderen Ort einen Zusammenhang mit QE herstellt – nicht evident. Diese unrentablen Papiere sollen durch Aktien und Unternehmensanleihen abgelöst werden. Der Zeitraum dieser großen Rotation ist eine Dekade ca… wäre anzunehmen.

    Laßt uns mal abwarten, was das Jahr so bringt. Nur Gutes und Wachstum wie anderen Orts.

    Aber egal, für bodenständige Investoren gibt es Farmland zu erstehen, erfreut sich großer Beliebtheit.
    http://bastiat.mises.org/2013/02/2646/

    Aber dort gäbe es wirklich eine Rotation. Man pflanzt anderes Getreide. Tja, aber ist das Farmland denn überhaupt bewässert… Fragen über Fragen.

  3. Dagobert sagt:

    Wie hier dargelegt funktioniert diese Grosse Rotation natürlich nicht wie eine simple „Milchmädchenrechnung“…nichtsdestotrotz sind folg. Sachverhalte doch interessant:

    1)Seit 1800 folgen alle Zinswenden einem 30-Jahre-Zyklus
    2)Zinswenden führten im letzten Jahrhundert immer zu Aktienhaussen
    3)Die durchschnittliche(!) Rendite 10-Jährige-US-Staatsanleihen lag zwischen 1912-2012 bei 6.5% (1981: 16%; 24.07.2012 – also 2 Tage vor Draghi’s *believe-me* – bei 1.39%)

    …und ein paar interessante Zitate aus der FuW – hier ist die Grosse Rotation seit einiger Zeit sogar „Chefsache“:

    „Im Bondmarkt hat sich heute nach dreissig Jahren Hausse ein Monster von Bewertungsblase gebildet.“ Chefredaktor FuW (08.12.’12)

    „Alle starren auf den Aktienmarkt – in Wahrheit haben die Zentralbanken die BOND-Märkte gigantisch m a n i p u l i e r t und aufgepumpt. Auch der Aktienmarkt ist überbewertet – Aber der viel grössere(!) Bondmark ist eben noch viel teurer!“ GMO-Jeremy Grantham

    „Die Grosse Rotation findet eben nicht über Nacht statt; das ist ein mehrjähriger Prozess der immer(!) von vielen zyklischen Rückschlägen unterbrochen wird…er hat letztes Jahr (Sommer: USA; D; UK; CD; AUS/ Dezember: J; CH) aber begonnen und aus risikolosen Staatsanleihen wurden nunmehr ertragslose Risiken!“ A.C.

    Eines interessiert mich natürlich brennend bzgl. der steigenden Zinsen – bereitet mir sogar richtig Kopfzerbrechen seit ich letzte Woche ein Interview mit Marc Faber – Mr. Doom – las:

    „Der Zinsdienst in Japan beträgt schon jetzt die Hälfte der Steuereinnahmen. Verdoppeln sich die Zinsen, hat der Staat ein Problem.“ ….sein CNBC-Klassiker: „The air is out“ kommt mir da sofort wieder in den Sinn…also wenn Regierungschef Mr. Abe bei solchen Problemen nur leichte Verdauungsprobleme bekommt und nicht gleich einen Herzinfarkt…Chapeau!

    Wandern bald alle Staatsanleihen direkt zu den Zentralbanken – nachdem die neue Position „Cloud“ errichtet wurde (in Anlehnung an die ausserbilanzlichen Positionen der „normalen“ Banken)?

    Fragen über Fragen…
    Dagobert

  4. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Dagobert,

    ja so ist es, es gibt keine Rotation weil sie eben nicht funktioniert. Es gibt Umschichtungen von Anlegern, die ihrerseits bedingen, dass andere exakt die umgekehrte Umschichtung vornehmen. Das hat nichts mit „Milchmädchenrechungen“ zu tun, es ist technisch nicht möglich. Das bedeutet nicht, dass nicht der eine oder andere Anleihegläubiger lieber Aktien hätte. Diese Bewegung bedingt jedoch Transaktionen mit zwei Teilnehmern und gegensätzlichen Interessen.

    Nicht vergessen sollte man bei Anleihen, dass die Papiere wenn es nicht zur Insolvenz kommt, zu 100 zurückgezahlt werden. Selbst ein Renditeanstieg hat somit nur temporäre Folgen, denn je nach Laufzeit greift der pull-to-par Effekt. Kann eine Firma ihre Anleihen nicht bedienen übernehmen die Bondholder das Kommando und die Aktie wird zu null ausgebucht.

    Das bedeutet nicht, dass es besonders schlau ist, heute in Anleihen zu investieren. Es ist nur alles nicht so einfach, wie es mancherorts sehr plakativ dargestellt wird.

    Im vergangenen Jahrhundert gab es in den USA nur zwei große übergeordnete Zins-Bewegungen. Zum einen stiegen die Zinsniveaus bis in die 80er Jahre hinein deutlich in den zweistelligen Bereich. Danach fielen sie bis heute auf das bekannte Niveau. Die größte Hausse aller Zeiten begann 1982 übrigens ausgehend von einem Zinshoch, was durchaus plausibel ist. Auch heute würden deutlich steigende Zinsen vielen Firmen (und deren Aktien) nicht gut bekommen.

    Sie sagen es: Fragen über Fragen!

    Ihnen ein schönes Wochenende
    Bankhaus Rott

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