Rohstoffe und Inflation. Die Totgesagten leben länger!

9. Januar 2018 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wenige Dinge sind bei Investoren derzeit so unbeliebt wie Rohstoffe. Viele Anleger tummeln sich in Aktien und Anleihen, einige sind auch in Cryptos unterwegs. Die Favoriten könnten im kommenden Jahr jedoch ganz woanders warten.

Kürzlich hörten wir einen Vortrag, in dem ein Analyst ein Szenario verkündete, in dem eine sinkende Arbeitslosigkeit, anziehende Produktion und globales Wachstum mit einer Inflation von nahezu Null Hand in Hang gingen. Auf die von jemandem gestellte, nachvollziehbare Frage, wie man in diesem Szenario auf die nicht vorhandene Inflation komme, führte er als Lösung den technischen Fortschritt an.

Dieser technische Fortschritt ist generell nicht von der Hand zu weisen, allerdings gibt es diesen nicht erst seit dem Internet und der Keramik-Zahnfüllung. Der Fortschritt ist – zumindest in einigen Ländern – ein dauerhaftes Phänomen. Vielen Menschen kommt das heutige auch dann besonders bedeutsam vor, wenn sie nichts dazu beigetragen haben. Dennoch sollte man die gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen von Telegraf, Telefon, Eisenbahn, Fließband und einigen anderen Erfindungen der letzten Jahrhunderte ebenso wenig unterschätzen wie manchen medizinischen Fortschritt, eine funktionierende Kanalisation oder ein meistens funktionierendes Stromnetz. Diese und viele andere Entwicklungen haben ganze Industriezweige verändert oder ausgerottet und neue und oft größere neu entstehen lassen. Die Kosten und Qualität vieler Dinge haben sich nicht erst in den letzten 100 Jahren oft massiv verbessert. Die Inflation kam dabei, dass wissen auch die, die nicht zwei Mal der totalen Geldentwertung beiwohnten, nie zu kurz. Sie wird auch in einem globalen Aufschwungs-Szenario des Herrn Analysten nicht zu kurz kommen.

Warum der durchaus intelligent wirkende Mann dies so sah, wissen wir nicht. Möglicherweise gibt es aber einen Zusammenhang zwischen dieser Hoffnung und dem Kernprodukt des Hauses für das er tätig war, das – wie ärgerlich – ein zig Milliarden schwerer Anleihefonds ist. Dieser hätte natürlich in Zeiten zunehmender Inflation und bis dato immer noch viel zu niedriger Zinsen ein paar schmerzhafte Jahre vor sich. Viele Anleger fänden wohl in Erwartung eines solchen realistischeren Szenarios keinen unmittelbaren Kaufgrund für ein solches Produkt.

Nun muss jede Anleihe ebenso wie jede Aktie zu jeder Zeit von irgend jemanden gehalten werden. Aus der bloßen Verteilung von Renten und Aktien über die globale Anlegerschaft lässt sich allen anders tönenden Marktschreiern daher lediglich ablesen, wie viele Aktien und Anleihen es gibt und zu welchen Kursen diese gehandelt werden. Aus einer globalen Asset Allokation großartige Vorlieben der Anleger herauszulesen ergibt ebenso wenig Sinn wie die Mär vom „Cash an der Seitenlinie“. So etwas kann es schon rein technisch nicht geben, was der Beliebtheit dieser Geschichte keinen Abbruch tut.

Bei den Rohstoffen sieht alles ein bisschen anders aus. Rohstofffonds agieren am Terminmarkt und halten die Materialien nicht oder nur sehr selten physisch. Am Terminmarkt existiert im Gegensatz zu Aktien- oder Anleihemärkten für jede Position eine Gegenposition. Daher stimmt an den Terminmärkten der Spruch, das Geld ist nicht weg, es ist nur woanders. An den Aktienmärkten ist das Unfug, dort kann das Geld im wahrsten Sinne verdampfen.

Die Neuauflage von Rohstofffonds ist eine ebenso zyklische Erscheinung wie die anderer Anlagevehikel. Sind Aktien ein paar Jahre gut gelaufen werden eine Vielzahl neuer Aktienfonds aufgelegt. Laufen Rohstoffe eine Zeit lang gut gibt es wieder mehr Rohstofffonds. Am Ende einer Aufwärtsbewegung ist die Zahl neuer Produkte am höchsten, vor einer Aufwärtsbewegung interessiert sich fast niemand für die entsprechenden Produkte, Fonds werden abgewickelt, kaum neue aufgelegt. Allein mit diesem Wissen und ein paar Bemühungen, an die richtigen Daten zu gelangen, lässt sich langfristig mehr anfangen als mit der täglichen Lektüre von Gabors heißem Blatt oder anderen Finanzgazettchen.

Aufschlussreich ist die aktuelle Situation, in der sich ein Blick auf die Geburten- und Sterbetabelle von Crypto-Funds und Rohstofffonds anbietet. Kaum hat sich das eine oder andere digitale token verhundertfacht, schon wachen die Investoren auf und wollen mit geraumer Verspätung noch schnell dabei sein.

Neu aufgelegte Crypto Fonds und Rohstoff Fonds. Bitcoin oder Kupfer?

Aus Geldmangel lösen vielleicht sogar manche ihre Rohstoffpositionen auf um andernorts dabei zu sein. So wie es aussieht, ist das Interesse an Grundstoffen zumindest als gedämpft zu bezeichnen. Nach mehreren Jahren Baisse am Rohstoffmarkt und nach wie vor ungelösten Versorgungsproblemen bei vielen Rohstoffen sollte sich der Pessimismus für diesen Sektor eigentlich langsam aber sicher abbauen, aber der Mensch, vor allem der anlegende, ist in etwa gleichem Maße ein Gewohnheits- und ein Herdentier.

Der Blick auf die Spot-Preise der Rohstoffe zeigt eine mehrjährige Korrektur und einen markanten Tiefpunkt. Am Tresen muss man für ein am CRB Index ausgerichtetes Rohstoffportfolio derzeit lediglich 62% mehr bezahlen als 1980.

CRB Rohstoffindex beendet die Korrektur. Steigen Rohstoffe in 2018 deutlich?

Seither ist die Weltbevölkerung um rund 80% gewachsen, der Aktienmarkt um 1500% gestiegen und das weltweite GDP in US$ gerechnet um 665% gewachsen. Die Erzgrade fallen seit geraumer Zeit und nicht nur beim Erdöl muss man seine Bohrgestänge in immer abenteuerliche Gegenden transportieren. Wirklich nennenswerte Funde, die man auch fördern kann ohne nach ein paar Monaten Insolvenz anzumelden gibt es kaum.

Lassen Sie sich von den im Netz kursierenden dramatisch fallenden Rohstoffcharts nicht verwirren. Die meisten zeigen die Entwicklung der Futures-basierten Termin-Indizes. Diese sind für Investoren sicher relevant, geben jedoch nicht die Entwicklung der Rohstoffpreise sondern die Entwicklung einer Investition in Rohstoff-Futures wieder. Zur Beurteilung wie die Entwicklung der Preise war können nur die Spot-Preise herangezogen werden. Das sind die Preise, die der Heizölmann bei Ihnen abrechnet.

Die knallharte Bereinigung im Bergbausektor und in den Bereichen Energie und Öl- und Gasfelddienstleistungen haben bei den Bewertungen der entsprechenden Aktien Spuren hinterlassen. Während manche immer noch mit Altlasten kämpfen und ums finanzielle Überleben bangen, gehen andere bereits wieder ohne Nettoschulden und mit positiven Cash Flows in die nächste Runde. Die folgende Tabelle zeigt die Bewertungen des und Öl- und Gas-Dienstleistungssektors in den USA.

  • Kurs/Buchwert: 0,91
  • Kurs/Cash-Flow: 12
  • Kurs/Umsatz: 1,3

Die Öldienstleister werden derzeit rund 10% unter Buchwert gehandelt. Für den ganzen Sektor müsste man lediglich 30% mehr als den aktuellen Jahresumsatzes auf den Tisch legen. Gerade dieser Punkt ist interessant, denn die Umsätze sind durch die niedrigen Ölpreise und den zurückliegenden Abschwung immer noch auf niedrigem Niveau. Vergleicht man die Bewertung mit den mittleren Umsätzen der letzten zehn Jahre so legt man nur 58% des mittleren Jahresumsatz auf den Tisch. Teuer ist das nicht, was auch für die Bewertung anhand vieler andere Kennzahlen gilt.

Wer in der digitalen Welt genug verdient hat und sich zumindest stärker diversifizieren will, der sollte sich Zeit für einen Blick in die Realwelt nehmen. Es könnte sich lohnen, denn es bleibt dabei: Am Rohstoffmarkt hilft langfristig nichts so gut gegen niedrige Preise wie niedrige Preise.

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