Robert Rethfeld: Der ideale Zyklus

23. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Robert Rethfeld

Die Fußball-Weltmeisterschaft sowie die Olympischen Spiele stellen die zwei sportlichen Großereignisse der heutigen Zeit dar. Beide Ereignisse werden jeweils in einem 4-Jahres-Zyklus ausgetragen. Fußball-Nationalspieler Thomas Müller äußerte sich in einem Interview wie folgt: Es sei froh, dass die Fußball-WM nur alle vier Jahre stattfindet. Es sei dann etwas Besonderes. Der große Abstand steigere die Motivation…

Ein Fußball-Nationalspieler erhält drei, maximal vier Chancen, den Traum vom Titel zu verwirklichen. Thomas Müller war im Jahr 2010 zwanzig Jahre alt. Im Jahr 2022 könnte er mit 32 Jahren seine letzte WM spielen. In einem kurzen Fußballer-Leben sind drei bis vier Chancen nicht viel. Die Motivation für einen Titel wird durch die Verknappung der Gelegenheiten deutlich gesteigert. Man denke auch an Ranglisten wie diejenige des „ewigen“ Torschützen. Diese Tabelle führt jetzt Miroslav Klose mit 15 Treffern in 20 Spielen bei vier Weltmeisterschaften an.

Findet eine WM im jährlichen Rhythmus statt, so verliert sie an Wert. Man denke nur an die jährlich stattfindende Eishockey-Weltmeisterschaft. Der Wert einer solchen WM leidet unter dem kurzen Zyklus. Selbst den zweijährigen Zyklus der Handball-WM empfinden manche als nicht lang genug.

Andererseits haben sehr lange Zyklen ebenfalls Nachteile. Zwar lässt sich – außerhalb des Sports – der Zehn-Jahres-Zyklus der Oberammergauer Passionsspiele benennen. Der Zyklus gilt – mit wenigen Ausnahmen – seit dem Jahr 1680. Das im 19. Jahrhundert einsetzende und weiterhin anhaltende große Publikumsinteresse sowie die Wichtigkeit der Passionsspiele als Wirtschaftsfaktor dürften den Fortbestand der Spiele auf längere Zeit sichern.

Im Sport ergeben längere Abstände als vier Jahre keinen Sinn. Deshalb gibt es sie nicht – jedenfalls nicht bei Großereignissen. Sportarten mit extrem langen Zyklen würden mit der relativ kurzen Periode, in denen sich ein Sportler in Topform befindet, kollidieren. Zudem dürften Titel bei Ereignissen, die lediglich alle zehn Jahre stattfinden, in Vergessenheit geraten.

Der Vier-Jahres-Zyklus scheint der ideale Zyklus zu sein. Einerseits ist er lang genug, um durch Knappheit eine hohe Wertigkeit aufzubauen. Andererseits ermöglicht er einem Sportler drei bis vier Chancen, um einen Titel zu holen bzw. Olympiasieger zu werden.

Der Ursprung der westlichen Kultur befindet sich in Griechenland. Dort, im antiken Olympia, wurden von 776 v. Chr. bis in vierte Jahrhundert n. Chr. die Olympischen Spiele durchgeführt. Man sollte sich vor Augen halten, dass die antiken Olympischen Spiele über einen verbürgten Zeitraum von mehr als 1.100 Jahren stattfanden. Die Vier-Jahres-Periode zwischen zwei olympischen Spielen trug im alltäglichen Sprachgebrauch den Begriff Olympiade. Da Griechenland die Wiege der westlichen Zivilisation ist, erscheint es nicht abwegig, den Vier-Jahres-Zyklus als „zivilisatorisch mit der Muttermilch aufgesogen“ zu betrachten. Die Idee der Olympischen Spiele wurde im Jahr 1896 in Athen wieder aufgenommen. Moderne Olympische Spiele werden seit 118 Jahren ausgetragen. Die erste Fußball-Weltmeisterschaft fand im Jahr 1930 in Uruguay statt.

Neben dem Rhythmus sportlicher Großereignisse fungiert der Vier-Jahres-Zyklus als Taktgeber der Politik. Eine der bedeutsamsten Wahlen der Welt – die Wahl zum US-Präsidenten – wird seit dem Jahr 1788 alle vier Jahre durchgeführt. Die US-Präsidentschaftswahlen finden stets im gleichen Jahr wie die olympischen Spiele statt.

Allerdings zeigt sich der Fünf-Jahres-Zyklus politisch als fast genauso gebräuchlich: Das britische Parlament und die französische Nationalversammlung werden alle fünf Jahre gewählt, genauso wie das europäische Parlament. Hinzu kommen einige in diesem Rhythmus stattfindenden Kommunal- und Landtagswahlen in Deutschland.

Als „Wellenreiter“ ist die Betrachtung von Börsenzyklen eine unserer originären Aufgaben. Kein regelmäßiger Zyklus beeinflusst die Börse so stark wie der Vier-Jahres-Zyklus. Der Einfluss der US-Wahlzyklus auf die Börse ist historisch betrachtet dominant. Dahinter rangiert der 30-Jahre-Generationen-Zyklus. Und dann länger nichts. Ein Kondratrieff-Zyklus klingt gut, hat aber den Nachteil unterschiedlicher – und zudem umstrittener – Periodenlängen.

Erklärt wird das Auftreten des Vier-Jahres-Zyklus damit, dass US-Präsidenten jeweils im Vorwahl- oder Wahljahr die Konjunktur ankurbeln, um ihre Wahl abzusichern. Tatsächlich beginnt der Dow Jones Index häufig im Herbst eines US-Zwischenwahljahres einen beachtlichen Anstieg (siehe Pfeil folgender Chart).

 

 

Auf dem obigen Chart ist der Durchschnittsverlauf dieses Vier-Jahres-Zyklus dargestellt. Das laufende Jahr 2014 ist ein Zwischenwahljahr. Eine Fußball-WM findet stets in einem Zwischenwahljahr statt… (Seite 2)



 

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