Risiken streuen, Chancen nutzen

21. Oktober 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Manfred Gburek

Die Euro-Länder mit Deutschland und Frankreich als Vorreiter haben zwei Möglichkeiten, ihren Streit zu schlichten und damit ihre Krise wenigstens zum Teil zu bewältigen: Entweder sie schaffen es, ein finanzielles Gerüst zu konstruieren, auf dem sie in den kommenden Jahren aufbauen können, oder sie vollbringen noch ein Wunder…

Gelingt ihnen beides nicht, ist mit dramatischen Turbulenzen an den Kapitalmärkten zu rechnen.

Da Wunder selten vorkommen, bleibt de facto nur die Gerüst-Alternative. Beginnen wir dazu mit einem aberwitzigen Vorschlag von EU-Kommissar Michel Barnier, der allen Ernstes dafür plädiert, die Ratingagenturen so lange von der Bewertung eines Landes abzuhalten, wie es um Hilfe des Euro-Rettungsschirms oder des Internationalen Währungsfonds bittet. So tief ist das Niveau also schon gesunken. Man braucht sich wohl nicht mehr zu wundern, wenn demnächst ein weiterer Politiker vorschlägt, nur Regierungen dürften Länder raten.

Wie sieht nun die Alternative aus? Etwa so, wie Frankreich sie haben will, ohne dass Deutschland sie wieder kassiert. Andeutungen zu ihrer Ausgestaltung gab es zuletzt ja hinreichend, nur dass sie uns nicht als konkrete Vorschläge, sondern als Warnungen erreichten. Ein Beispiel: „Dann würde wohl bald die Notenpresse heiß laufen, und der Euro wäre tatsächlich am Ende“, warnte ifo-Volkswirt Kai Carstensen vor der zurzeit heiß diskutierten Alternative, dem Euro-Rettungsschirm eine Banklizenz zu erteilen. Und der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing äußerte sich wie folgt warnend zur monetären Finanzierung der öffentlichen Hand: Wer erwäge, deren Verbot aufzuheben, öffne der Politik „den Zugang zur Notenpresse“.

Fasst man die Erkenntnisse aus allen Warnungen und Kommentaren von hoher und höchster Warte zusammen, schält sich ein Kompromiss heraus, der nicht viel Gutes verheißt: Euro-Erosion, vulgo Notenpresse, Finanzmärkte, die vor lauter Unruhen erst noch ihre Richtung finden müssen, und hilflose Politiker, die uns einreden, sei seien die Lösung und nicht das Problem.

Die Geldanlage ist in solchen Zeiten noch mehr eine Kunst als in Zeiten ruhiger Finanzmärkte. Deshalb gleich zu ihr: Am besten, Sie ziehen Ihre physischen Gold- und Silberbestände stur durch, halten Cash in etwa derselben Größenordnung vor, um später auf niedrigerem Kursniveau Aktien zu kaufen, und beobachten die relevanten Märkte noch intensiver als bisher. Das alles kommt Ihnen sicher bekannt vor, aber wir haben es halt immer noch mit dem Megatrend der Edelmetalle, mit temporären Liquiditätsengpässen und stark schwankenden Aktienkursen zu tun, die ihren Boden erst noch finden müssen.

Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang ein psychologischer Faktor, der mit der Risikostreuung bzw. mit deren mangelnder Beachtung zu tun hat. Versetzen wir uns dazu in die Lage eines Anlegers, das sein ganzes Vermögen einseitig in Gold und Silber, in deutsche Aktien, in Anleihen, in Festgeld oder in sonst was investiert hat. Die Folge: Dieser Anleger wird seines Lebens nicht mehr froh, weil er ständig ganz nervös die Preise bzw. Kurse verfolgt – zum einen, um zu ermitteln, ob er gerade reicher oder ärmer geworden ist, zum anderen (im Festgeld-Fall), um zu erfahren, ob ihm nicht evtl. das eine oder andere Aktienschnäppchen entgangen ist.

Allein die Gefahr, durch eine einseitige Vermögenskonzentration hypernervös zu werden, sollte indes nicht davon abhalten, Anlageschwerpunkte zu bilden, wenn diese gerade hohe Gewinne oder Renditen versprechen. Es gibt nämlich so etwas wie die goldene Mitte zwischen Risikostreuung und Schwerpunktsetzung. Die müssen alle Anleger zwar individuell für sich selbst herausfinden, aber bestimmte Grundsätze gelten für alle… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Risiken streuen, Chancen nutzen"

  1. Alchemist sagt:

    Hallo,

    klar, einverstanden mit Risikostreuung etc., Schwerpunktbildung je nach Situation und persönlicher Expertise in bestimmten Bereichen (künftige Industrieschwerpunkte, beispielsweise).

    Interessant: ihr Kommentar am Ende zu „Schnäppchen“. Verstehe ich richtig, es ist zu erwarten dass Edelmettalle nochmal runter rauschen sollten bevor es stärker nach oben geht, und dass Aktien das gleiche machen, nur später? Gibt es dafür eine Ursache?

    Gruß,

    der Alchemist

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