Rezessionen entziehen sich den Prognosekünsten der meisten Ökonomen

22. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Claus Vogt  Der Wirtschaftszyklus ist ein altbekanntes Phänomen. Für Unternehmer und Investoren, aber auch für Politiker, die nach Wählerstimmen gieren, wären selbst halbwegs treffsichere Prognosen des Hin und Her zwischen Aufschwung und Rezession von unschätzbarem Wert. Allein, es will der überwältigend großen Mehrheit der Ökonomen einfach nicht gelingen…

…das Auf und Ab der Wirtschaft zu verstehen, geschweige denn vorherzusagen.

Das ist auf den ersten Blick durchaus erstaulich, denn es gibt zumindest einen Rezessionsindikator, der in der gesamten Nachkriegszeit kein einziges Fehlsignal gegeben hat: eine inverse Zinsstruktur. Immer, wenn die kurzfristigen Zinsen höher waren als die langfristigen, kam es anschließend zu einer Rezession. Ausnahmslos.

Aber leider ist auch dieser Indikator nicht perfekt. Denn es gab auch Rezessionen, denen keine inverse Zinsstruktur vorausgegangen ist. Außerdem hat die Nullzinspolitik der Fed diesen Indikator zerstört. Denn mit dem Einfrieren der kurzfristigen Zinsen in der Nähe von 0% ist eine inverse Zinsstruktur natürlich nicht mehr möglich. Damit gleichen Bernanke und Co. Ärzten, die mutwillig das Fieberthermometer zerstört haben – und dennoch glauben, den Zustand ihrer Patienten beurteilen zu können.

„Bull Sells“, pflegen die Amerikaner so treffend zu sagen

Erstaunlicherweise haben es die „üblichen Verdächtigen“ der Ökonomenzunft – also alle, die in den Massenmedien regelmäßig zu Wort kommen dürfen – auch in den sehr einfachen Fällen einer inversen Zinsstruktur nicht geschafft, die sich abzeichnende Rezession zu erkennen. Sogar, wenn die Rezession schon längst begonnen hatte, konnten diese Experten sie gewöhnlich immer noch nicht sehen.

Können sie es wirklich nicht? Oder wollen sie es nicht können? „Bull sells“, pflegen meine amerikanischen Freunde in solchen Fällen zu sagen, und meinen damit nicht nur „bull“ im Sinne bullisher Prognosen.

Auch Zentralbanker können keine Rezession erkennen …

Zu diesen konsequenten Rezessions-Verkennern gehört interessanterweise auch das Heer der Ökonomen, die im Dienste der Zentralbanken stehen, mit ihrer Galionsfigur Ben Bernanke an der Spitze, dem Messias der geldpolitischen Planwirtschaft. Beispielsweise trat Letzterer im Januar 2008 mit den ebenso schönen wie bezeichnenden Worten vor die Presse: „Die Fed prognostiziert derzeit keine Rezession.“

Wie wir heute wissen – und wie ich aufgrund der in 2007 invers gewordenen Zinsstruktur vorhergesagt hatte – befand sich die US-Wirtschaft zu diesem Zeitpunkt bereits in einer Rezession. Einige Monate später, im Juni 2008, legte Bernanke sogar noch einmal nach. Jetzt versicherte er seinem Publikum, dass das Rezessionsrisiko inzwischen deutlich kleiner geworden sei.

… und werden dennoch nicht bescheiden

Diese geradezu groteske Fehleinschätzung wäre völlig unbedeutend, wenn dieser Mann und die Seinen sich nicht anmaßen würden, zu wissen, wie hoch die Zinsen oder das Geldmengenwachstum sein sollten. Diese Bürokraten verfügen genauso wenig über dieses Wissen wie Sie und ich. Dennoch manipulieren sie in nie zuvor gesehenem Umfang die Finanzmärkte und hantieren nach Belieben an den Hebeln der Gelddruckmaschine.

Als Wissenschaftler sollte Bernanke eigentlich etwas bescheidener sein. Aber Bescheidenheit ist seine Sache offensichtlich nicht. Auf die Frage eines Journalisten, wie sicher er sich denn sei, alles unter Kontrolle zu haben, gab er die vor Selbstüberschätzung und Ignoranz nur so strotzende Antwort: „Einhundert Prozent.“

Am besten ignorieren

Da die Ökonomenzunft inklusive der Zentralbanknomenklatura hinreichend bewiesen hat, dass sie nicht in der Lage sind, Rezessionen vorherzusehen, macht es natürlich keinen Sinn, ihre Prognosen zu verfolgen. Was nützt Ihnen denn ein Wetterdienst, der ausschließlich Sonnenschein vorhersagt – ganz gleich, aus welchen Gründen?

Die makroanalytischen Analysen und Prognosen der Zentralbankbürokraten sind bestenfalls Geschwätz und schlimmstenfalls dreiste Propaganda. Als Anleger sollten sie diese Sirenengesänge einfach ignorieren… (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Rezessionen entziehen sich den Prognosekünsten der meisten Ökonomen"

  1. crunchy sagt:

    Hi, das mit der „inversen Zinsstruktur“ war so lange ein zu verlässiger Indikator, wie Zentralbanken, vornehmlich die Deutsche Bundesbank, in einem intakten Wirtschaftszyklus ausgleichend eingreifen konnten. – Vergessen –
    Dr. Copper sieht für mich noch immer wie ein zuverlässiger Indikator aus. – Gecheckt –
    Der Ölpreis hat schon lange nicht mehr viel mit Konjunktur zu tun. Er spielgelt die Not, die die vornehmlich arabischen Produzenten haben, die von Inflation geplagte Bevölkerung ruhig zu halten.
    Dort liegt die Lunte für die Implosion der Weltwirtschaft.
    – Panic Button –

    Weitere Indikatoren, die zwischenzeitlich vergessen wurden:
    Baltic Dry und Harpex: – Horror pur –

    Also: Nix für Silber-Investoren im Rentenalter.
    Ergo anschnallen, nur gutes Geld gilt.
    Oder, sorry Frank, wie ich schon immer sagte: Gold ist Geld, Silber Kleingeld.

  2. samy sagt:

    Moin,

    es gibt bekanntlich diesen großen alten Zinszyklus, der seit 1800 intakt ist. Dieser besagt das die Zinsen (10Y) 30 Jahre rauf und 30 runter gehen. Natürlich +/- x-Jahre, ist ja kein schweizer Uhrwerk.

    So, schläft dieser Zyklus seit 2010? Nein, denn ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt haben die ZB Anleihen in die Bilanzen genommen, also die freien Marktkräfte betäubt. Somit ist dieser Zyklus für mich vollkommen aktiv, er äußert sich halt nicht in Zinsanstiege, sondern in Bilanzverlängerungen.

    Zu der inversen Zinsstruktur kann man anmerken, dass auch diese seit 2010 verfälscht wurde, nämlich durch „operation twister“. Hier wurden Kurzläufer zugunsten von Langläufern umgeschichtet und das hat natürlich Einfluss auf die Zinsen der Anleihen relativ zueinander.

    Grüße

  3. Michael sagt:

    Den Ben Bernanke verbindet mit dem Che der Optimismus. Wenn man von der Zukunft 0% wissen kann und 100% angibt zu wissen ist die Selbstüberschätzung unendlich. Gilt aber für jeden der prognostiziert. Es dabei unerheblich ob man sich 100% oder 50% sicher ist. Eine Kollege von mir pflegt zusagen – sie wissen nicht was sie tun, aber das mit ganzer Kraft. Das nennt man Optimismus.

    Selbst hätten die U.S. eine Rezession es würde keiner behaupten es gäbe eine. Ist auch nicht sondern nützlich oder hilfreich.

    Ich denke den Amerikanern ist durchaus klar dass 2014/15 der Aufschwung vorbei ist. Dann ist der Aufschwung im Zyklus vorbei.

    Mich stört soweit einmal die Geldmengenausweitung nicht. Die Amerikaner haben die Industrie revolutioniert. Das wir Nordamerika nennen ist an sich bis auf Europa eh schon bald der Rest der Welt.

    http://www.rottmeyer.de/bankenunion-hebelt-die-marktwirtschaft-aus/
    Was steht dahinter. Der Glaube der Anglikaner, dass das Universalbankenmodell keine Zukunft hat. Der Ansatz ist ein anderer. Die in Mitteleuropa noch vorherrschende Idealvorstellung Banken die Sparguthaben der Bürger risiko’los‘ verwalten und Kredit an Unternehmen vergeben – Mittelstandsfinanzierung, die ist Geschichte. Elektronische Zahlung und deren Verwandte sorgen für den Zustand. Wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet, dann ergeben sich neue Perspektiven, aber es wäre gut wenn man zu dem Zeitpunkt reich ist an Sachanlagen. Das wäre mein Schluss. Man kann ja an sich, dann in einen Teil der Erde wechseln, der diesen Prozess schon abgeschlossen hat oder noch vor sich hat.

    Wenn man sich die Vorkommnisse in den U.S. anschaut. Die Vorbereitungen zu einer Währungsreform – zu dieser Vorstellung kann ich mich nicht ganz durchringen. Das wäre nicht schlüssig. Ich vermute die Idee ist eher die nachhaltige Mobilisierung. Allein durch die Sozialen Medien haben sie heute die Möglichkeit interessante Partner auf der Welt zu treffen. Wer sagt ihnen, dass es in Indonesien nicht dem ein oder anderen besser gefällt als in .de. Sie gehen einfach hin. Damit gleichen sich die Lebensstandards genauso an. Die armen Regionen werden entvölkert möglicherweise wiederbevölkert später.

    Man wird möglw. in 250 Jahren einen Stamm in Berlin finden die noch von Arbeit mit der Hand sprechen und kleinbetriebliche Strukuturen diskutieren, obwohl der Rest der Welt den Product Mix auf automatisiert herstellbare Produkte umgestellt hat.

    Ich möchte wissen wieviele Schulden Amis per Capita noch haben, wenn man Asien dazurechnet.

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