„Reset“ reicht nicht mehr

17. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt(Baden-Börse)

Es beschäftigt mich zwar immer mehr, aber ich finde keine Antwort: Wohin steuert unsere Gesellschaft eigentlich? Es gab wohl zu jeder Zeit der menschlichen Geschichte Mahner, die Veränderungen mit großer Sorge betrachteten, bisweilen auch das Ende von allem prognostizierten … aber wir sind immer noch da…

Aus jeder großen Bauchlandung entstand auch die Chance auf einen Neubeginn mit neuen Rahmenbedingungen, der dazu führte, dass selbst eine in sich marode Struktur wieder eine Zeitlang ins Laufen kam. Das erinnert mich an meine Rechner, wenn sich der Arbeitsspeicher zu sehr mit Müll gefüllt hat und sich so langsam alles verheddert. Was tun? Reset. Runterfahren, rauffahren – und der Kram läuft wieder. Ist es so einfach? Machen sich diejenigen, die sich Gedanken machen, zu viele davon?

Die Überlegung, ob wir als in Rudeln lebende Allesfresser nicht eine gegen alle Einflüsse gewappnete Lebensform darstellen, lasse ich mal beiseite. Da kommt mir nur als entscheidendes Element in den Sinn, dass das nur für Einflüsse gilt, die von außen kommen, die Überbevölkerung und die zunehmende Anfälligkeit für Umwelteinflüsse aber von innen kommt. Aber es geht hier ja auch nicht um das Aussterben der Menschheit … sondern um das mögliche Aussterben der Gesellschaft, die hier in Europa auch als „Wohlstandsgesellschaft“ bezeichnet wird.

Der Kern des Problems sind, wie immer, wir selbst, die Bevölkerung an sich. Statistisch gesehen sind wir in Europa vermögend, gebildet, gesund und zufrieden. Perfekt! Das blöde dabei ist, das Statistiken in dieser Hinsicht einfach nur Quatsch sind. So, wie wir im Schnitt anderthalb Kinder haben, sind auch alle anderen Statistiken eigentlich Blödsinn. Das Pro-Kopf-Vermögen von etwa 65.000 Euro pro Bürger klingt gut. Aber wenn halt einer eine Million hat und 15 andere haben nichts, sieht das schon ganz anders aus. Und wenn einige supergescheit und gebildet sind, die mentalen Fertigkeiten zu vieler anderer sich aber auf die Bedienung ihres Smartphones beschränkt, ebenso. Statistiken übertünchen, wenn sich irgendwo hochbrisante Mengen an Sprengstoff ansammeln. In den USA wir das immer extremer … und wir tun alles, um deren Vorsprung zu verringern.

Der Bürger sieht sich einem immer dichter werdenden Netz an Gesetzen, Verordnungen, Regeln gegenüber. Auch das erinnert an Computer. Je schneller sie werden, desto mehr Belastungen kommen auf sie zu. Ein ewiger Kreislauf … und wer da nicht mithält, indem er immer neue Rechner, neue Software anschafft, kann recht schnell den Schirm zuklappen. Wer sich Anwälte, Steuerberater, IT-Dienstleister leisten kann, die einem helfen, den Kopf über Wasser zu halten, bleibt im Rennen. Aber die zunehmende Zahl derer, die langsam von der Flut überspült werden, ist ein ernstes Problem. Wie schön, dass es da die Statistiken gibt.

Denn nach der werden wir ja ALLE immer reicher. Doch da dabei nur die ganz Reichen immer reicher werden und so die Statistik verbiegen, nimmt die Zahl derer zu, die sich innerlich wie Versager fühlen, weil sie drohen, den Kampf alleine um das, was sie haben, zu verlieren. Sozialer Sprengstoff, fein unter der Oberfläche einer medialen Welt der rosa Brillen gehalten. Doch nur weil es aussieht, als wäre da nix, kann da eben doch was sein … und wie bei Minen ist die Konsequenz dadurch, dass man sich sicher wähnt, nur umso heftiger.

Und das gilt nicht nur „auch“ für die Börse. Sie ist der Spiegel von allem. Sie ist der Spiegel von Hoffnungen und Verdruss, von Überforderung und Verunsicherung, von der zunehmenden Komplexität unseres Umfelds, der immer mehr dadurch begegnen, dass sie sich auf ihrer Couch verbarrikadieren und Playstation spielen, statt zu verfolgen, was wirklich geschieht. Einige Aspekte stechen da besonders ins Auge:

1. Die Zahl der Anleger, die sich aktiv oder passiv an den Aktienmärkten tummeln, sinkt und spiegelt das zunehmende Desinteresse an komplexen Herausforderungen ebenso wider wie den Umstand, dass sich immer weniger solche Investments überhaupt leisten können. Dafür steigt der Anteil an Börsenkrediten in den USA, das Volumen der Derivatepositionen und die Summen, mit denen die großen Adressen herumjonglieren.

2. Die Rahmenbedingungen verkanten und verharzen wie der Arbeitsspeicher eines nicht mehr mit dem neuesten Stand mithaltenden Computers. Da durch Probleme entstandene Löcher immer nur geflickt werden statt die maroden Elemente durch stabile, neue zu ersetzen, blicken langsam selbst Menschen nicht mehr durch, die es eigentlich sollten … reduzieren sich entweder auf einzelne Bereiche und blenden andere aus … oder ignorieren einfach gleich alles. Denken wir nur daran, dass Probleme egal wo auf der Welt Auswirkungen bis in jede Ecke des Planeten zeitigen. Egal, wo Sie leben und handeln: Weder China noch die Eurozone sind weit weg. Sie beeinflussen jede Börse weltweit. Und dort wird es durch die zunehmende Volatilität immer schwieriger zu erkennen, ob die Kurse nun gerade durch kurzfristiges Trading dominiert werden oder sich hier etwas tut, das die Reaktion z.B. auf die momentane Entwicklung in China darstellt und somit dauerhafter Natur ist. Hier stapeln sich ungelöste Probleme so sehr, dass sie wie eine glibberige, nicht mehr erfassbare Masse wirken. Und genau solche wie eine einzige, große, graue Masse wirkenden Dinge sind perfekt, um sie einfach komplett aus der Wahrnehmung zu verbannen.

3. Mit jeder Hausse, die auf eine Bauchlandung wegen überzogener Erwartungen in Kombination mit galoppierender Sorglosigkeit folgt, werden die Rahmenbedingungen nun komplexer und verleiten so immer mehr dazu, sich entweder einen feuchten Kehricht um diese zu scheren oder aber einfach nur zu traden, sprich sich an den Kursen selbst zu orientieren. Letzteres ist dabei kein Fehler, weil man so auch unabhängig von Gründen sofort aus dem Markt ist oder seine Position dreht, wenn die Trends drehen … WENN man dazu auch wirklich imstande ist. Denn dazu gehören ein scharfer Blick für die Realität ebenso wie die Fähigkeit zu knallharter Disziplin. Und genau diese Fähigkeiten werden in dieser durch Medien und Konsum weich gespülten Gesellschaft seltener.





Fazit

An den Börsen sehen wir den Spiegel einer Entwicklung, in der immer weniger entweder wirklich sehr clever oder sehr reich und/oder einflussreich sind. Wobei eine Schnittmenge aus beidem existiert, die immer am Ende das Heft in der Hand halten wird. Diejenigen, die aus ihrem extern geförderten Dämmerschlaf erwachen, werden indes die Klinge in der Hand halten. Wann? Das ist nie vorhersehbar. Wie? Heftig … und:

Das faszinierende an der Börse ist, dass sie zum einen auf ein Kippen des Kartenhauses am schnellsten reagiert und sie zum anderen zugleich dazu beiträgt, diese Entwicklung zu beschleunigen und zu intensivieren. Brechen die Kurse ein, starren selbst diejenigen verwundert darauf, die sich vorher kaum damit befasst haben. Indizes wie der DAX haben somit eine Art „Hallo-Wach-Effekt“ für alle. Und hier können sich binnen Stunden Summen in Rauch auflösen, die zwar eigentlich zuvor nur „Buchgeld“ waren. Aber mit diesem Geld wurde disponiert, geplant … und ist es plötzlich dahin, führt das immer dazu, dass die Betroffenen sofort auf die Konsumbremse treten, weil sie fürchten, dass das vorherige, wohlige Gefühl des Reichtums nun blitzschnell dahin sein könnte. Das bedeutet, dass die Konjunktur rasant in die Knie geht, zuletzt erlebt 2008. Halten Politik und Notenbanken dann entschlossen dagegen, kann dieses erneute Loch erst einmal gestopft werden – so wie 2008. Aber …

… ich tue mich schwer, mir auszumalen, womit man jetzt, da erneut grobe Risse im Gefüge auftauchen, diese flicken will. Zinsen bei Null, Geldpolitik bis ins Groteske expansiv, Politik ratlos und uneinig. Gibt es also zu einer erneuten, wirklich großen Bauchlandung weltweit überhaupt eine Alternative? Hat man nicht den „Computer“ nun schon so oft neu gestartet statt ihn den Entwicklungen anzupassen, dass die Kiste in Kürze eben nicht einfach mehr hochfährt?

Und wäre es denn nicht, wenngleich natürlich auf Jahre hinaus erst einmal wirklich hart, sinnvoll, das Ganze Gefüge neu aufzusetzen, statt immer nur daran herumzuflicken und die Menschen so immer mehr in die Ecke des Desinteresses und der Trägheit zu drängen?

Natürlich will das keiner, weil es jeden von uns betreffen und womöglich hart treffen würde. Aber sollte es einen Zeitpunkt gegeben haben, zu dem ein Neustart mit Konsequenzen für jedermann allgemein erwünscht gewesen wäre … ist es mir entgangen.
Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt

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