Rentencrash und Euro-Rallye: Viel mehr als ein Problem

15. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es geht um mehr als nur um Trading großer Hedgefonds, wenn am europäischen Anleihemarkt und bei den Währungen in Relation zum Euro momentan um jeden Zentimeter gerungen wird – auf einem Terrain, das man eigentlich nicht als Schlachtfeld erwarten konnte. Statt Parität 1:1 zum US-Dollar kommt nun langsam die bei 1,1970 notierende 200-Tage-Linie ins Blickfeld. Und statt negativen Renditen für zehnjährige Bundesanleihen geht es hier längst um eben diese 200-Tage-Linie, bei den Renditen ebenso wie beim Bund Future.

Das ist kein Gedaddel großer Zocker, hier sind Politik und Notenbanken ebenso im Hintergrund involviert wie die großen Banken dieser Welt, jeweils der einen oder anderen Seite Paladine. Es ist ein Krieg ohne Worte, sorgsam unkommentiert, damit es dem Anleger nicht Angst und Bange wird. Es ist ein Krieg, der dem Gewinner das letzte Stückchen des Wachstumskuchens sichert, während der Verlierer einer Rezession ins Auge blicken muss. Denn es ist nicht mehr genug Wachstumspotenzial für alle da. Also gilt es, zu handeln. Nicht mit Waffen, nicht mit Worten, sondern mit gezielten Aktionen an den Börsen.

Der Bund Future ist nicht zufällig mit dem, die Zeitspanne berücksichtigt, schärfsten Kursrutsch der letzten Jahre an bzw. am Mittwoch sogar unter seine 200-Tage-Linie eingebrochen und brachte so EZB und die hochinvestierten Banken in Not. Fallende Kurse bedürfen der Verkäufer. Und betrachtet man sich das Kursgeschehen genauer, sieht man, dass hier gezielt verkauft wurde, in dem Moment, auf dem Niveau, wo es wehtut, wo man mit ausgelösten Stoppkursen rechnen kann, wo es um wichtige charttechnische Supportmarken geht. Wer hier agiert weiß: Steigende Zinsen bringen die Eurozone in Not und höhlen den letzten Rest Vertrauen in die EZB aus.

Beim Euro ist es noch einfacher. Steigt der wieder an, freut man sich in Japan und den USA darüber, dass der zuletzt deutliche Exportvorteil der Eurozone dahinschmilzt. Und so das von niedrigen Zinsen und einer schwachen Währung geliehene, ohnehin mit +0,3 Prozent im 1. Quartal dünne Wachstum auf diese Weise todgeweiht ist. Da kann es nicht überraschen, dass heute zumindest beim Bund Future Gegenwehr aufkommt. Die andere Seite, die der Eurozone, ist ja auch noch da. Was bedeutet: Es ist ein Grabenkampf. Und diejenigen, die entschlossener und kompromissloser agieren, werden ihn gewinnen. Und das ist, gerade, wenn es ein Überraschungsangriff wie dieser ist, zumeist der Angreifer. Aber…



Damit hat es sich noch nicht, was die Beurteilung der Perspektiven für DAX & Co. angeht, die momentan wie ein Spielball auf das Ringen bei Bonds und Devisen reagieren. Wir haben auch hier immer noch große Hedgefonds, die auch noch nach rein charttechnischen Aspekten agieren. Und wir haben die großen Spieler an den Terminbörsen, die womöglich viel dazu beitragen, dass die US-Indizes gerade wieder nahe an ihren Verlaufshochs notieren. Denn ja, dort mag man sich über einen fallenden Dollar freuen. Aber man freut sich keineswegs über die miserablen Konjunkturdaten. Und am Freitag ist mal wieder, von den meisten in diesem Getümmel gar nicht bemerkt, Options-Verfalltermin. In den USA oft ein entscheidender Wendepunkt.

Misslingt den Verteidigern bei Anleihen und Euro ihre momentane Gegenwehr, kippen dann ab kommender Woche womöglich auch noch die US-Börsen, steht uns massives Abwärtspotenzial am deutschen Aktienmarkt ins Haus. Und diese Attacken gegen die Eurozone könnten sehr wohl derart erfolgreich sein, dass man nicht nur sagen müsste „sell in may and go away“. Man müsste den Satz dann in „sell in may and stay away“ ändern. Denn …

… man darf nicht vergessen, dass absolut alles, auf dem die Hausse der letzten Monate in Europa basierte, in Scherben läge. Und wer wollte da wirklich dagegenhalten? Die Politik hat zu lange nur auf die Notenbank vertraut. Gegenmaßnahmen sind da nicht zu erwarten. Und die EZB? Würde die ihre Anleihekäufe so wie zuletzt in Japan noch ausweiten, wäre das nur das Signal, dass man dort in Panik gerät. Und Anleger können Angst riechen, sagt man. Und ein ausnahmsweise mal effektives Ankurbeln des Wachstums, indem man den Bürgern selbst mehr Liquidität zuführt, das kann die EZB nicht, das könnten nur die Politiker. Aber in diesem gigantischen Debattierclub, den die EU darstellt, ist das nicht denkbar, bevor es längst zu spät wäre. Und eines ist klar: Eine EU in diesem Zustand kann eine Rezession nicht managen.

Wie heißt es doch? „Unverhofft kommt oft“? Dass das Vabanque-Spielchen der EZB in die Hose gehen würde, habe ich an dieser Stelle ja schon mehrfach vermutet und begründet. Aber dass die Gegenseite so entschlossen und zugleich geschickt da sägt, wo die Balken am dünnsten sind, habe ich nicht und sonst wohl auch niemand erwartet. Aber gerade das erhöht eben die Erfolgschance derer, die da sägen. Die EZB sieht bislang – offiziell – nicht einmal ein Problem. Ich für meinen Teil sehe viel mehr als ein Problem. Was hier abläuft, kann die Eurozone zertrümmern.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de


 

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7 Kommentare auf "Rentencrash und Euro-Rallye: Viel mehr als ein Problem"

  1. Insasse sagt:

    Herr Gehrt schreibt: „Was hier abläuft, kann die Eurozone zertrümmern.“

    Dann wünsche ich der „Gegenseite“ mal gutes Gelingen. Gebt Gas Jungs, ich kann diesen Eurozonen-Unfug nicht mehr ertragen!

    Daumendrückende Grüße aus der Anstalt vom Insassen

    PS: Dieser überaus unqualifizierte und wichtigtuerische Buchhändler aus Würselen, welcher derzeit den Grösus im Brüsserle Kaperletheater gibt, wäre dann auch der Letzte, der in Aachen mit dem obersten EU-Politbüro-Preis (Karlspreis) bedacht worden wäre. Hoffen wir das Beste!

  2. FDominicus sagt:

    „Was hier abläuft, kann die Eurozone zertrümmern.“

    Dann hoffe ich mal sehr stark, daß Sie recht behalten könnten. Das das „kann“ eintreten wird.

    • EinMensch sagt:

      Es gab da mal einen der angeblich ganz Rom niederbrennen hat lassen. Vielleicht hat dieser es ja wirklich abbrennen lassen. Und Zwar um ein Problem aus der Welt zu schaffen, für das er geteert und gefedert worden wäre. Ich hoffe, bzw bete, das nicht irgendeine Gruppe diesen Gedanken wieder aufgreift und das gleiche mit ganz Europa macht.

      • FDominicus sagt:

        Sie kennen sicherlich auch den Spruch: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

        Für mich ist eines klar. Sollte die EU in dieser Form bleiben und der Euro auch und es keinen „Ausstieg“ geben dann wird der Euro eine völlig zerrüttete Währung werden. Dagegen ist dann der Brand einer einzigen Stadt nicht einmal mehr Peanuts.

        Ich sage Ihnen auch vorraus: Je länger sich der Konkurs noch hinschleppen wird, und umso mehr Gesetze ganz zu schweigen von Recht noch gebrochen werden, umso brutaler wird das Erwachen.

        Und dann wird es wieder keiner gewesen sein, aber diejenigen die wir hier ständig schreiben, Leute so geht das nicht (auf Dauer) werden eindrucksvoll bewiesen und weiterhin ignoriert werden.

        Jeder der eins und eins zusammenzählen kann, weiß auch, man kann nur das verbrauchen was man hat und dies wird sich in alle Ewigkeit nicht ändern.

        Jeder der diesen EUR, die aktuellen Politiker weiter unterstützt, trägt die Verantwortung für die kommenden Gewalttaten. Diejenigen die das nicht haben wollten, werden wie immer keine Wahl haben, für sie gilt: Mitgefangen – mitgehangen.

  3. bluestar sagt:

    @FDominikus

    „Jeder der diesen EUR, die aktuellen Politiker weiter unterstützt, trägt die Verantwortung für die kommenden Gewalttaten. Diejenigen die das nicht haben wollten, werden wie immer keine Wahl haben, für sie gilt: Mitgefangen – mitgehangen.“
    Das ist prinzipiell korrekt. Aber: Da die jetzt herrschenden Leute im EU-Politbüro und Bundestag samt schmarotzendem Hofstaat weder Einsicht noch Verantwortung besitzen und satt dessen mit ALLEN Mitteln die jetzigen Verhältnisse verteidigen werden sowie die EU einzig die Funktion eines leicht steuerbaren US-Brückenkopfes hat, wird die Verweigerung der Unterstützung für diese Katastrophenvorbereitung nicht ausreichen.
    Um es mit den Worten Bertolt Brechts zu sagen: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.
    Die Mächtigen wissen das natürlich sehr gut und bereiten sich bereits exzellent darauf vor.
    Oder gibt es noch irgendwelche bürgerliche Grundrechte und Freiheiten die ( mit der Terrorismuslüge-für die angebliche Sicherheit der Menschen) nicht bereits bedroht sind und weiter sukzessive abgebaut werden ???
    Solange die intellektuelle Leistung der Massen auf die Wahl von Blockparteien und Zustimmungshochs von Mutti begrenzt ist, muss sich keine Vertreter der sogenannten Eliten ernsthaft Sorgen machen. Und auch Wahlverweigerung ist eine tolle Sache, weil sie das alte System stärkt, selbst wenn es mehr Politiker wie Wähler geben sollte.
    Also: Mitgefangen- mitgehangen bleibt wohl nur für uns ?

    • FDominicus sagt:

      Sie haben recht. Und ja solange weiter die Blockparteien gewählt werden, wird sich auch da nichts ändern. Habe ich aber nicht. Nur eine Stimme für Alternativen ohne Wahlenthaltung kann etwas ändern. Aber frage ich mal so in die Runde. Wer will das eigentlich?

      Ich wäre sehr dafür und engagiere mich entsprechend, so wie ich das sehe wollen das aber noch 85% der noch zu Wahl gehenden (also im Grunde nur noch knapp 50 %) nicht….

      Somit:
      „Also: Mitgefangen- mitgehangen bleibt wohl nur für uns ?“

      Ja, wer sich nicht aktiv gegen die SED 2.0 stellt auf jeden Fall und auch die anderen solange sich die Mehrheitsverhältnisse nicht ändern. Aber dieser Weg der Verweigerung steht jedem offen. Die Frage ist: Wer wird diesen Weg gehen?

      • bluestar sagt:

        Etwas Widerstand gegen die SED 2.0 – Diktatur wird kommen, da bin ich ziemlich sicher.
        „Wer wir diesen Weg gehen ?“ Alle, die Freiheit lieben, im Zoo nicht leben möchten und von den materiellen Zwangsmaßnahmen des Staates betroffen sein werden. Also eine Minderheit in Deutschland, allerdings mit enormen intellektuellem Potenzial.
        Da die Erosions- und Diktaturprozesse jedoch schleichend zusammen voranschreiten, kann das Fenster der bürgerlichen Freiheit sehr schnell geschlossen werden. Patriot-Acts, Globalüberwachung, Feindpropaganda usw. lassen grüßen. Nicht umsonst gilt der ewige Spruch: Wer in der Demokratie schläft wacht in der Diktatur auf.

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