Relativitäts-Praxis

1. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) An die Umschreibung des Begriffes Sparen haben sich viele EU-Bürger gewöhnt. Daher wird es Zeit auch andere Begriffe in den finanziellen Neusprech zu übertragen. Besonders beliebt ist in den Zeiten des so genannten Anlagenotstandes die Bezeichnung günstig. Vor allem an den Aktienmärkten wird dieses Etikett derzeit großzügig vergeben.

Alles soll relativ sein, so halten es die Berichterstatter auch mit der Bewertung. Es gäbe kein schwarz und weiß, basta. Andere Fachrichtungen würden vermutlich daran zweifeln, ob es sinnvoll ist, die Cholera als angenehme Krankheit zu bezeichnen, weil die Beulenpest im Vergleich unattraktiver erscheint. In der Finanzbranche aber setzt man sich über derartige Bedenken mit schulterzuckender Gleichgültigkeit hinweg. Das ist durchaus erstaunlich, hat doch die eine oder andere finanzielle Pandemie allein seit der Jahrtausendwende durchaus bemerkenswerte Spuren hinterlassen.

Auch das Ursache-Wirkung-Prinzip wird generös ausgelegt. So wird ein Kursanstieg in einigen Indizes sofort als Indiz für „günstige Kurse“ eingeordnet. Der eine sagt es, der nächste tippt die dpa-Meldung ab und der dritte glaubt es tatsächlich. Eine Bilanz haben meistens alle drei nicht angeschaut, das dauert auch viel zu lange. Schaut man hinter die Kulissen, so findet man natürlich auch heutzutage gute und attraktiv bewertete Unternehmen. Diese können aber die Trübung des Gesamtbilds nicht verhindern, das eine weiterhin überaus ambitionierte Bewertung zeigt. Hilfreich ist, wie so oft, der Blick über den zeitlichen Tellerrand.

Der Vergleich der heutigen Kennzahlen mit denen der Jahrtausendwende bringt wenig, waren doch seinerzeit viele Firmen geradezu absurd bewertet. Die Folgen sind bekannt. Eine Verbesserung, die sich auf das damalige Niveau bezieht, hat wenig zu bedeuten, so begrüßenswert sie auch sein mag. Geradezu absurd ist die auf diesen Daten basierende, beliebte Herleitung der Unvermeidbarkeit eines neuen Mega-Bullenmarktes, wie er zwischen den 80ern und dem Jahr 2000 zu beobachten war. Diese von einem Zinshoch ausgehende Hausse hatte ein nur historisch zu nennendes Ausmaß, wie die folgende Grafik aus einem unserer Artikel zeigt.

Die Bilanzverschlechterung in den USA haben wir vor einigen Wochen adressiert. Gut 70% der Industrieunternehmen fallen mittlerweile in das Junk-Segment. Vor zwölf Jahren waren es 49%. Eine geradzu orwellsche Verbesserung. Der Blick auf einige medial gefeierte Entwicklungen zeigt die vorherrschende Kurzsichtigkeit bei der Beurteilung von Unternehmensbeteiligungen. Eine sehr beliebte Kennzahl ist das Verhältnis der Nettoverschuldung zum Eigenkapital. Morgan Stanley zeigt in einer aktuellen Studie den historischen Verlauf, der einiges zurechtrücken sollte.

Ein Zwanzigjahrestief klingt zunächst beeindruckend. Die Ernüchterung folgt, wenn man der Zeitachse in die 80er Jahre folgt, in denen dieser Wert bei teilweise unter 10% lag. Man darf sich angesichts der Grafik fragen, wie die Analysten den deutlichen Gleichlauf von Mega-Hausse und steigender Unternehmensverschuldung hinsichtlich der aktuellen Situation einstufen. Rechnet jemand allen Ernstes mit einer Steigerung der Eigenkapitalrenditen bei einer Normalisierung dieses Wertes oder aber prognostiziert man bereits einen erneuten Anstieg der Ratio ausgehend vom aktuellen Niveau?

Nach dem die Wirksamkeit der Stützung der Margen durch Entlassungen und Investitionsstopps am Ende angelangt sein dürfte, merken die Unternehmen aller Sektoren bereits, wie heftig der reale Gegenwind ist. Die Aussagen von Großkonzernen wie Wal Mart oder McDonald’s, die über eine bisher unbekannte globale Abschwächung des Absatzes klagen, darf man abseits des üblichen Katzenjammers durchaus ernstnehmen… (Seite 2)

 

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9 Kommentare auf "Relativitäts-Praxis"

  1. katzbuckel sagt:

    Anlagenotstand? Ein interessanter Begriff, der aber leider inkonsequentes Denken offenbart.

    Der sog. Anleger ist dabei, verwundert zu entdecken, dass vor der Rendite die Geschäftsidee kommt, für welche allerdings praktische Kreativität gefragt ist. Daran mangelt es derzeit und nicht am Kapital.

    Man kann natürlich weiter auf all die Charts starren, um seine Gewinnchancen zu extrapolieren.

    Doch ist das nicht ein wenig so, wie wenn einer im Auto sitzend auf die Windschutzscheibe starrt, um sich mittels der sich dort spiegelnden Bäume seinen Weg durch den Wald zu suchen?

    Man sollte lieber auf die Straße kucken, damit man weiß, wo es wirklich langgeht.

    Und wo es langgeht, das bestimmen Leute, die neue Ideen haben, daran arbeiten und schließlich reale Werte schaffen.

    „Ideennotstand“ wäre also besser. Und konsequenter gedacht.

    Dann würde man vielleicht mit all dem Steuergeld in breitem Maße einen Wettbewerb der Ideen veranstalten und weniger die knappen Mittel verpulvern, um damit Banken zu retten.

    Fazit: Wir haben eben zuviele Leute, die arbeiten lassen wollen und zu wenige, die arbeiten.

  2. wolfswurt sagt:

    Die Verweigerung der realen Verhältnisse erklärt sich aus der drohenden Katastrophe, welche unweigerlich eintreten würde, wenn die Marktmanipulationen durch Notenbanken, Regierungen, Geschäftsbanken und letztlich aller Systemteilnehmer nicht statt finden würden.

    Die Situation, daß nur noch 70% der Masse Mensch benötigt wird um alle Lebensbedürfnisse zu befrieden, aufgrund der Produktivitätssteigerungen der letzten 100 Jahre, bedingt eine Spielwiese um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten.

    Im alten Rom schufen die Kaiser Brot und Spiele in den Arenen um die gelangweilte und im Überfluß vorhandene Bevölkerung ruhig zu stellen.

    Heute haben wir Fußballarenen, Fernsehen und die Spielwiese der Finanzmärkte.

    Die Regierungen samt aller zugehörigen Paladine haben keine andere Wahl als zu täuschen und zu manipulieren.
    Ein Aufhören bedeutet unweigerlich das Ende ihrer Position und im schlimmsten Fall der Verlust ihres Kopfes.

    Der Handlungszwang zur Manipulation beruht auf der Angst das Leben zu verlieren.

    Ein Vergleich:
    5% der Bevölkerung in Rom mußte im 3 Jh.n.d.Zw. mit Weizen kostenlos versorgt werden
    <15% der Bevölkerung muß in den USA mit Lebensmittelmarken versorgt werden
    <15% der Bevölkerung muß in der BRD durch Geldgeschenke versorgt werden

    • katzbuckel sagt:

      Wenn man bedenkt, dass gut zwei Milliarden Menschen nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser in ausreichendem Maße haben, dann sind wir von der Befriedigung aller Lebensbedürfnisse noch weit entfernt.

      Um es „antik“ zu formuulieren: Ihre Ansicht in Ehren, doch kann diese nur für das dekadente Rom gelten, nicht jedoch für dessen Provinzen. Denn dort herrschen Krieg, Hunger und Elend.

      Dem abzuhelfen, erbringt leider viel zu wenig Rendite für alle, die da lieber arbeiten lassen, als selber zu arbeiten.

      • wolfswurt sagt:

        Noch nie war der Wohlstand auf dieser Erde auch nur annähernd gleich verteilt.
        Außer in der Vorstellung mancher Groß(hier wohl besser klein)hirne.

        Nun zu den Lebensbedingungen:
        Lebensbedingungen sind sauberes Wasser, saubere Luft, saubere Nahrung und genügend Raum was auch für Tier und Pflanze gilt.

        Das nun zwei Milliarden kein sauberes Wasser zur Verfügung haben liegt nicht am Wohlstand der kapitalistischen Kernstaaten sonder schlicht und einfach an zuviel Bevölkerung auf zuwenig Raum.
        Hier mal nachschauen, welches Verhältnis von Raum/Population die Natur für Lebewesen so vorgesehen hat!
        Im übrigen ist das Trinkwasser hierzulande alles andere als sauber.

        Während die Lebensbedingungen die Natur für jedes Lebewesen zur Verfügung stellt, muß sich Wohlstand erarbeitet werden.
        Da nun der Mensch in natürlicher Vielfalt mit unterschiedlichen Anlagen und Begabungen ins Leben gworfen wird, ist das Entstehen von unterschiedlichem Wohlstand nur logische Folge einer natürlichen Ursache.

        Man kan diese Tatsache verneinen oder ausblenden, so ändert es doch nichts an der Realität.

        • 4fairconomy sagt:

          „Da nun der Mensch in natürlicher Vielfalt mit unterschiedlichen Anlagen und Begabungen ins Leben entworfen wird, ist das Entstehen von unterschiedlichem Wohlstand nur logische Folge einer natürlichen Ursache.“
          Nicht nur natürlichen Ursprungs ist es, dass die reichsten 10% über 60%, die reichsten 5% über 45% des Volksvermögens besitzen. So viel leistungsfähiger sind bei weitem nicht alle dieser 10% bzw. 5%. Da spielt auch Vererbung über Generationen eine Rolle. Ebenfalls eine Rolle spielen gewisse von Menschen bestimmte und somit auch veränderbare Rahmenbedingungen, welche z.T. hohe leistungslose Kapitaleinkommen bzw. Gewinne ermöglichen.

  3. Skyjumper sagt:

    Das ist ja alles ganz schön und gut. Ich kann mir auch noch so sehr die Augen ausstarren um nach fundamental erfolgversprechenden Investments zu suchen. Das End-Ergebnis wird sich jedoch nicht verändern:

    Ja, es gibt erfolgversprechende Anlagemöglichkeiten, allerdings nur für einen (sehr kleinen) Bruchteil des weltweit vorhandenen Anlagevermögens. Und wenn man einkalkuliert, dass das Gros der weltweiten Produktions- und Dienstleistungsmaschinerie eigentlich nur darauf wartet abzustürzen, dann wird das sich daraus ergebende Umfeld auch die Unternehmen abstürzen lassen die ansich fundamental gut aufgestellt sind.

    Folglich gibt es eigentlich nur 2 (subjektiv) sinnige Strategien: Entweder man hofft darauf dass ein gemeinsames Vogel-Strauss-Verhalten mit Anlagen in relativ günstig bewertete Unternehmen noch ein ein weiteres Jahr zu Anlageefolgen führt die nur darauf basieren das andere Marktteilnehmer noch dümmer sind als man selbst, oder man stellt sich diversifiziert und stark cashlastig auf um im Fall des Falles möglichst grosse Anteile des eigenen Vermögens noch unters Kopfkissen zu bekommen.

  4. Bankhaus Rott sagt:

    @katzbuckel

    daher heißt es im Artikel auch „des so genannten Anlagenotstandes“, da es sich um eine der üblichen Medienfloskeln handelt.

    „Man kann natürlich weiter auf all die Charts starren, um seine Gewinnchancen zu extrapolieren. (…) Doch ist das nicht ein wenig so, wie wenn einer im Auto sitzend auf die Windschutzscheibe starrt, um sich mittels der sich dort spiegelnden Bäume seinen Weg durch den Wald zu suchen?.“

    Das dürfte sich von Chart zu Chart unterscheiden. Ein Blick auf bestimmte Kennzahlen einer Bilanz schadet in der Regel nicht, für den Blick auf längerfristige Entwicklungen gilt das Gleich. Aber das darf bekanntlich jeder handhaben wie es beliebt.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  5. katzbuckel sagt:

    Wenn in einem Wirtschaftssystem alle darauf aus sind, Gewinne zu machen, dann erzeugt dies automatisch Verlierer. Welche die Rechnung bezahlen müssen.

    Wer Profit im Auge hat, der ist nicht auf einen Interessenausgleich aus, den man früher einem Tauschgeschäft durchaus zugrunde legen konnte, sondern darauf, jemanden zu übervorteilen.

    „Das System“ ist tatsächlich eine Pyramide, in welcher eine Ebene jeweils von den unter ihr befindlichen profitiert. Das Pyramidion gewinnt immer, die Pyramidenbasis verliert, wobei diese nicht nur etwa von einer Unterschicht besetzt wird, sondern von der Natur insgesamt. Denn diese wird am Ende zerstört. Und damit das System selber.

    Wir stehen vor dramatischen Umbrüchen. Nie lebten soviele Menschen auf der Erde. Die wollen alle versorgt sein. Wenn einige wenige Interessengruppen weiterhin durch Korruption, Intrigen und Krieg auf Kosten der Mehrheit und der Natur ihren Vorteil durchzusetzen suchen, wird das 21. Jahrhundert um vieles schlimmer verlaufen, als das 20.

    Diesen „Kontextwechsel“ sollten wir alle nicht übersehen. Wer es als „natürlich“ ansieht, dass es ihm besser geht, als den meisten, wird von letzteren überrollt werden. Oder dessen Nachfahren.

    Die alten Strategien des Erfolges und des Überlebens werden gerade ungültig.

    Selbstverständlich ist es kein Schaden, Charts zu analysieren und Bilanzen zu studieren, jedoch sollte man im Hinterkopf haben, dass dieses Jahrhundert in puncto Solidarität und Kooperation an uns Anforderungen stellen wird, wie keine Epoche zuvor.

    Nix für ungut. Ist natürlich nur meine Meinung und ein Tip, um welchen mich keiner gebeten hat. Pardon also.

  6. pedrobergerac sagt:

    Das Kausalitätsprinzip der Wirtschaft: Das Ursache-Wirkung-Prinzip wird generös ausgelegt. Dazu erklärend folgende Anfrage.

    Frage an den Bund der Steuerzahler

    Bei der genauen Betrachtung Ihrer Website ist mir Folgendes aufgefallen.
    Sie beschäftigen sich mit allen Steuerbelangen die man sich nur vorstellen kann.
    Eigentlich fehlt nur ein einziger Betrachtungspunkt:

    Warum müssen wir eigentlich Steuern zahlen?

    Mit dieser Frage will ich Ihr Augenmerk auf die Geldschöpfung lenken, welche in allen Belangen des Finanzwesens, vor allem beim Studium der Wirtschafts(wissenschaften) völlig ausgeblendet wird.

    Will man uns damit verheimlichen, dass die Geldschöpfung durch Privatbanken der eigentliche Grund für die Steuern ist?
    Würde nämlich der Staat, alles Geld dass er braucht, um Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Straßen, Brücken etc. zu errichten und zu unterhalten, würde nämlich der Staat dieses Geld selber aus der Luft schöpfen (Fiat Money) wie es die Privatbanken machen, dann bräuchte er doch keine Kredite aufnehmen, keine Zinsen zu zahlen, wäre nicht verschuldet und wir bräuchten deswegen keine Steuern zu zahlen?

    Wir könnten all unsere Arbeitsleistung, unsere Fähigkeiten, unsere Fertigkeiten, all unser Wissen und unsere Kraft in die Bewältigung der Probleme zu stecken, die wir durch das derzeitige Schuldzinsgeldsystem erst bekommen haben. Wir könnten wirkliche Bildung finanzieren, alle Mütter oder Väter könnten zu Hause bei Ihren Kindern bleiben. Wir könnten eine wirklich lebenswerte Welt erschaffen.

    Warum machen wir das nicht einfach? Warum lassen wir es zu, dass die Banken auf unsere Kosten leben und somit unsere Gesellschaft langsam in den Untergang treibt, wie man aktuell an Griechenland erkennen kann?
    WARUM WIRD UNS DIE TATSACHE ÜBER DIE GELDSCHÖPFUNG VORENTHALTEN?
    WARUM WERDEN WIR VON ALLEN SO DREIST BELOGEN UND BETROGEN?
    Haben Sie sich das schon einmal gefragt?
    Warum ist dies kein Thema für den Bund der Steuerzahler?
    Wem dient der Bund der Steuerzahler? Dem Systemerhalt des Schuldzinsgeldes?

    Bevor ich nun diese Anfragen schließe möchte ich Ihr Augenmerk noch auf den Plan B der Wissensmanufaktur richten. Dieser Plan B zeigt auf, dass die Bankenrettungen beileibe nicht alternativlos sind, wie uns unsere Bundeskanzlerin immer weismachen will.

    Sie haben sich den Dienst an den Steuerzahlern auf Ihre Fahnen geschrieben? Machen Sie was draus. Ab 2013 rollt eine neue Steuerlawine auf die Bürger dieses Landes los. Und scheuen Sie sich nicht, die Banker und Politiker als das zu bezeichnen, was sie in Wirklichkeit (ohne Gesetze) sind. Verbrecher und Ausbeuter, die auf unsere Kosten wie die Made im Speck leben.

    Noch ein schönes Weihnachtsfest
    Und ein Gutes Neues Jahr

    Mit freundlichen Grüßen
    Pedrobergerac

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