Reich in’s Heim?

28. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Bankhaus Rott) Vor rund 65 Jahren begann in den USA das rasche Wachstum firmeneigener Pensionskassen. Die damalige Lebenserwartung lag bei 65 Jahren. Heute liegt die Lebenserwartung bei 76 Jahren für Männer und 81 Jahren für Frauen. Die Mischung aus viel zu optimistischen Ertragsprognosen und drastisch verlängerten Bezugsfristen reißt gewaltige Löcher in die amerikanischen Pensionskassen…

Die Ertragsprognosen amerikanischer Pensionskassen erinnern an hoffnungsfrohe Beratungsgespräche bei lokalen Banken. Im Mittel wird mit 8% pro Jahr gerechnet. Das darf man durchaus als bleibenden Schaden der Hausse der 90er Jahre werten, bedeutet dies doch eine Verzehnfachung des Kapitals binnen 30 Jahren. Angesichts aktueller Renditen und Bewertungsniveaus ist es erstaunlich, wie auch die letzten 10 Jahre nichts an diesen Prognosen ändern konnten.

Wenig hilfreich für die zukünftige Entwicklung sind die Eingriffe der Fed am Zinsmarkt. Im Augenblick haben sie den Zinsanlagen der Kassen zwar durch den starken Kursanstieg der Festzinspapiere geholfen. Selbst Unternehmensanleihen aus dem Investment Grade-Bereich haben in 2012 um mehr als 10% zugelegt. Der Haken daran sind die extrem niedrigen Renditen für neue Anlagen. Gleichzeitig ist der Barwert der künftigen Verpflichtungen durch die gedrückten Zinskurven gestiegen. Die Käufer von Zinspapieren befinden sich in einer Zwickmühle, bei der die Investoren zwischen Verlusten heute und Verlusten in der Zukunft pendeln.

Politiker und Zentralbanker haben sich erwartungsgemäß für die Verschiebung der Probleme auf der Zeitachse entschieden, so dass sich diese weiter auftürmen. Die Ratingagentur S&P hat einen Bericht zur Finanzlage der Pensionsfonds der Unternehmen im S&P 500 vorgelegt, der eine dramatische Entwicklung zeigt. Während die Finanzanlagen der Kassen seit 2006 um ein Zehntel schrumpften, legten die Verpflichtungen um 11% zu. Die Deckungslücke wuchs seit 2006 von $40 Mrd. auf mehr als $350 Mrd. Zur Jahrtausendwende, im Jahr vor dem wirklichen Beginn der aktuellen Krise, stand noch eine Überdeckung von $280 Mrd. in den Bilanzen.

Aus einer hohen Reseve ist in den letzten Jahren ein erkleckliches Defizit geworden. Als nicht hilfreich hat sich die hohe Aktienquote herausgestellt. Im Gegensatz zu vielen europäischen Pensionskassen legen die Amerikaner zwischen 45% und 50% in Aktien an. Trozt des erneuten Anlaufs der amerikanischen Aktienindizes an die alten Hochpunkte und einer massiven Bond-Hausse wurde das Loch immer größer.

Auch der internationale Wettbewerb fordert seinen Tribut. Wie in anderen westlichen Ländern konkurrieren die Unternehmen in den Vereinigten Staaten mit Firmen aus Ländern, in denen keine derartigen Lasten existieren. Die schwindende Dominanz der westlichen Unternehmen macht es immer schwerer, die laufenden Kosten über die Produktpreise an die Konsumenten weiterzureichen. Das ist bei privaten Vorsorgeeinrichtungen nicht anders als bei staatlichen Sozialsystemen.

Neben den regulären Pensionskassen gibt es in den USA weitere Versprechungen, die so genannten other postretirement employee benefits (OEPD). Hierbei handelt es sich größtenteils um Zuschüsse zur medizinischen Versorgung. Das klingt harmlos, verursacht aber horrende Kosten. Die durch diese Programme aufgetürmten Versprechungen sind nicht einmal zu einem Viertel gedeckt. Die folgende Tabelle zeigt die Unterdeckung in den einzelnen Sektoren.

Ausgerechnet die Finanzinstitute, ein staatlich gestützter Sektor, und die hochverschuldeten Versorger stehen an der Spitze der Liste, wenngleich auch eine Deckungslücke von 50% nicht das Gütesiegel solide verdient. In einigen Branchen hoffen die Bilanzprofis offenbar auf das, was in der deutschen Rentendebatte einmal zynisch als „sozialverträgliches Frühableben“ bezeichnet wurde. Die bei den Firmen aus dem Segment der langlebigen Konsumgüter bestehende Reserve von $647 Millionen ist angesichts schon jetzt bestehender Ansprüche in Höhe von knapp $14 Milliarden grotesk.

Das Missverhältnis offenbart sich auch in der Gesamtbetrachtung, die ein Loch von $223 Mrd. zeigt. Gemeinsam mit den allgemeinen Pensionslasten ergibt sich allein für die im Index enthaltenen Firmen eine Deckungslücke von $557 Mrd. Derzeit können die Firmen noch die fehlenden Reserven aus den laufenden Erträgen ausgleichen. Gehen die Gewinne zurück, sieht das schnell anders aus.

Oft wird davon gesprochen, dies alles sei kein Problem, denn die im S&P 500 enthaltenen Unternehmen hätten hohe Bestände an Barmitteln oder vergleichbaren Rücklagen. In Diese liegen derzeit bei $1.000 Mrd., allerdings liegt der Sinn dieser Mittel nicht in der Ausschüttung an ehemalige Mitarbeiter. Ein solches Vorgehen würde kaum zur Investition in diese Unternehmen verleiten. Aber es soll auch Anleger geben, die Anleihen kaufen, die zum Zwecke der Ausschüttung von Sonderdividenden emittiert werden. Eine bemerkenswerte Anlagestrategie.

Dem Vergleich der Deckungslücke mit den Cash-Beständen liegt zudem ein weiterer Denkfehler zu Grunde. Die größten Probleme beim Aufbau der Rücklagen für die gemachten Versprechen haben naturgemäß solche Firmen, die nicht auf Bergen von Bargeld sitzen. Es ist ein bisschen wie bei der Kreditvergabe. Wer dringend einen Kredit braucht, ist oft nicht kreditwürdig, und wer kreditwürdig ist, benötig oft keinen Kredit.

Wie den Zentralbanken bleibt auch den Pensionskassen lediglich die Hoffnung. Eine begrüßenswerte menschliche Eigenschaft, nur leider keine tragfähige Strategie.


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2 Kommentare auf "Reich in’s Heim?"

  1. EuroTanic sagt:

    Der „Kapitalismus“ soll per Definition die bester Allokation unserer Ressourcen bewirken. Das kann meiner Meinung nach nicht sein. Denn die Armen Menschen in Deutschland haben das wenigste Geld, obwohl die es am dringensten gebrauchen könnten.

    • FDominicus sagt:

      Eine interessante Logik. Der Kapitalismus hat versagt weil es Armut gibt. Wie können Sie dann die Situation im Musterländle des Sozialismus erklären. Mich würde interessieren, was hindert Sie daran sagen wir mal nach Kuba auszuwandern?

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