Reich ins Heim oder arm ins Haus?

11. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Was sucht der Mensch, wenn er ein Heim kauft? Eine Bankenstudie findet ganz vorne auf der Prioritätenliste „gute Einkaufsmöglichkeiten“. Mit einigem Abstand folgen die „guten Schulen“. So ein Glück, dass die Studie von bemerkenswert hohen Nettogehältern ausgeht, da bleibt nach der Finanzierung noch Geld zum Shoppen übrig …

Wie wollen die Deutschen eigentlich wohnen, wenn Sie alt sind?

Laut der von den Spardabanken beauftragten Studie „Wohnen in Deutschland“ wollen von den über 50-jährigen mehr als die Hälfte “im Alter in einer eigenen Wohnung mit Pflegedienst leben.“ Einige Kinder und Enkel werden nun hörbar aufatmen, denn bei ihnen möchten von den Älteren später lediglich 20% wohnen. Ob es an den Kindern oder den Eltern liegt wird nicht überliefert.

Vielleicht wohnen die Kinder auch nach dem Grafik-Design Studium noch in der Sechser-WG, weil die kreative Branche bei der Gehaltshöhe leider wenig Kreativität an den Tag legt und Opa und Oma haben keine Lust auf den Küchendienst.

Ansonsten gibt es die üblichen wenig überraschenden Tendenzen, 29% möchten auf dem Land wohnen, 19% in der Großstadt. Im Alter will man lieber aufs Land, in jungen Jahren in die Großstadt.

Ob nahe dem Acker oder mit Blick auf den Alex, die Studie soll den Menschen die Sinnhaftigkeit des Eigenheims darlegen. Bei einem Anbieter von Finanzierungen würde uns das Gegenteil jedenfalls überraschen. Wer die Studie liest, sollte daran denken, dass der Begriff Bank-Berater im Grunde Bank-Verkäufer bedeutet, wie in jedem anderen Gewerbe auch. Der eine verkauft Schweineleber, der andere Finanzierungen. Beides bekommt nicht jedem Konsumenten.

Manche in der Studie enthaltene Statistik wird daher wohl nicht ohne Grund nicht aus mehreren Blickwinkeln betrachtet. So heißt es an einer Stelle:

Der Wohnungsneubau (in Deutschland) befindet sich auf einem historischen Tiefpunkt. Die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen in Deutschland ist zwischen 1995 und 2012 um fast 348.000 (66 %) zurückgegangen.

Das klingt ohne weitere Informationen nach einer Verknappung. Dieser Eindruck ändert sich jedoch beim Blick auf die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Interessanterweise ist seit 1995 die Bevölkerungszahl sogar gesunken. Wer also die Bautätigkeit früherer Tage mit der in der genannnte Periode vergleicht, sollte die Bevölkerung nicht vergessen.

Daran ändert auch ein Trend zu kleineren Haushalten, sprich weniger Mehrgenerationenhaushalten, nichts. Letzterer, dies zeigen die USA, ist in der Regel ein vom wirtschaftlichen Wohl und Wehe sowie von gesellschaftlichen Trends abhängiges und damit zyklisches Phänomen.

1

Richtig interessant wird es bei den genannten Preisen und der Beurteilung, ob die Menschen sich den Kauf leisten könnten. Als Maßstab für den Vergleich der Kaufpreise wird das „Nettoeinkommen“ angegeben. Die Verfasser meinen damit wohl das Haushalts-Nettoeinkommen, jedenfalls lässt sich das aus dem folgenden Abschnitt ableiten.

Die Kosten für ein Einfamilienhaus belaufen sich in Deutschland durchschnittlich auf etwas mehr als das 5-fache Jahresnettoeinkommen (5,1). Das sind knapp 223.000 €.

Ah, der Leser erfährt, dass das Jahresnettoeinkommen sich auf 43.752 Euro netto beläuft, das sind 3.643 Euro pro Monat. Netto. Eine Quelle für diese im Mittel doch recht hoch anmutende Zahl findet sich leider auch im Anhang der Studie nicht.

Ein Blick in die Daten des statistischen Bundesamtes wirkt  realitätsnäher. Die folgende Tabelle stammt aus dem Bericht „Einkommen und Lebensbedingungen in Deutschland und der Europäischen Union 2012.“ Sofort fällt der Unterschied zu den in der Bankenstudie verwendeten Daten ins Auge. Es gibt natürlich mehrere Kategorien, die für die Beurteilung möglicher Käuferschichten von Interesse sind. Denn wenn man von Mietern spricht, die Immobilien kaufen wollen, sollte man sich eben das verfügbare Einkommen eben dieser Mieter anschauen. Zudem ist die Verwendung des Mittelwertes bei Einkommen bekanntermaßen wenig hilfreich, der Median ist das Maß der Wahl.

2

Der Median des verfügbaren Haushaltseinkommens liegt gemäß Statistischem Bundesamt bei 26.263 Euro, der Mittelwert bei 31.644. Damit liegt der Mittelwert pro Monat um gut 1000 Euro tiefer als der Wert in der Bankenstudie. Der Median ist sogar rund 1.500 Euro niedriger.

Rechnet man mit diesen Zahlen, erhält man ganz andere Antworten auf die Frage, ob Immobilien günstig sind, oder wer sich eine leisten kann… (Seite 2)


Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar