Recht auf Ruhe

15. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Nun ist es also so weit. Mit der Wahl zum niederländischen Parlament beginnt das europäische Superwahljahr 2017. Die Medien bemühen sich, ein spannendes Rennen zwischen Ministerpräsident Mark Rutte und dessen sichtbarstem Herausforderer Geert Wilders zu zeichnen. Das aber dürfte wenig mit den tatsächlichen Verhältnissen zu tun haben.

Wilders, der wahlweise als Rechtspopulist, Islamfeind oder Schlimmeres apostrophiert wird, dürfte maximal einen Stimmanteil zwischen 15% und gut 20% auf sich vereinen. Das zumindest waren die höchsten Werte, die Demoskopen Wilders „Partij voor de Vrijheid“ (PVV) in den vergangenen Tagen zutrauten – Tendenz aktuell sinkend. Es scheint, dass Amtsinhaber Rutte den Eklat mit der Türkei nutzen konnte, um sein Profil bei potenziellen Wilders-Wählern zu schärfen.

Falls der türkische Präsident Erdoğan ein Fuchs ist, könnte auch er die Eskalation mit den Niederlanden aus zweierlei Gründen gesucht haben: Zum einen ist Rutte gegenüber Wilders sicher der favorisierte künftige Verhandlungspartner des türkischen Präsidenten, weshalb es schon Sinn macht, ihn in einem öffentlichkeitswirksam ausgetragenen Kommentkampf zu stärken. Zum anderen ist für einen Präsidenten in Not – und das sind beide auf die eine oder andere Art – jeder äußere Gegner eine willkommene Abwechslung bzw. Ablenkung.

Symbolische Bedeutung

Allerdings wissen wir spätestens seit dem Jahr 2016 ganz gut, was von den Prognosen der Demoskopen zu halten ist. Da muss man sich noch nicht einmal als Börsianer verstecken. Bei der Holland-Wahl ist die Frage, ob letztlich Ruttes oder Wilders Partei vorne liegt, ohnehin nur von symbolischer Bedeutung. Denn bei insgesamt 28 antretenden Parteien wird keiner der beiden auch nur annähernd in die Region einer absoluten Mehrheit kommen, die aber für die Wahl des künftigen Ministerpräsidenten benötigt wird. Das wiederum ist alleine ein Problem von Wilders, denn alle etablierten Parteien verweigern strikt eine Koalition zumindest vor der Wahl.

Rutte dagegen kann fast schon aus dem Vollen schöpfen. Denn die Verhinderung von Wilders reicht als kleinster gemeinsamer Nenner praktisch schon aus – auch auf die Gefahr hin, dass wir uns mit dieser Einschätzung ebenso blamieren wie die Demoskopen. Während Wilders selbst als stärkste Einzelkraft – was noch lange nicht ausgemacht ist – relativ alleine dastehen wird, bildet die weit überwiegende Mehrheit aller anderen Parteien eine Art „demokratischen Abwehrblock“. Ganz so spannend und marktbewegend wird diese Wahl also nicht werden.

Sichere Stichwahl

Auch wenn in diesem Fall, wohl alles so weiter gehen wird, wie bisher, stehen dieses Jahr auch mögliche echte Richtungswechsel an. Frankreich könnte das Land sein, in dem die ebenso isolierte Herausforderin Le Pen tatsächlich eine klitzekleine Chance hat. Relativ sicher ist für sie nur, dass sie es wohl in die Stichwahl schaffen wird. Dort wird der Rechtssozialistin dann allerdings der Gegenwind aller anderen in Form entsprechender Wahlempfehlungen entgegenblasen. Im Unterschied zu den Niederlanden ist die Frankreichwahl allerdings eine Präsidentschaftswahl und hat damit wesentlich stärker den Charakter einer Personenwahl als die heutige Parlamentswahl.

Was bei all den schicksalsschweren Richtungsentscheidungen des vergangenen und des laufenden Jahres überdeutlich wird: Die Politik hat ein viel zu großes Gewicht bekommen. Schlecht ausgebildete Leute von zweifelhaftem Charakter und/oder mit undurchsichtiger Agenda können an die Macht gespült werden und dort unser aller Leben massiv beeinflussen.

Das war übrigens bereits vor Trump der Fall. Nicht nur Börsianer, auch viele Geschäftsleute und Unternehmer würden wohl einiges darum geben, wenn ihr Recht, von der Politik in Ruhe gelassen zu werden, endlich wieder ein wenig mehr respektiert würde, und sie sich mit der dann erhöhten Planungssicherheit wieder mehr auf ihre Geschäfte konzentrieren könnten. Es sind nämlich Unternehmer, die durch Mut und Fleiß Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, nicht aber jene „Hanswursten“, die sich als Volkstribune vor die Massen stellen, um diese mit ihrer unausgegorenen Weltsicht auf den Leim zu führen.

Wie hältst Du’s mit den Daten?

Bereits im letzten Weekly sind wir auf den sich immer stärker abzeichnenden Konflikt der Fed mit der aktuellen Trump-Administration eingegangen. Denn der Wechsel im Weißen Haus hat in den letzten Wochen dazu geführt, dass geldpolitische Falken wie Janet Yellen, Lael Brainard und William Dudley zunehmend von einer geldpolitischen Straffung sprechen. Die Fed hat sogar indirekt angekündigt, die möglichen fiskalischen Impulse von Trump durch steigende Zinsen zu konterkarieren. Die Futures-Märkte preisen daher bereits eine Wahrscheinlichkeit von nahezu 100% für eine heutige Zinserhöhung ein.

Lediglich ein Zinsschritt um 50 Basispunkte hätte daher wohl das Zeug dazu, die Börsen zu bewegen.

Allerdings ist die aktuelle Erwartungshaltung der Börse eben vor allem durch die Rhetorik der Fed und nicht durch reelle Arbeitsmarkdaten hervorgerufen worden. Die Entscheidung dürfte daher auch ein Signal sein, ob die Fed – wie in der Vergangenheit kommuniziert – an den Daten orientiert bleibt oder direkt auf Konfrontation schaltet.

„Sapere Aude“

Für Europa hat der Unternehmer Erich Sixt dagegen eine völlig andere Zinserwartung. Auf der heutigen Bilanz-Pressekonferenz erklärte er, dass Mario Draghi perfekt in sein Bild von italienischen Bankern passe. Er rechne daher noch für lange Zeit mit Niedrigzinsen und einer Fortsetzung des Gelddruckens durch die EZB. Dass er ein Unternehmer vom alten Schlag ist, konnte man auch daran merken, dass er dies zum Anlass einer Politik-Schelte nahm, die es in sich hatte. Denn so wie er es sich im Geschäftsleben nicht erlauben könne, zu emotional zu sein, würde es in der Politik mit der Emotionalität mehr als übertrieben. Die Politiker hätten offensichtlich die Aufklärung vergessen.

Er könne daher nur sagen: „Sapere Aude“ – habt Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen! Dass Sixt dies in seinem eigenen Unternehmen regelmäßig unter Beweis stellt, belegen einmal mehr die hervorragenden Zahlen für 2016. So konnte der Autoverleiher seinen Umsatz um 10,7% auf 2,4 Mrd. EUR steigern, das EBT sogar um 17,9% auf 218 Mio. EUR. Mit 1,65 und 1,67 EUR Dividende auf die Stamm- und Vorzugsaktien wird es daher eine Rekordausschüttung geben. Dass es dabei nicht mehr – wie in den Vorjahren – eine Aufteilung in eine ordentliche und eine Bonus-Dividende gibt, sei als Zeichen von Zuversicht zu sehen.

Zu den Märkten

Trotz der angeblich superspannenden Parlamentswahlen in den Niederlanden verhielt sich der DAX, nun ja, unauffällig. Vielleicht ist dies die Ruhe vor dem Sturm? Eine Lähmung der Handelsaktivität? Allgemeine Ratlosigkeit? Gar Langeweile? Wir wissen es nicht. Die eher verhaltene Stimmung könnte den Markt sogar durchaus noch einige Wochen stützen, spätestens im Mai trübt sich dann aber die Saisonfigur ein, was die Neigung zur Aktienanlage dämpfen sollte. Die aktuell außergewöhnlich ruhigen Handelstage werden jedenfalls nicht von Dauer sein. Aller Erfahrung nach folgen auf Phasen niedriger Volatilität solche mit deutlich erhöhten Kursbewegungen.

Fazit

In der Nachrichtenflut des Tagesgeschehens und den Stimmungsschwankungen der Märkte werden oft wesentliche Bestimmungsfaktoren nicht ausreichend berücksichtigt. Preiswerte Märkte mit Momentum sind immer einen zweiten Blick wert.
© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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