Realität? Gibt es nicht.

14. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wenn man sich bemüht zu verstehen, warum an der Börse bisweilen so irre Dinge geschehen, muss man beginnen, über einen Aspekt nachzudenken, der dem ersten Anschein nach nichts mit der Börse zu tun hat. Der aber, wie man dann feststellen wird, ihr Kern, ihre eigentliche Treibfeder und Basis aller Seltsamkeiten ist: die Realität. Oder besser, die Tatsache, dass es eine objektive Realität nicht geben kann.

Natürlich gibt es scheinbar harte Fakten, Dinge, die man nachzählen kann. Oder könnte. Denn da geht es schon los. Wenn jemand behauptet, dass die Arbeitslosenrate in den USA bei 5,0 Prozent liegt – wie „real“ ist das? Können wir als Investoren wirklich nachprüfen, ob und in wie weit das stimmt?

Natürlich nicht. Selbst die Zahl der US-Bürger ist nicht nachprüfbar und basiert auf Volkszählungen und daran angehängten Hochrechnungen. Dann braucht es die Zahl derer, die zur sogenannten Work Force gehören, also diejenigen der Altersklasse zwischen Erwachsenwerden und Pensionsalter, die angeblich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Wer ihm nicht zur Verfügung steht, entscheiden Behörden nach Kriterien, die wandelbar sind. Interessant ist dabei aber, dass die Zahl derer, die nicht zur Work Force gerechnet werden, seit Jahren steigt, während die angebliche Arbeitslosigkeit seit Jahren abnimmt. Ein Aspekt ist beispielsweise, dass Menschen herausgerechnet werden, die angeblich nicht arbeiten wollen. Wie man das herausfindet, ist seltsam unklar, denn:

Wer seit Jahren keine Stelle findet, sich aber nicht auf einem Arbeitsamt meldet, weil er ohnehin dort keine Unterstützung mehr bekommt und jahrelang kein Job für ihn zu finden war, ist noch lange nicht unwillig, sondern sucht vielleicht intensiv auf privaten Kanälen. Zur Work Force gehört er dann aber nicht mehr. Und das Beste: Trotz dieser ohnehin wackligen Zahlenfundamente wird die Arbeitslosigkeit ermittelt, indem man viel zu kleine und nicht überprüfte Umfrageergebnisse („Haben Sie Arbeit oder nicht?“) auf diese ohnehin bereits zweifelhafte Work Force hochrechnet. Ha.

Und das ist nun nur die angeblich „harte“ Faktenseite der vermeintlichen Realität.

Die „weiche“ Seite ist das, was wir daraus machen, welches Bild wir in unserem Kopf auf Basis solcher scheinbar unverrückbaren Fakten zeichnen. Dabei ist dieses Beispiel der Arbeitslosenrate ja nur eines von vielen. Was ist mit den Bildern, die uns die Medien als Realität verkaufen? Ob Ukrainekonflikt, Flüchtlingsstrom oder Griechenlandkrise: Wir sehen, was wir sehen sollen. So aufbereitet, dass wir daraus folgern, was wir folgern sollen. Und selbst wenn wir die Einfärbung der Fakten bemerken, wir wären doch außerstande, das gesamte, objektive Bild zu sehen, um daraus eine objektive Folgerung zu ziehen. Nicht zuletzt, weil ja auch die Medienschaffenden vor Fakten gestellt werden, die sie nie komplett vor sich haben und daraus das, was sie für real halten, herausziehen und weitergeben. Was bedeutet: Die Medien müssten nicht einmal versuchen wollen, die Meinung der Leser oder Zuschauer zu beeinflussen und täten es automatisch trotzdem. Aber zurück zum „weichen“ Aspekt an sich:

Alles, was wir an Informationen aufnehmen, geht ja durch mehrere Filter hindurch. Die da, unter anderem, sind: Persönliche Erfahrungen, bereits bestehende Meinungen, persönliche Ziele, aktuelle Lebensumstände bis hin zur momentanen Befindlichkeit. Wer miese Laune hat, wird neue Fakten oft weniger gutmütig oder erfreut aufnehmen, als wenn dieselben Informationen ihn/sie in einer guten Stimmung, bei bester Gesundheit und idealen Lebensumständen erreichen würde. Anders formuliert:

Wir sehen nicht nur die Dinge so, wie wir sie sehen wollen. Wir merken oft nicht einmal, dass dieser persönliche Filter einem steten Wandel unterworfen ist. Und, noch komplizierter, dass dieser Wandel auch mit den scheinbar objektiven Fakten interagiert.

Wenn wir uns jetzt noch darüber klar werden, dass diese subjektive Wertung nur scheinbar objektiver Fakten für jeden einzelnen Menschen gilt und somit selbst dann, wenn Menschen scheinbar über grundsätzliche Dinge einer Meinung sind und wie eine Herde Schafe wirken, unzählige Facetten existieren, wie die Realität wahrgenommen und ausgelegt wird, wird klar, warum die Börsen sich für viele Investoren nicht nur ab und an, sondern fast immer völlig bekloppt verhalten.

Was ist denn die Basis von Kursbewegungen? Unternehmenszahlen? Konjunkturdaten? Das Zinsniveau? Scheinbar. Angeblich. Aber in Wahrheit ist es nur die stete Verschiebung von Angebot und Nachfrage. Sprich ob mehr Käufer als Verkäufer am Markt sind, genau in diesem Moment … und welche Seite drängender ihr Ziel erreichen will, sprich „härter“ handelt, mit oder ohne Limit, mit großen oder kleinen Positionen.

Die Gründe, warum sich Angebot und Nachfrage verschieben, können ihren Ursprung zwar in einer Wechselwirkung mit den Fakten haben. Also dem, was man ganz individuell, bei jedem Anleger verschieden, für Fakten hält bzw. halten will. Aber sie müssen nicht. Genauso gut kann es reine Charttechnik sein, die zum Kauf oder Verkauf motiviert. Oder Signale eines Handelssystems. Oder Performance-Zwänge bei Fonds. Es kann Angst sein, weil man fallende Kurse sieht und lieber verkauft, bevor sie noch weiter fallen. Oder blanke Gier bzw. die Angst etwas zu verpassen, wenn man die Kurse steigen sieht.

Haben Sie selbst denn jedes Mal, bevor sie einen Trade vollzogen haben, intensive Rücksprache mit den angeblich entscheidenden Rahmenbedingungen gehalten … oder sind sie nicht auch mal auf den Zug auf- oder von ihm abgesprungen, weil sie Kurse gerade dynamisch nach oben oder unten liefen? Eben. Und anderen geht es auch so. Und das gilt für einen Kleinanleger ebenso wie für Fonds- oder Hedgefonds-Manager.

Zusammengefasst spielen die angeblichen Fakten, die keineswegs objektiv sind, gefiltert durch individuelle Wahrnehmung, die von zahlreichen Aspekten außerhalb der Faktenlage zusätzlich beeinflusst werden, also nur eine unterschiedlich große, aber nie die einzige Rolle dafür, ob jemand kauft oder verkauft. Nimmt man dann noch zur Kenntnis, dass die Zahl derer, die täglich an er Börse handeln, gigantisch ist, wird klar: Das ist alles, nur nicht rational.

Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man damit leben. Die Börse ist nicht, wie sie ist, weil auf einmal alle völlig bekloppt sind, sondern weil die Realität objektiv nicht existiert. Jeder hat seine eigene. Und entscheidet und handelt nach ihr.

Problematisch wird es allerdings, wenn man einen Schritt zu weit geht … und das passiert leider unerfreulich oft. Nämlich dann, wenn man das, was als Resultat dieses Prozesses als Kursbild bei DAX, Rohöl, Euro etc. herauskommt, wiederum als „Fakten“ bezeichnet bzw. als ungefiltertes Abbild einer angeblich objektiven Realität ansieht. Oder, weniger gewunden ausgedrückt: Wenn Medien, vorgebliche Finanzexperten oder Politiker sich hinstellen und einen steigenden DAX als Beleg dafür anführen, dass die Bürger zuversichtlich sind oder gar als Beweis für ein solides Wachstum der Wirtschaft.

Zieht man diesen unzulässigen Rückschluss, kommt oben in den Trichter ein zusätzliches, in sich verfälschtes Element als angebliches Faktum hinzu, das wie z.B. angeblich „harte“, weil angeblich auf „Zählbarem“ basierende Konjunkturdaten erneut den subjektiven Prozess der Verwurstung von Informationen hin zu einer scheinbar objektiven Sichtweise der Realität durchläuft. Das Ergebnis subjektiver Wahrnehmung wird also dann als scheinbar Objektives erneut subjektiv beurteilt. Was dann herauskommt, sehen wir gerade beim DAX.

Was kann man dagegen tun? Nichts. Denn selbst der Versuch, so objektiv wie möglich zu sein, ist erstens schon wieder von subjektiv eingezogenen persönlichen Leitstrahlen beeinflusst, zum anderen hälfe es wenig, wenn man der Einzige wäre, der die Fakten völlig unbeeinflusst wahrnehmen würde, da es die anderen nun eben nicht tun und dementsprechend „irre“ handeln. Der beste Weg ist, stur den Kursen zu folgen und Trends zu erkennen und mitzunehmen, denn so kommt man – wenn man das fertigbringt – darum herum, permanent von eigenen „Wahrheiten“, sprich subjektiven Meinungen beeinflusst zu werden.

Das war und ist auch für mich nach so vielen Jahren als Börsianer schwierig, denn einem Handelssystem zu folgen und zugleich tagtäglich über Hintergründe zu schreiben, denen die Kurse einfach nicht „gehorchen“, erfordert, permanent und fehlerfrei von einem Hut unter den anderen zu wechseln. Ich arbeite an Wegen, das in den Griff zu bekommen. Das ist der Grund, weshalb ich auch seit längerer Zeit keine neuen Leser im SYSTEM 22 new opportunities aufnehme. Da wird hinter den Kulissen umgebaut – mehr dazu in Kürze.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)

 

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Ein Kommentar auf "Realität? Gibt es nicht."

  1. Elisabeth Niemeier sagt:

    Sehr geehrter Herr Gehrt,
    Realität ist, dass Amerika hoch verschuldet ist. Diesen Schuldenberg will man dezimieren, in dem man sinnlose Kriege entfacht. Die Armut nicht bekämpft sondern vergrößert.
    Tonnenweise wurden Goldvorräte gehandelt, so dass auch dieses Währungssystem vorwiegend von einer Institution kontrolliert werden kann. Nun werden seit 20 Jahren
    Flüchtlinge produziert mit der Premisse, Europa zu dezentralisieren, den Euro abuischaffen,
    den $ zu „opfern“ um dann ein neues Währungssystem der Welt zu offerieren, nämlich
    den „Amero“. Diese Währung ist schon gedruckt und die Münzen sind geprägt.
    So wird Schuldenabbau auf amerikanisch betrieben und die Welt schaut zu.
    Ich wünsche mir eine Welt ohne Kriege und glückliche Menschen. Hoffentlich wird dies
    Realität.
    Mit freundlichen Grüßen
    Elisabeth Niemeier

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