Rauchzeichen aus Kleinbritannien

10. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Das Leben auf einer Insel hat viele Vorteile. Man ist unter sich, die landestypische Küche breitet sich nur langsam in die Welt aus, und heimische Probleme sind nicht gleich für alle sichtbar. Der dicke Qualm aber, den der britische Wirtschaftsmotor derzeit ausstößt, ist auch aus der Ferne nicht zu übersehen…

Die Seele des Bankgeschäfts und des bürgerlichen Scheinwohlstands hauste in Großbritannien wie andernorts im Immobiliensektor.Jahrelang sonnten sich private Hauskäufer und Immobilienfirmen unter der Höhensonne günstiger Kredite. Die Vergabekriterien für neue Kredite sind ein klarer Fall für die „Akte Maulwurf“ und reihen sich nahtlos in die große Geschichte des britische Humors ein. Die Preise hat es gefreut, je laxer die Prüfung, desto besser. So legte der HBOS House Price Index ausgehend von 96 Punkten im Jahre 1983 bis in das Jahr 2007 hinein auf einen Höchststand von mehr als 640 Zählern zu. Sagenhaft!

Wer sich schon einmal außerhalb englischer Luxusquartiere auf der Insel umgeschaut hat, der weiß um den teils wenig anheimelnden Zustand vieler Wohnungen und Häuser. Frei nach dem Motto „Lage, Lage, Schieflage“ wurde dennoch fast alles gekauft, was nicht schon vor der dem Notarbesuch zusammengebrochen war.

Ermöglicht wurde der Anstieg durch ein gut geschürtes Kreditfeuer und die humorvolle Auslegung des Begriffes Bonitätsprüfung. Hatte man das Haus erst einmal, ging alles seinen Gang, man orientierte sich am großen Waffenbruder und zog per „equity mortgage withdrawal“ Geld aus dem Häuschen. Das Muster ist altbekannt.

  1. Kredit aufnehmen
  2. Haus kaufen, das Haus dient als Sicherheit für den Kredit
  3. Nach einiger Zeit den Preis höher schätzen lassen
  4. Mit der Schätzung zur Bank gehen und sich auf Basis der nun größeren „Sicherheit“ einen zusätzlichen Kredit aufnehmen
  5. Geld verprassen, noch ein Haus kaufen, BMW zum Einkaufen vor die Tür stellen, …
  6. Siehe 3

Das funktioniert wunderbar, solange die Preise nicht fallen. Ein klassisches Schneeballsystem, das Politiker, wenn es noch läuft, gerne als „Konsumkraft“ und „wirtschaftliche Stärke“ auslegen. Mumpitz.

Seit dem Jahr 2007 ist die Vergabe von Immobilienkrediten um mehr als die Hälfte zurückgegangen, meistens refinanzieren Alteigentümer ihre auslaufenden Kredite. Von einem Nachfrageboom sind die Briten weit entfernt.

Selbst in London wird es eng, auch wenn die Stadt trotz teils nur als bizarr zu bezeichnender Preise als ewig stabiler Hort präsentiert wird. Derzeit zeigt sich dort wie im Mittel in ganz Großbritannien ein Rückzug der Kaufinteressenten bei gleichzeitig wachsender Verkäuferzahl. Was dabei herauskommt, kann man an anderen Immobilienmärkten oder auch am Frachtschiffmarkt beobachten. Wachsende Kapazitäten bei schrumpfender Nachfrage ziehen sinkende Preise nach sich. In liquiden Märkten geht die notwendige Anpassung schnell vonstatten, in illiquiden Bereichen dauert es länger. Das Researchhaus Hometrack meint dazu:

(Hometrack UK) The number of new buyer registrations, a measure of demand, dropped 2.1 percent in July from the previous month, while the volume of properties being put up for sale rose 1.4 percent. Donnell said the gap between supply and demand “is set to widen over the summer months and points to further modest price falls.”

In London, new buyer numbers fell 2.4 percent in July, with the greatest decline, 3.4 percent, recorded in Southeast England.

“The housing markets of London and the Southeast — areas that have supported headline price growth since the beginning of the year — are starting to slow as demand weakens and supply rises,” Hometrack said.

Auch auf der übergordneten Ebene verbleibt ein Grauschleier am Himmel. Zu den desaströsen Wirtschaftsdaten aus dem Vereinigten Königreich zählen allen voran das BIP und die Situation der privaten und öffentlichen Haushalte. Nach Jahren der kreditinduzierten Fiesta setzt sich vielleicht nicht in den Köpfen aber in der Realität das Ausmaß der Probleme durch. Zu Beginn des Jahres rutschte die britische Wirtschaft erneut in die Rezession, aus der sie ohnehin nie richtig herauskam.

(Telegraph) The economy shrank by 0.7pc in the second quarter – far more than the 0.2pc fall expected (…). It marks the third successive quarter of contraction, leaving Britain in its longest double-dip recession in more than 50 years.

The Office for National Statistics showed broad-based weakness across the private sector, with construction output down 5.2pc, industrial production down 1.3pc and services output – which accounts for 77pc of the economy – falling 0.1pc

Angeblich soll es am vielen Regen gelegen haben, eine ganz und gar unbritische Wetterlage. Aber auch hierzulande sind Volkswirte ja meist erstaunt, wenn die Weihnachtsfeiertage wieder einmal überraschend ins vierte Quartal gerutscht sind…

Bei der Einstufung der Wachstumszahlen in der überaus mäßigen Erholung der Jahre 2010 und 2011 darf man den Basiseffekt durch den massiven Einbruch der Vorjahre nicht vergessen. Dem BIP in Britannien geht es wie der Industrieproduktion, die alten Höchststände liegen in weiter Ferne.

Nationwide, die über einige Jahre ihren Bericht zum Verbrauchervertrauen veröffentlichten, haben nun die Nase voll. Vielleicht dürfen die Analysten auch nicht mehr berichten, denn bekanntlich ist für viele Geister auch eine Privatinsolvenz „reine Psychologie“.

Den britischen Konsumenten dürfte ein Besuch auf der Couch jedoch nicht weiterhelfen. Auch der letzte Report zur Lage und Stimmung der Menschen auf der Insel nötigt dem Leser ein dickes Fell ab. Die schon schlechten Werte des Vorjahres wurden noch einmal unterboten, der Rückgang war deutlich.

(Nationwide, Juli 2012)

  • The main Consumer Confidence Index fell by three points in May to 41 and is just four points above its lowest ever level of 37 in October 2011
  • The main Index is more than 34 points below ist long run average and it sits at its lowest level so far this year
  • The Index sits 16 points lower than this time last year

Es steht viel Arbeit an für die Konsumpsychologen auf der Insel. Falls die Gesprächstherapie nicht anschlagen sollte, liebe Psychologen, nehmen Sie es nicht persönlich. Der Schuldenstand der privaten Haushalte, der Unternehmen und der öffentlichen Hand liegt bei mehr als 500%, die Realeinkommen sinken und die vermeintlich seligmachende Finanz-Dienstleistungsindustrie reißt weiter tiefe Krater in den Staatshaushalt. Einen Kreditimpuls sollte man daher nicht erwarten. Der Vollständigkeit halber sollen an dieser Stelle der tabellarische und grafische Überblick über den gesamten Berichtszeitraum des Nationwide Reports nicht fehlen. Die fetten Jahre sind lange vorbei.

Die Indizes zum Verbrauchervertrauen kann man mit dem Satz „das, was wir nicht haben, geben wir nicht aus, und wir denken nicht, dass wir nächstes Jahr mehr haben“ übersetzen. Eine nüchterne aber korrekte Sichtweise und ein schöner Beleg dafür, wie irreführend die Hoffnung ist, man könne einen Kreditkater mal eben so schmerzfrei wegdrucken. Die Frage ist lediglich wann die Schmerzen eintreffen und wen sie am stärksten treffen.

Vom großen Empire ist in Britannien noch genau so wenig verblieben, wie von der „Grande Nation“ in Frankreich. Daran darf man sich auf der Insel ruhig gewöhnen, denn dieser Zustand wird sich so bald nicht ändern.


 

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Ein Kommentar auf "Rauchzeichen aus Kleinbritannien"

  1. 4fairconomy sagt:

    Danke für diese erneut sehr empfehlenswerte und unterhaltsam geschriebene Analyse. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Anlagen in Immobilien keine Werte schaffen sondern auf Dauer Geld vernichten. Sei es in Form einer platzenden Immobilienblase oder steigender Lebenshaltungskosten d.h. abnehmender Kaufkraft (was nicht selten vor dem Platzen der Blase der Fall ist). Es ist eigentlich ja auch einleuchtend, dass in dem Geld in steigende Assetpreise investiert wird, dies noch lange nicht bedeutet, dass zukünftige Kaufkraft geschaffen wird. Kaufkraft entspricht einer bestimmten Geldmenge welche auf ein entsprechendes Sozialprodukt trifft. Wenn durch steigende Preise auf dem Papier die Nominalvermögen steigen, wird noch lange keine Kaufkraft gebildet. Sparen und dabei Kaufkraft erhalten oder sogar steigern kann gesamtwirtschaftlich gesehen nur funktionieren, in dem Geld so investiert wird, dass in der Zukunft das Sozialprodukt stabilisiert oder sogar gesteigert wird. Und Investitionen in steigende Bodenpreise schafft nun mal keinen Beitrag an das zukünftige Sozialprodukt. Ausser wenn der Immobilienpreisanstieg eine Knappheit signalisiert, welche alsbald durch entsprechende Bautätigkeit, d.h. Konkurrenz bzw. Angebotserweiterung, beseitigt wird – was aber wegen der Knappheit des Bodens, insbesondere an bestimmter Lage, nicht funktioniert. D.h. der Boden – nicht was darauf gebaut wird – darf nicht als Geldanlage dienen weil die Knappheitsrente durch Konkurrenz bzw. Mehrproduktion nicht beseitigt werden kann -> Marktwirtschaft funktioniert hier nicht. Bodenrenten bzw. die Knappheitsrenten gehören vollumfänglich Zugunsten der Allgemeinheit abgeschöpft.

    Ein weiterer Aspekt des Beitrages ist der Konsum auf Pump. Die Frage welche sich stellt ist doch: offenbar lassen die Produktionskapazitäten der Realwirtschaft den Wohlstand zu, welcher auf Pump finanziert wird. Also es ist nicht so, dass diese Nachfrage auf Pump gänzlich ins Leere greift, dass es gar nicht genügend Güter hätte, um diese zu befriedigen. Warum ist also realwirtschaftlich gesehen dieser breite materielle Wohlstand nicht anders möglich als auf Pump? Mal von der ökologischen Problematik abgesehen, warum sollen die Menschen unter ihren Verhältnissen leben? Warum sollen die Produktionskapazitäten, inkl. die menschliche Arbeitskraft, nicht ausgelastet werden können, ohne, dass dies auf Pump geschieht (insbesondere auf Pump basierend auf eine illusionäre Vermögensentwicklung)?

    Dieser Problematik liegt wahrscheinlich zu Grunde, dass um rentabel zu sein für die Geldgeber, jeder mehr für das Sozialprodukt produzieren muss, als er selbst mit seinem Arbeitsertrag davon beziehen kann. Die Ertragsseite des Sozialprodukts wird aufgeteilt in Erwerbs- und Kapitaleinkommen. Wenn nun aber die Bedürfnissse welche zur Räumung des Marktes führen, so verteilt sind, dass diese vor allem auf Seite der Erwerbseinkommen liegen und die Kapitalertragsempfänger gesättigt sind und kein Interesse haben, sich an die Räumung des Marktes entsprechend ihres Ertrages zu beteiligen, dann funktioniert das System nur mit Konsum auf Pump durch die Bedürftigen. Ausser natürlich die Wirtschaft wächst in dem Ausmass, dass alle für den Konsum nicht benötigten Kapitalerträge in die Nachfrage von Investitionsgüter fliessen. In diesem seltenen Fall, vor allem nach einem Krieg, wenn es viel aufzubauen gibt, dann kann die Rechnung aufgehen. Sobald aber die Kapitalertragsseite über ihr Bedürfnis an Konsum- und Investitionsgüter wächst, treten Probleme auf, u.a. ein Verschuldungszwang zur Leerräumung des Marktes.

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