Ratschläge aus Verschuldistan

10. November 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Wenn ein Land verschuldet ist, und ausgerechnet die USA dies zum Anlass nehmen, gute Ratschläge zu erteilen, ist Humor gefragt. Der Präsident des Staates, dessen Exportschlager Kreditverbriefungen waren, klärte auch in kurzen Sätzen, warum es in Amerika nicht aufwärts geht. Die Krise in der EU sei gar das Hauptproblem für die amerikanische Volkswirtschaft tönt es…

Wer die Augen auf so unnachahmliche Weise vor den eigenen strukturellen Unzulänglichkeiten verschließt, wird den nächsten Aufschwung vermutlich als Ruheständler zu Gesicht bekommen.

Die grundsätzliche Problematik liegt in der Fehleinschätzung der Bedeutung relativer Unterschiede. Wenn jemand ärmer ist, als man selbst, heißt dies im Umkehrschluss nicht, dass man deshalb zu den Wohlhabenden. Für Schuldzuweisungen und groteske Fernsehdebatten mag das genügen, einer Problemlösung jedoch steht derartiges Verhalten im Weg.

Gravierende Probleme plagen die US-Ökonomie. Gerade die Probleme von historischem Ausmaß aber führen zu einer Situation, die sich für die Illustration der Begriffe Deleveraging (Rückführung der Verschuldung) und balance sheet recession (die Folge des Deleveraging) eignet. Zunächst sollte eine Betrachtung der Verschuldungssituation in einem Land nicht bei der Untersuchung eines Sektors enden. Die Gesamtheit aus Staat, Unternehmen und privaten Haushalten zählt. Die Auflistung der Verschuldungsquoten verschiedener Länder ist bemerkenswert.

Der mit hohem Sendungsbewusstsein gesegnete Ratgeber USA bringt es in der offiziellen Zählung auf rund 288% im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Reich an Erfahrungen könnte man sagen. Einige Billionen Dollar an ungedeckten Verbindlichkeiten aus verschiedenen Programmen wie Medicare und Medicaid sind in diesem Wert nicht enthalten.

Spricht man von der Leistungsfähigkeit der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung der öffentlichen Verschuldung, so fällt gern der Name von William Clinton. Im Nachgang wird die Zeit seiner Präsidentschaft verklärt und erreicht in traumartigen Erinnerungsfantasien den Status einer Ära langjähriger Haushaltsüberschüsse. Wie so manch anderer Rückblick – nicht nur im deutschen Staatsfernsehen derzeit ein überstrapaziertes Thema – unterliegt auch diese Erinnerung einer Verklärung. So gab es in der Vergangenheit nur eine einzige Periode, in der über vier Quartale in Summe ein Einnahmenüberschuss erzielt wurde. Dieser kurze Moment des Frohlockens entsprang einem durch die Aktienblase angefeuerten Boom der Steuern auf Kapitalerträge. Wenig überraschen kann daher der Endpunkt dieses einjährigen Zeitraums, es er fällt in das zweite Halbjahr des Jahres 2000… (Seite 2)

 

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19 Kommentare auf "Ratschläge aus Verschuldistan"

  1. vegaman sagt:

    Liebes Bankhaus Rott,

    tja das bringt es mal wieder auf den Punkt. Nur den Sätzen „Leider genügt der Zentralbank und dem Schatzamt der Blick auf derartige Daten nicht. Wie sonst kann man in einer solchen Lage glauben, die Rezepte der letzten 30 Jahre würden auch diese Malaise heilen. Bestenfalls ist diese Hoffnung als naiv zu umschreiben.“ kann ich nicht zustimmen.

    Das Verhalten ist bei weitem nicht naiv zu nennen, sondern vielmehr sehr vorausschauend(, zynisch, betrügerisch, …). Ich bin fest davon überzeugt, dass die genau wissen, dass Sie im Endstadium sind. Da ist es sehr sinnvoll, die private Verschuldung soweit wie möglich abzubauen und dafür die Staatsverschuldung so weit wie möglich aufzubauen und dabei so viele Ziele wie möglich noch zu realisieren (Infrastruktur setzen, Unternehmen mit genügend Kapital ausstatten, Verschuldung der Hausbesitzer als nichtig erklären, unliebsame Herscher anderer Staaten beseitigen, …). Wenn die Schulden dann alle beim Staat sind, kommt der Schnitt und die USA stehen als erster am Start.

    Wie auch immer man das Vorgehen der USA bezeichnen möge, es erscheint mir alles andere als naiv zu sein.

    Beste Grüße

    vegaman

  2. mfabian sagt:

    Zunächst wollte ich mich ja bei Euch darüber beschweren, welcher Bachl denn auf die Idee kommt, auf Seite 1 eine Weltkarte reinzustellen, wonach die Schweiz >300% Schulden/GDP haben soll.
    Ich gebe zu, das hat doch etwas an meinem nationalen Ehrgefühl gerüttelt!

    Nichts desto trotz habe ich erst mal nachgeforscht. Und ja, die traurige Wahrheit ist es stimmt:
    http://www.mckinsey.com/mgi/reports/freepass_pdfs/debt_and_deleveraging/debt_and_deleveraging_full_report.pdf

    Na dann freu‘ ich mich schon mal auf den nächsten Versuch unserer Volkszertreter, die UBS zu retten, die mit 2000 Mrd. Franken in verschiedensten undurchsichtigen Krediten drin hängt und wie wir das als Nation mit 500 Mrd. GDP „retten“ wollen.

    Aber erst brauch ich mal ein Bier. Ich steh‘ noch unter Schock!!

  3. holger sagt:

    Wann wird es endlich mal begriffen, dass wir nur von Zahlen anscheinend abhängig sind. Das Schulden Guthaben Zinsen nichts anders Bedeuten, sein Eigentumsrecht an andere zu übertragen. Was passiert denn nun, wenn die Schulden einfach gestrichen werden? Nix. Gar nix. Oder bin ich einfach nur zu blöd das Spiel zu schnallen?

    Was ist denn nun so wild daran, zu 120% oder 240% verschuldet zu sein? Oder meinetwegen zu 2160% ? Kann mir das mal einer plausibel erklären? Nein… das ist nicht drin. Hey Leute… diese Erde fliegt weiter. Mit Schulden oder ohne. Mit Gold oder ohne. Mit Uns oder ohne. Es wird weiterhin Erdbeben, Schneestürme, Gewitter geben. Die Pflanzen werden weiter wachsen. Mit Elliot-Wellen oder ohne. Der Natur ist eine Verschuldungsrate scheixx egal.

    Bitte… ich verlange nur den Gegenbeweis. Mehr nicht. Die Natur lebt ohne Verschuldung, nur der Mensch ist vermutlich nicht in der Lage dazu. Und nun an die Frische Luft:

    Ich geh‘ mit meiner Laterne
    und meine Laterne mit mir.
    Dort oben leuchten die Sterne,
    und unten, da leuchten wir.
    Mein Licht ist aus,
    ich geh‘ nach Haus,
    rabimmel, rabammel, rabum.

    • Frank Meyer sagt:

      bei 2.160% des BIP dem Schuldner Geld zu borgen, ist christliche Nächstenliebe. Pippi Langstrumpf schläft leider schon wieder. 🙂

    • Johannes sagt:

      Servus Holger,

      nun ja, auch ein Löwe ist von Zahlen abhängig. Gibt es in seinem Revier nur ein einziges fressbares Tier für sein Rudel, wird er wohl auch ins „Eigentum“ anderer Löwen eindringen. 😉

      Von mir aus können auch gerne alle Schulden gestrichen werden, bin dabei. :)) Mein Bausparkredit fürs Haus wäre dann ja auch weg. 🙂 Blöd für den, der einen Bausparer hat, der bekommt sein Geld halt nicht mehr.

      Sicher wäre eine Verschuldung von 2160% auch möglich, es muss nur der Zinssatz angepasst werden. Je näher bei Null, desto mehr Prozente wären möglich. Richtig blöd wirds bei hoher Verschuldung und hohen Zinsen. Das verträgt sich irgendwie nicht.

      Ob die Natur ohne Verschuldung lebt, kann ich nicht sagen. Irgendwie „fordert“ der Löwe seine Beutetiere, die wiederum die Vegetation, die wiederum das Wasser und die Sonne……

      Irgendwie nur Forderungen, wohin man sieht. 😉

    • Fnord23 sagt:

      Hallo Holger,

      „Bitte… ich verlange nur den Gegenbeweis. Mehr nicht. Die Natur lebt ohne Verschuldung, nur der Mensch ist vermutlich nicht in der Lage dazu. „…..

      Unser Zentralgestirn bombardiert uns ständig mit Unmengen von Energie.

      Wir sind alle Sonnenenergie!

      Sollte Clara Helios mal auf die Idee kommen, dass das kein Geschenk ist, sondern nur geborgt, weil plötzlich Ihr Interesse an Eigentum und Besitz erwacht, dann hält Sie uns eine Kreditvertrag hin und zwingt uns zu unterschreiben.

      Wir wissen zwar, dass Photonen mit Zins nicht rückzahlbar sind. Aber was willste machen. Sie hat nun mal das Monopol auf Energieschöpfung in unserem Sonnensystem.

      Aber warum sollte sie das tun, sie ist doch kein Mensch! Das Problem scheint die lebende, zur Vorpflanzung fähige Materie zu sein.

      Dem Universum schulden wir nichts. Siehe Energieerhaltungssatz. Insofern sind wir Teil der Natur, aber eigentlich ein ziemlich blöder.
      Die Krone der Blödheit halt.

      Klar kann man mathematisch diesen ganzen Krempel mit immer größeren Summen am laufen halten. Wenn diese vertrackte Psychologie nur nicht wäre.

      Wenn Schulden gestrichen werden fällt der andere Zustand des Geldes auch aus. Was passiert? Wahrscheinlich nicht all zu viel. Die große Masse könnte mehr konsumieren, weil die eh nur Schulden haben.

      Und die Vermögenden würden wahrscheinlich etwas weniger konsumieren, was aber von der großen Masse aufgefangen wird. Kommt eben drauf an, wie der Schulden/Vermögensschnitt ausgeführt wird. Macht es der Fleischer oder der Dr. Mang?

      Nur wie kommen wir von dieser WachstumdurchKonsumvonmateriellenDingenwirtschaft weg? Ich hoffe nicht, dass dieser Schnitt unter Vollnarkose durchgeführt wird.

      Es muß schmerzen, sonst kommen wir evolutionstechnisch nicht voran.

      Sorry, hab mir heute mal zwei Krisenschnäpppse genehmigt.

      VG aus Sachse

      • holger sagt:

        Moin Fnord,

        —>>>Es muß schmerzen, sonst kommen wir evolutionstechnisch nicht voran.“

        Genau so sehe ich das auch. Das alte Zopf muss weg, damit ein neuer wachsen kann.

        Vielen Dank für Deine Erklärungen. Sind stimmig.

        Gruss Lieben aus dem Niederen Sachsen Land

    • bizzer sagt:

      @Holger
      Es scheint mir, als ob Deine fundamentale Aussage:
      „Die Natur lebt ohne Verschuldung, nur der Mensch ist vermutlich nicht in der Lage dazu. Und nun an die frische Luft:

      Ich geh’ mit meiner Laterne
      und meine Laterne mit mir.
      Dort oben leuchten die Sterne,
      und unten, da leuchten wir.
      Mein Licht ist aus,
      ich geh’ nach Haus,
      rabimmel, rabammel, rabum.“

      hier nicht wirklich gewürdigt – weil im Grunde nicht verstanden – wird 🙁 Speziell für Dich, natürlich auch alle andern, noch diesen hier; zur Unterstützung Deines Bildes:

      Aber das Glück kann nie kommen. Sind die Umstände endlich gefügig gemacht, so verlegt die Natur den Kampf von außen nach innen und bringt allmählich in unserm Herzen eine Wandlung hervor, so daß es etwas anderes wünscht, als was ihm zuteil werden wird.
      Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3

  4. neuling sagt:

    „Zunächst sollte eine Betrachtung der Verschuldungssituation in einem Land nicht bei der Untersuchung eines Sektors enden. Die Gesamtheit aus Staat, Unternehmen und privaten Haushalten zählt“

    Macht nach dem Bundesbankbericht für das 2.Qurtal 2011

    (hier der Link für die Verbindlichkeiten des Staates)
    http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=wirtschaftsdaten&func=row&tr=CEB0CQ

    für alle Sektoren zusammengenommen 23,4 Billionen Euro Verbindlichkeiten. Bei einem BIP 2010 von 2,5 Billionen Euro

    ist die Gesamtverschuldung ca. das 10fache (1000%) des BIB.

    In Ihrer Grafik erhält Deutschland den Faktor 2-3fach. Woher kommt dieser Unterschied in der Addition der Sektoren?

    Im Gegensatz zum @Holger, finde ich es schon einen Unterschied ob bei einem angenommenen Zins von 3% dieser Zins einen Anteil am BIP von 9% (3×3%) oder von 30% (10×3%) einnimmt.

  5. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo zusammen,

    @vegaman
    Das „Verhalten der USA“ gibt es ja als Aggregat nicht. Gerade der Unterschied zwischen Öffentlicher Hand und privaten Sektoren ist interessant. Denn Schatzamt und Zentralbankchef wünschen sich von den Privaten ja einen neuen Kreditimpuls, der sich allerdings nicht einstellt, der private Bereich enthebelt. Der Begriff „naiv“ bezieht sich eher auf die Denkweise, es ließen sich strukturelle Probleme auf die Art und Weise lösen, wie sie gerade en vogue ist. Aber Kaufkraft lässt sich nicht drucken. Den Ernst der Lage dürften sicher einige schon lange erkannt haben, vermutlich mehr als in der EU.

    @neuling
    Welche Aggregate haben Sie denn genau addiert? Da haben sich in Ihrer Berechnung vermutlich Doppelzählungen eingeschlichen.

    @mFabian
    Pröschtli! 😉

    Beste Grüße an die versammelte Leserschaft
    Bankhaus Rott

    • neuling sagt:

      Ich habe mir erlaubt die unter

      http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=wirtschaftsdaten&open_node_id=204443

      aufgelisteten Bestände der konsolidierten Verbindlichkeiten der 7 aufgeführten Sektoren zu addieren.

      Nichtfinanzielle Unternehmen = 3,9 Billionen Euro
      Monetäre Finanzinstitute = 6,2 Billionen Euro
      Sonstige Finanzinstitute = 2,0 Billionen Euro
      Versicherungen = 1,7 Billionen Euro
      Staat = 2,1 Billionen Euro
      Private Haushalte = 1,5 Billionen Euro
      Übrige Welt = 5,7 Billionen Euro

      Gesamtverbindlichkeiten = 23,1 Billionen Euro

      Dort sind auch die Guthaben der 7 Sektoren aufgelistet, die in Summe zum gleichen Geldvermögen kommen sollten. Diese Guthaben hatte ich schon in einem anderen Thread aufgelistet, da hier ja Zinsen fließen, die eigentlich als Kapitalerträge versteuert werden könnten. Was bei einem mageren Zinssatz von 3% und einer Abgeltungssteuer von 25% immerhin 176 Milliarden Euro wären.

      Nichtfinanzielle Unternehmen = 2,5 Billionen Euro
      Monetäre Finanzinstitute = 6,5 Billionen Euro
      Sonstige Finanzinstitute = 1,8 Billionen Euro
      Versicherungen = 1,8 Billionen Euro
      Staat = 0,9 Billionen Euro
      Private Haushalte = 4,8 Billionen Euro
      Übrige Welt = 5,2 Billionen Euro

      Gesamtgeldvermögen = 23,5 Billionen Euro

      Wenn ich hier den ein oder anderen Euro doppelt verbucht haben sollte, bitte ich um eine Korrektur.

      • Frank Meyer sagt:

        Gigantisch! Vielen Dank für die Mühe, die Zahlen heraus zu finden.

      • neuling sagt:

        Sind natürlich Peanuts gegen die 54,1 Billionen Euro OTC Engagement der DB, wenn es nicht US Billionen sind?

      • Bankhaus Rott sagt:

        @neuling

        Vielen Dank für Ihre Bemühungen! In den Daten sind allerdings zahlreiche Verpflichtungen enthalten, die gemeinhin nicht zu den Kreditverpflichtungen gezählt werden können.

        Zählt man sämtliche Verpflichtungen, etwa Pensionsrückstellungen oder Ansprüche gegenüber anderen Versicherungen hinzu, so steigen die Werte in der Tat rasch in Richtung Mond, denn gerade derartige Verpflichtungen bestehen in gewaltiger Höhe. Das wäre im staatlichen Sektor ebenfalls der Fall, siehe dazu allein die ungedeckten Verbindlichkeiten von Programmen wie Medicare und Medicaid in den USA.

        Generell ist gerade im Finanzsektor eine massive Datenbereinigung nötig, und wurden auch von den Machern der entsprechenden Studie vorgenommen. Ein Beispiel sind Verbriefungen (ABS). Diese müssen natürlich aus den Daten gelöscht werden, da es sich nur um wiederverkaufte aber natürlich nicht zwei Mal vergebene Kredite handelt.

        Das Thema OTC Derivate wird uns alle noch eine Weile begleiten. Hier sind zwar nach wie vor die CDS im medialen Fokus, obwohl die Größenordnung der ausstehenden reinen Zinsderivate den CDS Markt um ein Vielfaches übertrifft. Auf Zinspapiere lässt sich aber offenbar schlechter verbal einprügeln …

        Beste Grüße
        Bankhaus Rott

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