Rating mit nur einem Auge – Moody’s piesackt Deutschland

26. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Man mag über die Motivation von Rating-Agenturen trefflich streiten. Die Mahnung für Deutschland geht zwar in Ordnung, aber wo bleibt die Abstufung der USA? Zwar maulte die Politik ein wenig nach, doch die Kritik hielt sich in Grenzen. Das alles ist nicht wirklich zu beanstanden, außer dass Ratingänderungen meist erst dann erfolgen, wen das Kind schon im Brunnen liegt, und daher ziemlich nutzlos sind…

Mit einem Minus von weiteren 1,9 Punkten auf 103,3 Punkte trübte sich der heute bekanntgegebene ifo-Geschäftsklimaindex zum dritten Mal in Folge ein. Als wären die zahlreichen Hinweise auf ein Ende der deutschen Sonderkonjunktur nicht schon schlechte Nachrichten genug, erhob am Montagabend auch noch die US-Ratingagentur Moody’s mahnend den Zeigefinger. Zwar wurde das deutsche Top-Rating bestätigt, der Ausblick aber wurde von „stabil“ auf „negativ“ zurückgenommen. Das ist angesichts der erheblichen Risiken, die die Regierung im Rahmen der Euro-„Rettung“ schon bislang eingegangen ist, nicht nur konsequent – es war überfällig.

Zwar maulte die Politik ein wenig nach, doch die Kritik hielt sich in Grenzen. Das, obwohl der Angriff auf Ratingagenturen bei den ungekrönten Schuldenkönigen fast schon zum guten Ton gehört. Vermutlich will man die Angelegenheit nicht weiter aufbauschen. Am Dienstagabend kartete Moody’s dann allerdings selbst noch einmal nach und senkte auch den Ausblick für sechs deutsche Bundesländer, sowie am Mittwoch früh den für den EFSF (European Financial Stability Facility).

Das alles ist nicht wirklich zu beanstanden, außer dass Ratingänderungen meist erst dann erfolgen, wen das Kind schon im Brunnen liegt, und daher ziemlich nutzlos sind. Grundsätzlich zu beanstanden aber ist, dass sich die großen Drei (Standards&Poor‘s, Fitch und Moody’s) beharrlich weigern, den Rating-Besen in angemessener Weise auch vor der eigenen, der US-amerikanischen Haustür zu schwingen.

Ökonomenstreit verschärft sich

Was mit dem Protestbrief der inzwischen mehr als 250 Ökonomen gegen die Brüsseler Gipfelbeschlüsse vom 28./29.6.2012 begann, entwickelt sich zu einem regelrechten Hauen und Stechen zwischen den führenden bzw. bekanntesten Ökonomen des Landes, was bekanntlich nicht dasselbe sein muss. Der Initiator des Aufrufs Prof. Walter Krämer bezeichnete Leute wie Prof. Peter Bofinger, der so etwas wie ein Darling des Mainstreams ist, jetzt als „ökonomische Nullnummer“. Dieser sei nur deshalb in den Sachverständigenrat („Wirtschaftsweise“) gekommen, weil die Gewerkschaften ihn dort rein kooptiert hätten. Keiner nehme Bofinger ernst, so Krämer.

Dagegen verwahrte sich Prof. Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, das freilich ebenfalls gewerkschaftsnah ist. Trotzig bezeichnete der Mainstream den neuen Vorschlag einer Gruppe von Ökonomen, der auch Bofinger angehört wie folgt: „Europas Top[!]-Ökonomen legen Krisenplan vor“ (tagesschau.de). Dieser enthält vor allem eine, gar nicht so neue Idee: Deutschland solle sich mehr engagieren und größere Anstrengungen unternehmen – also mehr bezahlen. Woher aber das schöne Geld nehmen?

Da weiß ein gewisser Herr Sommer Rat: Durch eine Zwangsanleihe für Reiche solle ein „Wiederaufbauprogramm für Europa“ finanziert werden, meint er. Da in letzter Zeit kein Krieg in Europa tobte, dürften die Verwüstungen, die jetzt ein „Wiederaufbauprogramm“ nach dem „bewährten“ Motto: „Mehr desselben“ erforderlich machen, wohl durch den Euro selbst hervorgerufen worden sein. Zumindest steht Herr Sommer nicht ansatzweise im Verdacht ein Top-Ökonomom zu sein, dürfte aber als DGB-Chef den Gewerkschaften ebenfalls einigermaßen nah stehen… (Seite 2, zu den Märkten)


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3 Kommentare auf "Rating mit nur einem Auge – Moody’s piesackt Deutschland"

  1. mfabian sagt:

    Hierzu gestern die Schweizer Tagesschau:

    Nicht nachvollziehbare Herabstufungen europäischer Staaten sind eine zentrale Ursache der Schuldenkrise in Europa. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie an der Universität St.Gallen.
    http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2012/07/25/Wirtschaft/Studie-gibt-Ratingagenturen-Mitschuld-an-der-Schuldenkrise

    • crunchy sagt:

      Die Macht solcher Einstufungen resultiert ausgerechnet aus der Sicherheitsverantwortung von Investmentgesellschaften. Sie definieren damit das Chance/Risiko-Verhältnis ihrer Anlageprodukte dem Investor gegenüber. Der Missbrauch der Macht hat „weltläufige“ Landesbanker, wie auch sonstige „Aus kurz mach Lang“ – Künstler (HRE z.B.) auf´s Glatteis geführt. Da bleibt nur der gesunde Menschenverstand: Kaufe nur, was Du verstehst. Das genau, ist die Story für Gold und Silber!
      Dennoch: In St. Gallen kann man sich seeehr wohl fühlen.

  2. crunchy sagt:

    Schon mal aufgefallen, dass es nicht Stoopyd´s Aufgabe ist, ein Auge auf das Allgemeinwohl zu werfen? Was zum Thema fiskalische Repression zu sagen, ist schon für den Nullsummeninvestor, der ja immer 100Prozent zurückbekommt, unzumutbar. Aber, dass sein Leben dadurch gefährdet sein könnte, dass Die sich wehren, die mit dem Rücken zur Wand stehen, weil stupide Investoren in ihrer mood nie über die Tischkante hinausgesehen haben, wird seiner Boni nicht gut tun.

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