Pyrrhussieg? Über Ratten und sinkende Schiffe

7. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es ist keine zwei Wochen her, dass sich die Briten mit knapper Mehrheit gegen einen Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen haben. Nicht die Höhe des Wahlergebnisses war überwältigend, sondern das Ergebnis an sich: Finde den Fehler!

Zwar darf man auf der Insel – im Gegensatz zum Festland – noch unbefangen aussprechen, dass man die EU-Version von Europa für eine Fehlentwicklung hält und daher ablehnt, ohne dafür gleich als „Populist“ geächtet zu werden, die Schwergewichte aus Finanzwesen, Großindustrie und Politik waren dennoch überwältigend gegen einen Austritt der Briten. Dieser, trotz erheblicher Widerstände errungene Erfolg der Brexiteers schien jene Lügen zu strafen, die der Ansicht waren, dass man aus der EU nur so austreten könne, wie weiland aus der UdSSR – nämlich gar nicht.

Und was geschieht nach diesem nur historisch zu nennenden Sieg des Brexit-Lagers? Die Hauptpersonen Boris Johnson und Nigel Farage – der Mainstream nennt sie „Anstifter“ – räumen in weniger als zwei Wochen das Feld. Im Gegenzug führte die ebenfalls historische Niederlage in Brüssel zu keinerlei personellen Konsequenzen – „united we stand“. Die Damen und Herren Kommissare kleben in ihren Sesseln wie sonst nur Kanzlerin Merkel und einst ihr Ziehvater Helmut Kohl: „Mehr Europa, weiter so!“

Motive der Selbstenthauptung

Über die Motive von Farage & Co. können wir nur spekulieren: Etliche Brexit-Anhänger sind sich sicher, dass auf die führenden Brexit-Köpfe massiver Druck ausgeübt wurde. Das wäre denkbar, klingt aber auch ein wenig danach, den abrupten Ausstieg der Helden der vergangenen Schlacht irgendwie imagewahrend zu erklären. Unter Druck standen die Brexiteers schließlich von Anfang an. Es könnte auch sein, dass sie keinen ernsthaften „Plan B“ für den unwahrscheinlichen Fall eines Sieges hatten, also eigentlich nur darauf abzielten, „Gewinner der Herzen“ zu werden, ohne Verantwortung für den weiteren Prozess übernehmen zu müssen.

Dies ist das Lieblingserklärungsmuster des Mainstreams – gewissenlose Hasardeure, die aus persönlicher Eitelkeit mit dem Schicksal ihres Landes spielten, nun aber die Kärrnerarbeit der Austrittsverhandlungen scheuen. Das wäre in der Tat „skrupellos“.

„Skrupellos“ heißt auch die Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 7/2016, in der es um „Psychopathen an der Macht“ geht. Dort finden Sie auch jene Eigenschaften, die für diese Persönlichkeitsstörung charakteristisch sind. Der Verzicht auf Macht gehört jedenfalls nicht dazu, Sprunghaftigkeit dagegen schon. Eng verwandt mit dem Thema Psychopathie ist der Narzissmus. Nicht nur DER SPIEGEL, auch der Deutschlandfunk widmete dem Thema dieser Tage ein Erklärstück.

Interessanterweise wurden dort jedoch nur solche Personen als Narzissten angeführt, die in fundamentaler Opposition zu aktuellen Politik stehen: Farage, Johnson, Trump, Putin, etc. Narzissten, die in den USA oder der EU in Amt und Würden sind, mochte man nicht benennen. Das ist aus Sicht eines Staatssenders zwar verständlich, hat aber auch ein „G’schmäckle“. Dem politischen Gegner per Ferndiagnose Krankheit zu unterstellen hat leider eine lange und traurige Tradition.

Exit vom Brexit?

Im Ergebnis steht die Brexit-Kampagne aufgrund der beiden Rücktritte vor einem Scherbenhaufen, der auch nach einer Abstimmungsniederlage nicht größer hätte sein können. Im Moment sieht es nach einem veritablen Pyrrhussieg aus, der die EU-Anhänger faktisch sogar stärkt – sie gehen in die Offensive:

Das beginnt mit diversen NGOs und Pressure Groups, die meinen, die wahre Meinung der Briten besser zu kennen als diese selbst. Die Inselbewohner seien lediglich vom charakterlosen „Brexsack“ (so die Schmähname von BILD für Nigel Farage) in die Irre geführt worden. Der „Exit vom Brexit“ macht bereits die Runde. Auch bei der EU nutzt man die Gunst der Stunde, um gegen die im Moment kopflos daherkommenden Brexiteers noch einmal ordentlich nachzutreten. Der Charakter mag sich im Alltag formen, aber er zeigt sich in Extremsituationen – besonders dann, wenn jemand glaubt, gerade Oberwasser zu haben.

Besser als ihr Ruf

Ein besonders schäbiges Bild, das herumgereicht wird, ist das von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen. Die Bezeichnung eines politischen Gegenspielers als „Ratte“ würde üblicherweise einen Aufschrei aufgrund der geschichtsvergessenen Verwendung entmenschlichender Nazisprache auslösen. Der blieb allerdings aus, denn wenn mit dem Begriff auf Boris Johnson oder Nigel Farage eingedroschen wird, dann geht das nach dem Gusto der Politkorrekten schon irgendwie in Ordnung – zweierlei Maß, wie üblich. Der deutsch-österreichische Ausnahmeschauspieler Christoph Waltz bezeichnete Farage sogar als „Oberratte“, wie spiegel.de ohne einen Hauch von Kritik an der Wortwahl vermeldete.

Jean-Claude Juncker benutzte – wie viele andere auch – das Bild vom „sinkenden Schiff“. Unklar, welches genau gemeint ist – die Brexit-Bewegung, Großbritannien oder die EU selbst? Schließlich seien an dieser Stelle zwei kleine Nebenbemerkungen zur inflationären, abstoßenden und letztlich falschen Verwendung von Rattenvergleichen in der politischen Auseinandersetzung erlaubt: Erstens, der Rattenfänger von Hameln („Brexit-Rattenfänger“) lockte die Ratten im Auftrag der Stadtoberen aus Hameln heraus. Erst als diese ihn nach erfolgreicher Tätigkeit um seinen Lohn prellten, verschleppte er die Kinder der Stadt. Eine Politik der leeren Versprechungen hatte also bereits in dieser Sage einen maßgeblichen Anteil an dem Leid der Menschen, weil sie den braven Kammerjäger zum „Wutbürger“ mutieren ließ. Zweitens sei zur Ehrenrettung der Ratten gesagt, dass deren sprichwörtliches Verhalten, ein sinkendes Schiff zu verlassen, das sie selbst ohnehin nicht retten könnten, vor allem ein Hinweis auf die Intelligenz dieser Tiere ist.

Zu den Märkten

Die chaotischen Nachwehen der Brexit-Entscheidung führten zu einer anhaltenden Verunsicherung der Märkte. Für den DAX hat sich das Bild deutlich eingetrübt.

2016_07_06+DAX

Das Post-Brexit-Gap unter die 10.000er Marke vom 24.6. konnte bislang nicht geschlossen werden. Im Gegenteil: Zum Wochenbeginn brach die Erholungsbewegung ab und der Index kommt der Aufwärtstrendlinie (blau) aus dem Jahr 2009 erneut gefährlich nahe (vgl. Markierung). Ein Durchbruch wäre charttechnisch klar negativ und könnte sogar wieder das Schulter-Kopf-Schulter-Szenario (rot) akut werden lassen.

Allerdings hat die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, dass gerade an solchen brandgefährlichen Marken „plötzlich“ massive Liquidität in den Markt strömte. Dennoch kochen derzeit auch bei Italiens Banken die Probleme wieder einmal hoch. Dies soll ebenfalls eine Folge des Brexit-Votums sein, so hören wir. Es ist schon unglaublich praktisch, dass man nun für eine Weile einen universellen Sündenbock hat, dem man mit Ausnahme des Feierabendstaus praktisch alles in die Schuhe schieben kann.

Gerade das Thema der Italo-Banken sollte aber nicht unterschätzt werden. Denn die „vollsolidarische“ Bankenunion, die der EU letztlich vorschwebt, könnte sich – wie so vieles – als Bumerang erweisen. Vielleicht wird der vom aktuellen europäischen Bankensozialismus dann relativ unbelastete Finanzplatz London durch einen Austritt sogar – wider alle Erwartungen – perspektivisch gestärkt. Aktuell wittern selbst die westlichen Notenbanken Morgenluft.

Wie an dieser Stelle und in der Druckausgabe des Smart Investor prognostiziert, eröffnet sich nun die Option Zinserhöhungsankündigungen mit dem Hinweis auf den „Brexit“ ohne größeres Aufheben wieder zu kassieren. Die Geldschleusen könnten so weiter offengehalten oder sogar noch stärker geöffnet werden. Wäre da nicht die Brexit-Abstimmung gewesen, man hätte sie erfinden müssen. Unabhängig davon zeichnen sich bereits für Oktober zwei weitere Referenden ab, die direkt auf den Kern der aktuellen EU zielen – Abstimmung zur Flüchtlingspolitik in Ungarn und Abstimmung zur EU-Mitgliedschaft in Italien.

Große Profiteure der Entwicklung waren die Edelmetalle. Gold und Silber erreichten dieser Tage neue Jahreshochs. Besonders stark zeigte sich das auch hier favorisierte Silber (vgl. zweite Abb.).

2016_07_06+Silver

Nach dem Durchbruch des wichtigen Widerstandbereichs zwischen 18,00 USD und 18,20 USD setzte sich die Aufwärtsbewegung bis über 20 USD hinaus dynamisch fort. Die Bodenbildung und der Abwärtstrend der letzten Jahre sind damit endgültig Geschichte. Unter technischen Gesichtspunkten kann das Ausbruchsniveau durchaus noch einmal getestet werden, bei sehr kraftvollen Bewegungen bleiben solche Tests („rebounds“) jedoch gelegentlich auch aus.

In dem Maße wie die Edelmetalle steigen, hagelt es im Mainstream negative Berichte und Einschätzungen. Damit dürften Gold und Silber die einzigen Assets sein, wo Anleger regelmäßig vor steigenden(!) Kursen gewarnt werden. Erst wenn von den Titelseiten die berühmten „10 guten Gründe“ prangen, warum man genau jetzt unbedingt in Gold investieren soll, dürfte ein markantes Zwischenhoch nicht mehr weit sein.

Fazit

Die Lage rund um den Brexit ist nicht übersichtlicher geworden. Die Folge von Rücktritten auf Seiten der Gewinner dürfte ein relativ einmaliger Vorgang in der Geschichte sein. Gold und Silber bleiben trotz der wachsenden Gefahr kurzer, heftiger Rücksetzer erste Wahl.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

2 Kommentare auf "Pyrrhussieg? Über Ratten und sinkende Schiffe"

  1. samy sagt:

    Man darf den Streit zwischen den europäischen und den britischen Institutionen in seiner zukünftigen Tragweite nicht unterschätzen, sollte sich die Streithähne nicht sehr bald besinnen. Ich beziehe mich auf das bekannte Zitat von Paul C. Martin:
    “Heute ist weltweit Bagehot total: Alle Staaten werden für alle Staaten, alle Notenbanken für alle Notenbanken haften, einschließlich Währungsfonds und Weltbank und vielen anderen internationalen Institutionen. Und alle Staaten werden für alle Banken geradestehen, aber auch alle Notenbanken für alle Staaten und alle Staaten für alle Notenbanken. Alle, alle, alle werden für alle, alle, alle dasein. Und alle wissen, dass keinem von allen etwas passieren darf, weil dann allen etwas zustößt.”
    Also, schiessen die BoE und die City of London erst einmal gegen die EZB und die europäischen Finanzplätze -und umgekehrt-, dann bricht das Kartenhaus eher früher als später zusammen. Auch der vom Zykliker Armstrong im Oktober 2015 ausgerufene „peak in government“ darf m.E. nicht nur als Misstrauen der eigenen Bevölkerung in seine eigene Regierung verstanden werden. Sondern auch als als das Misstrauen fremder Völker in fremder Regierungen. („Brüssel“ traut den Briten nicht. Die Briten trauen Brüssel nicht.)
    Somit ist es auch das Misstrauen unter Bündnispartnern. Sei es in der EU, der Uno oder von mir aus der NATO. Es ist das Misstrauen von jedem In- und Ausländer gegen alles in- und ausländische. Es ist auch das Misstrauen zwischen „denen da oben“ und denen „da unten“ und umgekehrt. Warum wohl ist kein Wahlergebnis mehr prognostizierbar, entstehen neue und verlieren alte Parteien. Warum wohl ziehen die Medien gegen die direkte Demokratie?
    Dieses Misstrauen erklärt auch das Symptom der Schärfe („Ratten verlassen das Schiff“ oder der Wahlkampf von Trump ganz allgemein) in der Diskussion. Misstrauen ist eine gehässige und notwendige Zutat für jede Zeitenwende.
    Im Klima des Misstrauens reißt der Kettenbrief. Hier endet Martin’s Prophezeiung, hier beginnt dann Armstrong. Dann kommt der Crash.

    Gott, bin ich heute wieder ein Optimist 🙂

  2. bluestar sagt:

    “ die Schwergewichte aus Finanzwesen, Großindustrie und Politik waren dennoch überwältigend gegen einen Austritt der Briten“
    Genau, und deshalb wird es auch nichts mit dem sogenannten BREXIT.
    Wer wettet dagegen ?
    Die Sache wird erst einmal in die Länge gezogen, die Angstszenarien verdoppelt, der Widerstand verdreifacht, die Diffamierung und Hetze verfünffacht und dann-im besten Falle- darf noch einmal gewählt werden. Diesmal natürlich verantwortungsbewusst und demokratisch. Die Eliten und ihre Lakaien in TV und Presse sind nun aufgewacht.
    Volksbefragungen sind undemokratisch und gibt es nur noch in rechtspopulistischen Diktaturen wie Ungarn. Willkommen im Irrenhaus.

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