Pustepause: Versuch und Irrtum – durch Fehler zum Erfolg

19. Mai 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

In der Politik scheint oft nach folgender Devise gehandelt zu werden: „Wer einen Fehler zugibt, begeht einen zweiten.“ So entstehen dann exekutive Spruchweisheiten vom Kaliber „Wir schaffen das!“ (Angela Merkel, 2015) oder „Das schaffen wir!“ (SED-Plakat, 1981) – vorzugsweise dann, wenn der Karren schon tief in den Dreck gesteuert wurde…

Oder es führt gleich zu jener berüchtigten Politik der verbrannten Erde, die um des Rechthabens willen so lange fortgeführt wird, bis die jeweiligen Akteure vom Besen der Geschichte weggefegt wurden.

Das Zugeben von Fehlern ist nicht gerade eine Eigenschaft, die vielen Menschen in die Wiege gelegt wurde. Bei Personen, die unter öffentlicher Beobachtung handeln ist, das Problem wie eingangs beschrieben sogar noch gravierender. In dieser Hinsicht könnte Konrad Adenauer als echte Ausnahmeerscheinung gelten: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, lautet ein dem früheren Bundeskanzler zugeschriebenes Zitat. Falls, ja falls dies denn so stimmt.

Da seien Zweifel erlaubt, dann für seinen Berufsstand wäre eine solche Einsicht ganz und gar ungewöhnlich – zumal Geschwätz bei manchem Politiker die einzige Währung ist, in der er „leistet“. Da ist es schon plausibler, dass das Original von einem Unternehmer – Robert Bosch – stammt, der die Entwicklung des Unternehmens über die Eitelkeit stellte: „Was goht mi mei saudomms G’schwätz vo geschtr a“.

Unternehmer in eigener Sache

Börsianer sind Unternehmer in eigener Sache. Anders als Politiker können sie nicht bei unbeteiligten Dritten qua Steuererhöhung Geld einfordern, um die eigenen Dummheiten und Fehlentscheidungen zu kaschieren. Sie müssen mit dem wirtschaften, was sie haben und spüren die Konsequenzen ihres Handelns direkt und unmittelbar. Schon von daher können sie es sich nicht erlauben, sich in Theorien zu verlieben oder dem Markt auf Biegen und Brechen eine Richtung zu diktieren. Immerhin handeln sie auf die Zukunft, über die sie streng genommen kein Wissen haben können. Aber sie können sich Arbeitshypothesen darüber zurechtlegen, wie sich diese Zukunft entwickeln wird. Weil dies aber noch immer kein „Wissen“ ist, steht und fällt die Sache mit der Bereitschaft, sich vom Markt widerlegen zu lassen.

Sobald die Entwicklung erkennbar nicht mehr zur Hypothese passt, ziehen sich erfolgreiche Marktteilnehmer eben nicht auf ein substanzloses „Wir schaffen das!“ nach dem Motto „Augen zu und durch“ zurück, sondern überprüfen ihre Hypothesen, modifizieren diese oder werfen sie gegebenenfalls gänzlich über Bord. System-trader bzw. -Investoren setzen dagegen die Signale ihrer Handelslogik um, solange diese Ergebnisse im Rahmen des Erwarteten produziert. Diesem Thema werden wir uns übrigens in der Ausgabe 7/2016 ausführlich widmen.

Im Lichte der Öffentlichkeit

Das Führen eines öffentlichen Musterdepots – wir münden langsam auf die argumentative Zielgerade – entbindet also nicht von der eben beschriebenen und als richtig erkannten unternehmerischen Vorgehensweise aus Versuch und Irrtum. Richtiges wird nicht dadurch falsch, dass es öffentlich getan wird und möglicherweise schwer zu kommunizieren ist. Wir machen es uns allerdings auch nicht so leicht wie Robert Bosch, sondern wollen Ihnen Änderungen in unserer Markterwartung begründen.

Konkret sind wir hinsichtlich des „Pustebullen“ (vgl. Titelstory Smart Investor 5/2016) etwas vorsichtiger geworden. Verliefe die Transmission der EZB-Liquidität reibungslos in den Aktienmarkt, dann hätten wir nach dem Übersteigen des Bereichs von 10.000 bis ca. 10.100 DAX-Punkten mehr Aufwärtsdynamik beobachten müssen. Mehr noch: In der Folge kam es sogar zu einem erneuten Rückfall unter diesen Bereich und das kratzt deutlich hörbar an der Arbeitshypothese, einer schon jetzt startenden finalen Liquiditäts- und Katastrophenhausse („Crack-up-Boom“). Die Marke von genau 10.000 Punkten wurde in den letzten beiden Jahren auf Schlusskursbasis im Übrigen bereits ein Dutzend Mal erobert – und wieder aufgegeben.

Verzagtheit als Anlegerpflicht?

Nun kann man trefflich darüber spekulieren, warum die Märkte trotz ultrabilligem und massenhaft in das System gepumpten Geldes nicht recht vorankommen wollen. Oder auch darüber, wo die Märkte heute stünden, wenn es diese Liquidität nicht gäbe?

Während die zweite Frage eher akademischer Natur ist, hat die erste Frage praktische Relevanz: Die Erklärung für die Zurückhaltung der Marktteilnehmer scheint in deren Hoffnung zu liegen, Aktien schon bald wesentlich billiger einsammeln zu können. Das ist keine grundsätzliche Absage an die Aktie, die im absehbar anhaltenden Niedrigzinsumfeld auch nur schwer zu begründen wäre, sondern eine Frage des Timings.

Anlässe für Kursturbulenzen gibt es reichlich. Für erhebliche Verunsicherung könnte beispielsweise ein Pro-Brexit-Votum der Briten am 23.6. sorgen. Allerdings sind Crashs mit Ansage eine Rarität und vielleicht gibt die britische Befreiungsbewegung dem ganzen Kontinent sogar eine neue, positive Richtung – weg vom zentralistischen Brüsseler Selbstbedienungsbasar, hin zu mehr Eigenständigkeit und Verantwortung. Die Schweiz lässt grüßen. Dann steht natürlich der Sommer vor der Tür und wenn man die üblichen Beschwichtigungen der Politik nicht mehr sonderlich ernst nimmt, könnten wir durchaus vor so etwas wie „Masseneinwanderung Relaoded“ stehen.

Auch das Thema Terror hängt wie ein Damoklesschwert über Europa und etliche Sicherheitsexperten warnen vor noch weit größeren Anschlägen als den bisher verübten. Zudem können die geopolitischen Konfliktfelder – und davon gibt es reichlich – jederzeit nach Gutdünken eskaliert werden. Schließlich sollte man sich angesichts des schleppenden Kursverlaufs mancher Schlüsselaktien fragen, wie robust die Konjunktur eigentlich ist. Der US-Einzelhandelsgigant Wal-Mart arbeitet beispielsweise gerade an einer Art charttechnischer Topformation – nicht gerade ein Indiz für eine brummende US-Binnenkonjunktur.

Woher kommt die Überraschung?

Solchen Argumenten kann man natürlich entgegenhalten, dass es ihnen an der entscheidenden Ingredienz für einen schweren Kursrückschlag fehlt – dem Überraschungsmoment. Je sorgenvoller die Marktteilnehmer Bekanntes wiederkäuen, umso unterstützender ist das für die weitere Kursentwicklung. Jeder Zauderer von heute ist ein potenzieller Käufer von morgen. Je größer der allgemeine Pessimismus, desto kleiner wird das Überraschungspotenzial auf der negativen Seite. Dennoch wird es nicht ganz verschwinden, denn in seltenen Fällen werden sogar Pessimisten negativ überrascht.

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„Kursziel: 10.000“?

Und schließlich kann sich auch fortsetzen, was wir zuletzt gesehen haben – Schwankungen ohne nachhaltige Vorzugsrichtung. Es scheint fast eine Berufskrankheit unter Marktbeobachtern zu sein, dass sie große, ja dramatische Bilder entwerfen. „Kursziel: 10.000“ wäre eine Schlagzeile, mit der aktuell nur jene auf den Markt kämen, die erstens über etwas hintersinnigen Humor verfügen, und die zweitens ihre Leser auch für klug genug halten, diesen zu schätzen. Dabei würde ein kurzer Blick in die Historie offenbaren, dass das jeweils aktuelle Kursniveau oft ein ziemlich guter Schätzer für die nähere Zukunft ist.

Derartige Marktphasen, die zwar reich an Bewegungen, aber arm an echtem Kursfort- bzw. Kursrückschritt sind, finden sich gar nicht so selten. Man sollte diese dritte Möglichkeit also immer mit im Auge behalten, wenn man über die Zukunft der Märkte nachdenkt. Die meisten Analysten tun sich aber mit dieser Form des Börsenalltags ziemlich schwer, weil sich da nur eine relativ langweilige Geschichte erzählen lässt, die man dem Publikum – und der eigenen Auflage – nicht zumuten möchte. Da fügt es sich, dass das aktuelle Kursbild auch Spielraum für eine etwas dramatischere Interpretation lässt: Die Phase der gepflegten Langeweile währt nämlich schon ein gutes Weilchen, was man daran erkennen kann, dass die Gleitenden Durchschnitte über verschiedene Zeitspannen (50, 100, 150 und 200 Tage) inzwischen relativ eng zusammengelaufen sind.

Auf eine solche relative Ruhe folgt dann tatsächlich oft eine größere Kursbewegung (vgl. Abb, gelbe Markierungen). Allerdings kann man dort auch erkennen, dass es nach Auflösung der Pattsituation sowohl steil nach oben als auch steil nach unten gehen kann. Fortsetzung folgt …

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Finger weg vom Bargeld

Am vergangenen Samstag fand an der Frankfurt Hauptwache auf Initiative von „Stop Bargeldverbot“ eine Demonstration unter dem Motto „Finger weg vom Bargeld“ statt. „Silberjunge“ Thorsten Schulte, der bekannte Börsenfachmann Prof. Max Otte (wir interviewten ihn für die aktuelle Druckausgabe des Smart Investor 6/2016) sowie der Wirtschaftsprofessor und „Euro-Kläger“ Joachim Starbatty begaben sich aufs Podest und hielten beherzte Reden zum Thema.

Otte brachte gar seine Gitarre mit und schmetterte zwei Lieder, u.a. „Sei wachsam!“ von Reinhard Mey, in dem es darum geht, sich von der Obrigkeit nicht einlullen und sich von ihr keine Freiheiten nehmen zu lassen. Kein anderes Lied hätte die Angelegenheit, zu welcher sich die Demonstranten – darunter auch einige Branchenvertreter – einfanden, besser beschreiben können.

Auch ein paar verstreute Gegendemonstranten von der Antifa waren vor Ort und versuchten zu stören – mit den hinlänglich ausgebreiteten Parolen, die das Bargeld in die Nähe von „Schwarzgeld“ und „Terrorfinanzierung“ bringen sollen. Allerdings wussten die Antifa-Leute manchmal gar nicht so genau, ob sie buhen oder klatschen sollten – letzteres beispielsweise bei dem Hinweis von Schulte, dass das Bargeldverbot letztlich zu mehr Kontrolle der Eliten über das Volk führt. Die Stop-Bargeld-Bewegung ist weder rechts noch links und schon gar nicht mit der AfD verbandelt, wie Thorsten Schulte eindrücklich erläuterte.

Fazit von Smart Investor (wir waren vor Ort): Eine gelungene Veranstaltung zu einem eminent wichtigen Thema! Leider fanden sich nur etwa 500 Demonstranten dazu ein, was unserer Ansicht nach enttäuschend ist. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass sich bei den verschiedenen Internet-Initiativen inzwischen mehr als 130.000 Bürgerinnen und Bürger registriert haben und das Thema jeden einzelnen betrifft. Wenn man nicht bei solchen Themen auf die Straße geht, wann denn dann? Oder wollen Sie, dass die Bargeldabschaffer, den mangelnden Widerstand der Bürger als Bestätigung ihres Treibens interpretieren? Es geht hier um unser aller Freiheit!

Am Samstag, den 27. August 2016, findet ebenfalls an der Frankfurt Hauptwache von 14 Uhr bis ca. 16 Uhr die Nachfolge-Demo statt.

Fazit

Das Wichtigste, was man an den Märkten lernen kann, sind Aufmerksamkeit und Demut. Hüten Sie sich vor Ratgebern, die behaupten genau zu wissen, wohin ein Markt zwangsläufig gehen muss(!). Erfahrene Börsianer arbeiten mit Arbeitshypothesen, die sie kontinuierlich in der Realität überprüfen, um damit den einen oder anderen Euro zu verdienen.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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