Punktlandungen: Richtig einordnen statt falsch berechnen

12. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es ist eine Tradition, dass sich Banken zum Jahreswechsel an einem Blick in die Zukunft versuchen. Mit mutmaßlich aufwendiger Methodik wird dann die Punktprognose für das Jahresende des Folgejahrs gewagt. Nun, an der Börse sind kalendarische Phänomene durchaus bekannt und lassen sich statistisch gut belegen.

Allerdings sucht man dort den alljährlichen „Analystenzyklus“ vergeblich. Wie bei manchen Traditionen darf man sich also auch hier durchaus die Frage stellen, worin der praktische Nutzen solcher Punktlandungsversuche mit einjährigem Horizont bestehen soll?

Bei der StarCapital AG hat man sich einmal die Mühe gemacht, anhand des DAX zu untersuchen, wie gut die Jahresprognosen renommierter Banken zur tatsächlichen Kursentwicklung gepasst haben. Die untenstehende Grafik zeigt das Ergebnis für die Jahre seit der Jahrtausendwende – und das ist ernüchternd.

analystenprognosen_starcapital

In der Regel wurde die Kursentwicklung durch die Bankanalysten unterschätzt.

In diesen Jahren lehnten sie sich also nicht weit genug aus dem Fenster (graue Dreiecke). In sechs Jahren war allerdings das Gegenteil der Fall. Die Analysten überschätzten den DAX – in fünf Jahren sogar geradezu dramatisch. Das waren natürlich jene Jahre, in denen am Aktienmarkt kein „business as usual“ herrschte, sondern heftige Kurseinbrüche zu beklagen waren.

Echte Crashs sind aber kaum seriös zu prognostizieren, da der kaskadenartige Abverkauf der Dividendentitel ja gerade das Ergebnis eines Überraschungseffektes ist. Zu viele Marktteilnehmer wurden auf dem falschen Fuß erwischt und sind daher gezwungen, ihre Positionen rasch an die geänderten Verhältnisse anzupassen.

Aber es scheint nicht nur die praktische Unmöglichkeit solcher Crash-Prognosen zu sein, die in diesen Jahren besonders große Abweichungen (rote Dreiecke) produzierte. In der Branche dürfte es einen gewissen Widerwillen gegen Negativprognosen geben, die dann auch gerne als „unseriös“ abgetan werden. Anders gesagt: Gerade im Bankgewerbe, das sich in den letzten Jahren ja tatsächlich als eine der fragilsten Branchen überhaupt erwiesen hat, ist ein gewisser Optimismus wohl erste Analystenpflicht – egal wie aufwendig die dahinterstehenden Modelle auch sein mögen.

Übertrieben sollte man es aber auch damit nicht (s.o.), um zumindest den Anschein von Seriosität zu wahren. Eine Gratwanderung, die letztlich zur alljährlichen Durchschnittsprognose leicht steigender Kurse führt. Im Ergebnis konnten „die aufwändig erstellten Schätzungen die zukünftige Wertentwicklung an den Aktienmärkten nicht besser vorhersagen als naivste Schätzungen“, so StarCapital. Eine solche naive Prognose sei beispielsweise ein jährlicher Wertzuwachs von 9%.

Obwohl die genannten Jahres-Punktprognosen also im Wesentlichen Muster ohne Wert sind, widmen auch wir uns im aktuellen Smart Investor 1/2017 traditionell dem Kapitalmarktausblick. Allerdings gehen wir die Sache ein wenig anders an. Gerade weil wir wissen, dass man mit der traditionellen Punktprognose keinen Blumentopf gewinnen kann, versuchen wir vor allem jene Faktoren zu identifizieren, die im Jahresverlauf Einfluss auf die Kurse nehmen können.

Naturgemäß ist auch dies eine Punktprognose – eine aus dem Blickwinkel des Erstellungszeitpunkts. Mit wachsendem zeitlichen Abstand zu diesem Punkt, werden die Szenarien unschärfer. Erfahrungsgemäß werden nämlich im Jahresverlauf Themen relevant, von denen man am Ende des Vorjahres noch keinerlei Ahnung hatte oder haben konnte. Der Versuch, ein Jahr aus dem Blickwinkel des Vorjahresendes vorauszuberechnen, muss daher ganz grundsätzlich scheitern. Daher erscheint der Smart Investor auch nicht einmalig als Buch am Jahresende sondern einmal im Monat – und zwischendurch gibt es jede Woche den Weekly.

Ausblick ohne Kristallkugel

Mit exakt dieser Strategie lagen wir auch im Vorjahr nicht allzu weit von der Realität entfernt. In unserem aktuellen Ausblick auf das Börsenjahr 2017 (im Smart Investor 1/2017 oder hier) haben wir daher auch eine Rückschau auf unseren Ausblick 2016 gewagt. Ein Volltreffer war damals unsere zurückhaltende Zinsprognose für die USA, wo wir 2016 lediglich mit einem oder zwei Zinsschritten rechneten.

In Europa rechneten wir dagegen mit einer Fortsetzung der Nullzinspolitik und einer Ausweitung des QE-Programmes – auch hier bestätigte uns die Realität. An den Aktienmärkten erwarteten wir eine Seitwärtsbewegung, beim Gold dagegen den Beginn eines neuen Bullenmarktes. Falsch lagen wir dagegen mit der Prognose seitwärts laufender Rentenmärkte oder einem neuen Tief bei den Edelmetallen, bevor dort die Trendwende stattfindet. Nun besitzen wir natürlich keine Kristallkugel.

Auch für das kommende Jahr können wir daher nur eins und eins zusammenzählen und aus gewissen Entwicklungen die – nach gesundem Menschenverstand – logischen Schlüsse ziehen. Und dies sagt uns vor allem eines:

Der Irrsinn an den Märkten wird weitergehen.

Die US-Geldpolitik wird hier keine ernstzunehmende Ausnahme sein.

Für die Edelmetalle erwarten wir dagegen eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung.

Erst recht dann, wenn sich die mögliche Zinswende in den USA ab dem Frühjahr als nicht nachhaltig herausstellen sollte.

Der größte Unsicherheitsfaktor wird mit Sicherheit die Wirtschaftspolitik von Donald Trump sein, die in den letzten Monaten von den Märkten bereits mit einigen Vorschusslorbeeren bedacht wurde. Daneben wird die Reaktion der Federal Reserve auf dessen fiskalpolitische Abenteuer zu beobachten sein.

Trump und die US-Wirtschaft nehmen auch im Währungsausblick unseres Gastautors Thorsten Kraemer einen wichtigen Platz ein. Schonungslos benennt er mögliche Szenarien, die es in sich haben. Kleiner Vorgeschmack: Das Scheitern des Euro ist so gut wie sicher. Lediglich die Art, wie dies vonstattengehen wird, ist noch unklar.

In einem Szenario kommt der Bruch der Eurozone über die Wahlurne in Italien oder Frankreich. Das Euro-Experiment ist damit vorbei, bevor die Politik der EZB inflationär wirken konnte. Stattdessen gibt es in diesem Fall Deflation und einen Crash des Finanzsystems.

Konfiskatorische Maßnahmen des Staates in den Kreditgeberländern wie Deutschland wären unausweichlich, auch in Bezug auf Immobilien. In einem anderen Szenario kommt es zu einer fortgesetzten Eurorettung und wachsenden Zahlungsbilanzkrediten von Nord in Richtung Süd. Die Südstaaten und Frankreich würden das System so lange „plündern“, bis es nichts mehr zu holen gibt. Aus der Währungsunion würde eine „Pleiteunion“. Sie sind noch immer nicht geschockt? Lesen Sie in diesem Fall im aktuellen Smart Investor auch unsere Prognosen bezüglich der anderen Währungsräume, der Edelmetalle, dem Aktienmarkt und den Zinsen in Europa und den USA.

Bitcoin-Party vorbei?

Von vielen unbemerkt stieg der Bitcoin (BTC) über das Jahr in praktisch allen Währungen deutlich an. Warum diese eindrucksvolle Rally an vielen vorbeiging, hat mehrere Gründe: Das Verhältnis des Finanzestablishments zur Kryptowährung ist alles andere als eine Liebesbeziehung. Erst spät und einigermaßen halbherzig sprang man auf den Zug auf und konnte zumindest darauf verweisen, auch selbst auf der Höhe der Zeit zu sein – Blockchain und so.

Bis heute ist es aber für Privatanleger deutlich schwerer, sich in BTC zu engagieren als etwa im USD. Dazu trägt auch die noch immer schwammige regulatorische Situation bei. Hier will die EU zwar nun für ihren Einflussbereich Abhilfe schaffen, es soll aber nicht verschwiegen werden, dass viele Bitcoin-Anhänger der ersten Stunde keine Regulierung noch immer für die beste Form der Regulierung halten – das freie Spiel der Kräfte.

Ebenfalls soll nicht verschwiegen werden, dass der BTC inzwischen eine chinesische Angelegenheit geworden ist. Sowohl hinsichtlich des Minings als auch hinsichtlich des Handels findet das Gros der Aktivitäten im Reich der Mitte statt. Und da wird man schnell nervös, wenn die chinesischen Behörden laut über den BTC nachdenken. Dies war letzte Woche der Fall, als die People’s Bank of China ankündigte, sich näher mit den Handelsaktivitäten im BTC beschäftigen zu wollen. Der Kurs stürzte innerhalb von zwei Tagen um satte 30% ab.

Allerdings war er zuvor auch steil und beschleunigt angestiegen. Jenseits der Marke von von 1.000 USD und 1.000 EUR war die Luft dann entsprechend dünn geworden. Es ist das Wesen solcher Bewegungen, dass der eigentliche Umkehrpunkt erst in der Rückschau zu erkennen ist. Bislang kann man aber durchaus die These vertreten, dass wir es nur mit einer ausgeprägten Korrektur, nicht aber mit dem Ende des BTC-Hypes zu tun haben. Der Aufwärtstrend ist jedenfalls noch immer intakt.

Allzeithochs

Viel beachtet waren auch die Allzeithochs, die die US-Leitindizes in den vergangenen Tagen erreicht haben. Von der im Mainstream-Journalismus weit verbreiteten Trump-Phobie kann an den Märkten derzeit keine Rede sein. Im Gegenteil. Der Sieg des vom Establishment so ungeliebten Republikaners löste eine regelrechte Kurs-Rally aus. Ob Trump letztlich liefert, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Allerdings bewerten wir Kursverläufe hinter denen richtiges Geld steckt – und um die US-Leitindizes auf neue Allzeithochs zu hieven, muss richtiges Geld im Spiel gewesen sein – höher als eine noch so brillante Analyse.

 

Zu den Märkten

Wie bereits im Zusammenhang mit unserem wikifolio erwähnt, scheint die Korrektur bei den Edelmetallen nun beendet zu sein. Nachdem es bei Gold & Co. in der zweiten Jahreshälfte 2016 zu einer kräftigen Korrekturbewegung kam, zeigt sich aktuell eine deutliche Stabilisierung (vgl. Chart).

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Der durch die waagrechten Linien (blau) angedeutete Unterstützungsbereich brachte die Korrektur schließlich zum Stillstand und konnte schon wieder fast vollständig nach oben durchschritten werden. Zwar sehen wir hier eine leichte Übergekauftheit des Marktes, allerdings könnte die Kraft durchaus auch noch für einen Befreiungsschlag über die Marke von 1.200 USD/Feinunze ausreichen. Der Grundtenor bleibt positiv.

Fazit

Ein Jahresauftakt nach Maß? Jein. Zwar konnten die US-Leitindizes neue Höchststände verzeichnen, der klassische Januar-Effekt blieb jedoch aus. Vor der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Trump ist vieles im Fluss. Von der Unsicherheit profitierten in den letzten Tagen vor allem die Edelmetalle. Liebe Leserinnen und Leser, wir wünschen Ihnen ein erfolgreiches 2017. Gehen wir es an!

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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