Pulverdampf liegt in der Luft

5. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Im klassischen Western-Film hätte es geheißen: Pulverdampf liegt in der Luft. Das war vor der EZB-Entscheidung zur Geldpolitik am Donnerstag, nachdem EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann EZB-Chef Mario Draghi mehrfach kritisiert hatte. Und dann? Der Pulverdampf verzog sich nicht, denn die EZB gab Anlass zur Kritik: Ihr zeitlich ausgedehntes Anleihen-Kaufprogramm war nichts Halbes und nichts Ganzes, ihr Strafzins für Banken ebenfalls.

Die Inflation liegt nach wie vor im Argen, wie die in dieser Woche veröffentlichten Zahlen zeigen. Die von der EZB angestrebten annähernd 2 Prozent scheinen bis auf Weiteres unerreichbar zu sein. Doch je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet, ist alles andere als Panik angesagt. Denn in den neuen Inflationszahlen sind stark rückläufige Energiepreise enthalten, deren Effekt schon vom Dezember an nachlassen wird. Dann dürfte die preissteigernde Wirkung des bis zuletzt starken Dollars hinzukommen. Erst später, wenn der Dollar schwächer tendieren wird, ist mit einer Gegenbewegung zu rechnen.

Zu diesen Überlegungen passt eine aktuelle Prognose des Anlagestrategen Walter Liebe von Pictet Asset Management: kurzfristig weitere Euro-Schwäche möglich, aber schon bald Umkehr in Richtung Dollar-Schwäche, danach starker Euro-Anstieg. Liebe begründet seine Prognose vor allem damit, dass die amerikanische Konjunktur allen gegenteiligen Äußerungen zum Trotz gar nicht so stark sei.

Zu dem an den Haaren herbeigezogenen Inflationsziel der Eurozone von annähernd 2 Prozent habe ich übrigens eine Begründung der EZB gefunden, die belegt, wie willkürlich es zu diesem Ziel gekommen ist:

„Obgleich der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union die Gewährleistung von Preisstabilität als vorrangiges Ziel der EZB eindeutig festschreibt, enthält er keine Definition dessen, was unter Preisstabilität eigentlich zu verstehen ist. Daher gab der EZB-Rat im Oktober 1998 eine quantitative Abgrenzung von Preisstabilität bekannt.“

Ja, reiben Sie sich ruhig die Augen, Sie haben richtig gelesen. Oder um im Western-Jargon zu bleiben: Ein Schuss aus der Hüfte, und das ausgerechnet zu einem Thema, das besonders die Deutschen seit Jahrzehnten sehr berührt, eben Inflation.

Lassen Sie dazu Revue passieren, was Mario Draghi vor Kurzem gesagt hat:

„Wir werden das tun, was wir tun müssen, um die Inflation so schnell wie möglich zu erhöhen.“

Am Donnerstag ist der EZB-Chef diesem Postulat treu geblieben. Sein ärgster Kritiker Jens Weidmann, Bundesbank-Präsident und EZB-Ratsmitglied, hört derweil nicht auf zu warnen, „dass die Wirksamkeit der ultralockeren Geldpolitik mit der Dauer abnimmt und gleichzeitig die Risiken und Nebenwirkungen wachsen“.

Die EZB hat mit ihrer Geldpolitik unbekanntes Terrain betreten. Nur mal angenommen, der vom Anlagestrategen Liebe vorhergesagte starke Euro-Anstieg im Verhältnis zum Dollar käme in absehbarer Zeit. Dann würden die Exporte aus der Eurozone teurer und die Importe billiger. Eine solche Entwicklung käme Draghi in die Quere, denn sie gäbe der Inflation einen Dämpfer. Folglich müsste der EZB-Chef sich etwas Neues einfallen lassen, um die Inflation zu stimulieren – es sei denn, die am Donnerstag eingeleiteten Maßnahmen würden die Preise für Güter und Dienstleistungen zeitversetzt in die Höhe treiben.

Diese Überlegungen zeigen, wie komplex unser Geldsystem ist, und das bei unbekanntem Terrain. Ich wage nicht, mir vorzustellen, welche Auswirkungen ein intern oder extern ausgelöster Schock hätte. Ein intern ausgelöster, indem die EZB eines Tages ihr Anleihen-Kaufprogramm zusammenstutzt und/oder den Leitzins erhöht. Und ein externer, wenn eine Großbank pleite geht, die Flüchtlingswelle uns vor unlösbare Aufgaben stellt oder die Immobilienpreise in Deutschland eine Blase bilden, die anschließend platzt.

Letzteres ist gar nicht so abwegig, wie es auf Anhieb erscheint. So ergibt eine aktuelle Studie der Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing sowie der Frankfurt School of Finance & Management, dass sich NPL-Käufe (NPL = Non Performing Loans, faule Kredite) besonders großer Beliebtheit erfreuen, wenn es um Immobilienkredite geht – zweifellos ein Indiz für Überhitzung.
Manfred Gburek – Homepage

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6 Kommentare auf "Pulverdampf liegt in der Luft"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Mich wundert immer wieder, das der Michel Vertrauen zu Menschen und Institutionen hat, die sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einsetzen, das unsere Geld Schwindsucht bekommt, bzw. noch mehr.
    Ich habe gelernt, dass alles dass, was im Jahre 2000 Pfennige und DM kostete, heute mindestens Cent und Euro kosten.
    Egal ob Eier, Zucker, Schnaps, Kartoffeln usw. usw.
    Selbst die Benzin und Dieselpreise sind heute doppelt so hoch wie im Jahr 2000.
    Reichen denn über 100% Inflation in 15 Jahren nicht?
    Wer im Jahre 2000 ein Häuschen für 200 TSD gekauft hat und heute für 400TSD verkaufen kann, hat nur die Inflation ausgeglichen, denn Waren und Güter kann er sich nur heute soviel für den Wert seines Hauses kaufen wie im Jahre 2000.
    Gold hingehen ist seit dem Jahre 2000 in Euro um ca. 340%.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

  2. Werner sagt:

    das mit dem Pulverdampf verwechseln sie, das ist der Geruch von Weihnachten, ok, ich gebe zu, die Plätzchen sind verbrannt, der Tannenbaum steht nur mehr verkohlt in der Stube, der Chemiebaukasten vom Sohn hat sich mit lautem Knall in Luft aufgelöst, das Puppenpärchen von der Tochter hat´s zerfetzt, es waren die neuesten Modelle aus der Serie „Selbstmordattentäter“ von Babbel & Kong, aber sonst ist und war´s wie immer. Streit beim Essen weil die Schwiegermutter morgen zu Besuch kommt, drei anstrengende Tage mit Familienmitgliedern, die fordern einen ganz schön wenn man sonst nur gewöhnt ist eine sinnlose Beschäftigung gegen Entgeld gedanklos zu bewerkstelligen, ist das echter Stress.

  3. EuroTanic sagt:

    Das alles wäre aus meiner Sicht kein Problem, wenn wir wirklich frei wären. In einer freien Welt gibt es kein Geldmonopol. da kann jeder in „seiner Welt“ glücklich werden. Hat er Erfolg mit seinem EUROpolie Geld, herzlichen Glückwunsch. Scheitert er, dann muss er die Konsequenzen tragen. Bei uns tragen die Entscheider aber keine Konsequenzen aus ihrem Monopolie Spielereien. Das ist fatal. Denn verantwortungslos = unbelehrbar.

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