Prognosen sind Quatsch. Wie immer.

6. Januar 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Eigentlich sind Jahreswechsel ja nur kalendarische Fixpunkte, die unser Leben nur dann beeinflussen, wenn zu solchen Terminen Gesetze geändert werden. Und trotzdem wird einem das Gefühl gegeben, alles startet neu, wird auf Null gesetzt…

Was die Performance-Berechnung der institutionellen Investoren angeht, ist das auch so. Was meine Arbeit angeht, ausnahmsweise auch (neue Internetseite, neuer Tradingansatz, siehe unten im PS). Aber setzt die Börse als solche in irgendeiner Weise neu an? Natürlich nicht.

Es ruckelt und rumpelt kurz zur Jahreswende, weil man versucht, einen Übergang vom Window Dressing zum Jahresultimo ins Neue Jahr zu finden. Das kann in eine Neujahrsrallye münden, weil die Fonds, Hedge Funds, Versicherungen, Pensionskassen und all die anderen, die Geld für Anleger verwalten, das neu zugeflossene Kapital umgehend in die Märkte pumpen. Oder zu einem kurzen Tritt in die Magengrube, wenn eben das nicht passiert und die großen Adressen deshalb das meiste von dem, was zur Aufhübschung ihrer Performance zum Jahresende eingesammelt wurde, hektisch wieder verkaufen. Aber die Trends als solche juckt das nicht.

Es ist ohnehin recht selten der Fall, dass Trendrichtungen ausgerechnet zu Beginn eines Jahres wechseln. Seit dem Jahr 2000 war das nur zweimal, in den Jahren 2004 und 2008, der Fall. Kommt es diesmal dennoch dazu? War die Kursschwäche des DAX am ersten Handelstag des Jahres womöglich ein böses Omen?

Nun, eher nicht. Sicher, an der Börse ist nichts unmöglich und kaum etwas vorhersagbar. Wer das versteht … und da reden wir von einer erschreckend kleinen Gruppe … realisiert auch, dass es grundsätzlich jederzeit zu einer Trendwende kommen kann. Mal sind die Risiken dahingehend größer, mal kleiner. Momentan sind sie moderat … aber nicht zu gering, um einfach zu unterstellen, dass die „magische 10.000“ im DAX sicher sei und die Party danach erst richtig losgeht. Man kann so etwas schlicht nicht prognostizieren. Und warum Prognosen Mummenschanz sind, begründet sich aus denselben Aspekten heraus, die erklären, warum die Anleger dergleichen Wahrsagerei immer wieder haben wollen.

Die Entwicklung der Kurse hängt von zahllosen Einflüssen ab, die allesamt ihrerseits nicht vorhersagbar sind. Politische Einflüsse in Form von Krisen, Steuern, Restriktionen spielen mit hinein. Die Natur spielt nicht nur für die Kurse der Rohstoffe oft eine Rolle. Fukushima ist da nur ein Beispiel von vielen. Notenbanken und Politik nehmen Einfluss auf die Zinsentwicklung, die wiederum auf Währungen und Anleihemärkte wirken – und diese beeinflussen den Aktienmarkt. Wer kann vorhersehen, ob und wann die US-Notenbank den Geldhahn weiter zudreht? Wer wollte in diesem Umfeld weissagen, ob das momentan scheinbar einigermaßen stabile Wachstum anhalten wird?

Und vor allem: Wer bitte sehr will uns heute prognostizieren können, wie sich diese seltsame Verbindung zwischen der monetären „Billiggeld-Krücke“ der Notenbanken und dem wieder anziehenden Wachstum entwickeln wird? Wieso lässt sich einfach ausschließen, dass es nicht in 2014 dazu kommt, dass sich das Paradoxon „schwache Konjunktur = steigende Aktienmärkte“ wie eine Polumkehr auf den Kopf stellt, weil datenhörige Notenbanken glauben, dass die Wirtschaft in der Eurozone und den USA stabil genug sei, um den Aktienmärkten das maßgebliche Standbein künstlich niedriger Zinsen wegschlagen zu können … und damit nicht nur die Konjunktur, sondern auch den lebenswichtigen Tropf der Aktienhausse abwürgen?

Man kann es nicht vorhersagen. Dass man es dennoch tut, heißt nicht, dass es funktioniert. Wer heute orakelt, wo der DAX an Silvester 2014 stehen wird, tut das meist, weil es alle von ihm fordern. Auch und gerade die Medien. Prognosen sind „in“. Dass sie meist daneben liegen, wird alleine deswegen so leicht übersehen, weil die paar, die am Ende ob statistischer Wahrscheinlichkeit einfach durch Glück zutreffen, überall herumgezeigt werden. Und vom Ruhm, einmal den DAX in etwa richtig getippt zu haben (denn nichts anderes ist es), kann man noch Jahre zehren. Das Gedächtnis der Investoren ist kurz … und ihre Bereitschaft, zu verzeihen, groß. Vorausgesetzt, man prognostiziert ihnen das, was sie hören wollen: Steigende Kurse. Immer weiter. Rationale Begründungen sind dann überflüssig.

Warum ist das so? Weil die Zukunft eben ungewiss ist. Und weil das alle insgeheim ganz genau wissen. Deswegen lesen viele Horoskope, lassen sich die Karten legen … und klammern sich an Börsen-Prognosen. Sofern sie ihren eigenen Erwartungen entsprechen. Alle anderen Vorhersagen sind nämlich „falsch“. Was übrigens für Horoskope und Wahrsager genauso zutrifft. Wir wünschen uns einen roten Faden, etwas, an dem wir uns festhalten können, eben weil wir wissen, dass es ihn eigentlich nicht gibt. Und dabei hat man keine Not, sich einfach über alle Ratio hinweg zu setzen. Im täglichen Leben ebenso wie als Anleger.

So finde ich es zutiefst amüsant, dass viele Marktteilnehmer, deren Denken und Handeln stur an ihrem Depotbestand ausgerichtet ist (wer bis über die Halskrause Long ist, duldet keine Warnungen, wer Haus und Hof verpfändet, um Short zu gehen, hasst optimistische Aussagen), momentan einfach ausschließen, dass es an den Aktienmärkten zu einer Trendwende kommen kann. Gut, sicher, das tut die meisten eh, solange der Aufwärtstrend hält. Aber die Begründung ist so spaßig… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Prognosen sind Quatsch. Wie immer."

  1. Futur sagt:

    Prognosen können nie stimmen, weil ihre Daten mit einer auf die Vergangenheit bezogenen Methode ermittelt werden. An dieser Stelle ist eine Korrektur der angewandten Methode angesagt. Die Veränderungen der komplexen Märkte befinden sich immer außerhalb der definierten Theorie/ Prognose. Diese Veränderungen können schon von Logik her nicht bewiesen werden. ( Denn sie befinden sich ja außerhalb der Theorie). Sie können nur durch eine ständige Nachprüfung ( Falsifikation) eingegrenzt werden. Merke: Nur in einer stabilen Wirklichkeit kann man beweisen. In einer real komplexen Welt muss die deduktive Methode mit ständiger Nachprüfung angewandt werden.

  2. Michael sagt:

    So ist es auch kein Wunder, dass der Staat Börsen subventioniert und Fondsmanger Mittel aus Zwangsabgaben müssen erhalten, damit sie ihre heile Welt auch weiterhin können betreiben. Unter solch nebligen Verhältnissen kann man allein auf Sicht fahren. Die Frage ist will man das …

    An sich ist die Lage sowieso eher klar. Selbst nach einem Crash wird wieder versucht neue Höhen zu erklimmen. Damit ist es einfach besser nach dem Crash einzusteigen.

    Wenn die Medien nach der Korrektur ebenfalls so nüchtern wären und nicht vernichteten Wert sprächen, dann wärs schon ok. Es wird allein so getan als ob Indizes und Aktienpreise so spannend wären. Eine Prognose kann man auf jeden Fall abgeben, die Luft oben ist dünner – ganz unten herrscht besonders dicke.

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