Profis versus Privatanleger? Oder: Know-how-Vorsprung schützt vor Fehler nicht

16. Mai 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor

Angesichts neuer Höchstkurse beim DAX jubilieren die Börsianer. Nach dem Motto „ein neues Hoch ist Anzeichen für einen neuen Bullenmarkt“ werden derzeit zahlreiche Newsletter von Analysten, Vermögensverwaltern und Anlageberatern mit zuversichtlichen Botschaften versandt. Und die heute erschienene Ausgabe von „Focus Money“ titelt mit „Uns steht eine historische Aktienrally bevor!“…

Wohlbemerkt mit einem Ausrufezeichen und nicht etwa mit einem Fragezeichen! Und als Untertitel liest man dort die Aufforderung: „Ja, Sie sollten jetzt noch kaufen!“

Das Stimmungsbild unter den Profis ist flächendeckend ziemlich optimistisch, keine Frage. Die Privatanleger dagegen halten sich weiter vornehm zurück. Das war aber auch während der gesamten Aufwärtsbewegung deren Grundhaltung. Wie geht es also nun weiter? Werden die professionellen Börsianer richtig liegen oder doch die eher verhalten gestimmten Privaten? Welche Frage?! Natürlich haben die Profis einen großen Wissensvorsprung und insofern seien deren Einschätzungen auch deutlich höher zu gewichten – möchte man meinen.

Wir bleiben vorsichtig

Dennoch kann Smart Investor in den „professionellen Jubel“ anläßlich der neuen Höchstkurse nicht miteinstimmen. Wie wir zuletzt an dieser Stelle – und ausführlich vor allem im Heft – dargelegt haben, nehmen wir die Anzeichen für eine weltweite Konjunkturabkühlung durchaus ernst. Inbesondere in Europa und Deutschland halten wir sogar einen massiven Einbruch im Laufe des zweiten Halbjahres für möglich.

Vor diesem Hintergrung sehen wir weiterhin konjunktursensitive bzw. zyklische Titel deutlich rückschlagsgefährdet. Die Optimisten werfen zwar dagegen in die Waagschale, dass die erfolgreichen deutschen Exporttitel (z.B. Automobilhersteller) inzwischen ja in Asien und auch Amerika Großteile ihres Geschäftes betreiben – und insofern wäre eine nahezu sichere Rezession in Europa nicht relevant.

Wie bereits mehrfach in unseren Publikationen ausgeführt, gibt es jedoch seit einigen Monaten einen neuen Faktor im weltweiten Wirtschschaftsgeschehen, und der heißt Japan. Denn der geradezu kollabierende Yen ermöglicht es den dortigen Exportfirmen nun zu aberwitzigen Konditionen ihr Geschäft zu betreiben: entweder können sie massiv ihre Verkaufspreise senken oder aber ihre Gewinnmargen erhöhen. Unsere hiesigen Auto- und Maschinenbaufirmen werden dies demnächst im negativen Sinne zu spüren bekommen. Entweder in Form von Marktanteilsverlusten oder aber indem das Kapital raus aus dem deutschen und hinein in den japanischen Aktienmarkt fließt. Die Aktien von deutschen zyklischen Titeln dürften demnach ihre besten Zeiten hinter sich haben, mehr hierzu im Artikel zu den „DAX-Zyklikern“ im aktuellen Heft auf S. 12.

Hinzu kommt erschwerend, dass selbst bisher hervorragende Absatzmärkte wie China zuletzt ebenfalls Schwächzeichen gaben. Mit 50,6 Punkten steht z.B. der dortige Einkaufsmanagerindex kurz vor „Kontraktion“, was bei Werten unter 50 gegeben wäre…

Sell in May…

Smart Investor bleibt weiterhin bei den Warnern und nicht bei den Jubelnden. Und wir können uns weiterhin vorstellen, dass die Börsenregel „Sell in May and go away“, in diesem Jahr voll zutreffen wird. Die obige Graphik zeigt das Verhältnis der Performance in den Wintermonaten (Nov. bis April) zu den Sommermonaten (Mai bis Oktober). Die weitaus meisten Jahre endeten oberhalb der Nulllinie, das heißt, die Wintermonate schnitten besser ab. Und dies gilt unabghängig davon, ob man den Durchschnitt aller betrachteten Länder sieht (equally weighted; blaue Balken) oder aber den MSCI World Index (value weighted; rötliche Kurve). Die Sell-in-May-Regel ist auch unter anderen Betrachtungswinkeln recht stabil (mehr dazu in unserem Beitrag im Heft). Damit dürfte dieser Zusammenhang einer der ganz wenigen sein, der sowohl im Zeitablauf als auch über verschiedene Märkte hinweg mit ziemlicher Regelmäßigkeit gut funktioniert.

Aufgrund usnerer negativen Einschätzung für Europa und insbeondere Deutschland wollen wir unsere Positionen in dieser Region zurückfahren, entweder durch Verkäufe oder durch Absicherung. Die amerikanischen und japanischen Investments wollen wir dagegen weitgehend behalten. Bei ersteren erwarten wir positive Währungseffekte, da wir tendenziell von steigendem Dollar gegen Euro ausgehen. Bei den Japan-Aktien erwarten wir negative Währungseffekte, weshalb wir hier über eine Absicherung via Derivat nachdenken. Ein akuter Handlungsbedarf besteht hier aber nicht.

Fazit

Auch wenn wir mit unserer mittelfristig negativen Einschätzung für die deutsche Börse nicht viel Zustimmung bekommen, so bleiben wir doch dabei. Wir glauben, dass die profesionellen Anleger die mittelfristigen Gefahren ungerechtfertigter Weise ausblenden und dass Sell-in-May in diesem Jahr vermutlich doch die richtige Strategie sein könnte. Davon abgesehen halten wir die USA aber vor allem Japan für die attraktiveren Märkte.

Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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