Prof. Wilhelm Hankel: „Wortbruch, Lügen und Volksverdummung“

8. Juni 2011 | Kategorie: Auf die Ohren, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Frank Meyer

Ein halbes Jahr nach unserem ersten Gespräch („Europa verlässt den Boden der Demokratie“) freut es uns, dass sich Prof. Wilhelm Hankel wieder Zeit genommen hat für ein weiteres Interview. Inzwischen ist sehr viel passiert. Hier eine Analyse der Sache mit dem Euro und den Folgen in Wort und Ton…

Der Euro war politisch gewollt und wird jetzt (alternativlos) politisch verteidigt – mit allen Konsequenzen für die Märkte, Gesellschaft und die Demokratie. Aus einer politischen Idee wurde Realität, die aber wegen ihrer Fehler nach wenigen Jahren schon aus dem Ruder gelaufen ist. Professor Dr. Wilhelm Hankel nennt es „Wortbruch, Lügen und Volksverdummung“ – dieses monetäre und politische Experiment in Europa. Er und seine Mitstreiter, die vor dem Verfassungsgericht gegen die „Hilfspakete“ klagen, werden landläufig als „Eurokritiker“ bezeichnet. Dabei wird das Wort meist abwertend benutzt. Doch die kurze Zeit des Euro zeigt, dass die Warnungen von damals zur Realität geworden sind.

Ich habe mich kürzlich mit Wilhelm Hankel über das Thema Euro, seine politische Verteidigung, seine Zukunft und vor allem über die Folgen für alle Europäer unterhalten. Hier unser Gespräch in Schriftform. Wer es aber hören möchte, der kann dies auch als  Podcast.

Das Interview

Herr Hankel, wie ist es Ihnen in den letzten Monaten seit unserem Interview im letzten Dezember ergangen? Was bewegt Sie, wenn Sie heute ins Fernsehen schauen und die Zeitung lesen?

Persönlich befinde ich mich auf dem Weg der Besserung. Kurz nach unserem Interview hatte ich eine schwere Herzoperation zu überstehen. Aber jetzt bin ich wieder fit. Und wenn ich ins Fernsehen schaue, bin ich sehr gemischt, denn einerseits hat sich die Lage verschlimmert, aber andererseits sehe ich doch das Ende kommen. Und ich bin seit Langem der Meinung, wenn wir die Politik nicht ändern können, ist ein Ende mit Schrecken immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende.

 Was bedeutet für Sie ein Ende mit Schrecken?

..dass wir die Währungsunion auflösen, denn das wäre die Lösung der heutigen Probleme. Es hat sich nach zehn Jahren Experiment, ich könnte auch sagen Abenteuer gezeigt, dass eine Währungsunion gar nicht funktionieren kann, selbst wenn man sie politisch gesund betet.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Griechenland ein? Ist es von unserer Position aus gesehen der Blick aus einer Loge in ein großes Freilufttheater, ein Stück, um zu sehen, was uns später noch blüht?

 

Was in Griechenland geschieht und demnächst wahrscheinlich auch in anderen Mittelmeerländern ist das Überspringen nordafrikanischer Verhältnisse auf Südeuropa. Und Südeuropa ist uns noch näher als Nordafrika. Das ist der Anfang vom Ende dieser Währungsunion.

Sehen wir in Griechenland gerade eine Ölzweig-Revolution?

 

Wir sehen eine Revolution verzweifelter Menschen – sowohl der Älteren, die um ihre Renten und Pensionen bangen, vor allem aber der Jüngeren, die um ihre Zukunft fürchten müssen. Beides ist gleich bedrohlich.

 Ich dachte, wir sind alle Freunde in Europa. Das hört man jedenfalls immer wieder.

Natürlich sind wir Freunde. Aber was nützt es einem Ertrinkenden, wenn er seinen Retter in die Tiefe reißt? Dann ertrinken sie beide. So makaber das Beispiel sein mag, jetzt geht es darum, dass der Retter fit bleibt, um für andere Rettungsaktionen inklusive der eigenen nicht zum Untergang verurteilt zu sein.

Ist es der normale Weg, wenn ein verordnetes System zu scheitern beginnt?

Zunächst mal muss man immer lauter und immer kritischer sagen, dass unsere Regierungen ihre Aufgabe zu lernen, aus ihrer Politik die Konsequenzen zu ziehen, überhaupt nicht begriffen haben. Sie beharren stur auf ihrer alten Politik, obwohl diese, erkennbar gescheitert ist. Und das ist schlimm.

Die frühere Politik hat also mehr nachgedacht als die heutige?

Ich muss zur früheren Regierung sagen, sie hat nicht mehr nachgedacht, weil sie auch noch nicht so gefordert war. Aber ich hielte es für möglich, dass sie mehr gedacht hätte, wenn sie so gefordert wäre wie die heutige. (Seite 2)


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