Problem gelöst, Patient verrückt!

13. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Für Kinder gibt es den Kosmos Chemiebaukasten. Für Erwachsene gibt es Zentralbanken. Während der kleine Niklas mit den verschiedenen Zutaten seines Spielzeugs bestenfalls den Teppich verunstalten kann, zerlegen die Bastler in den Zentralbanken ganze Volkswirtschaften. Mit religiösem Eifer folgt man kruden Theorien und hofft und hofft und hofft. Vergebens.

Wie der Coyote aus den Roadrunner Cartoons haben die großen Planwirtschaftler in den Zentralbanken die Klippe vor dem Abgrund schon lange hinter sich gelassen. Sie laufen in der Luft weiter und machen immer mehr von dem was schon bisher nicht funktioniert hat. Die Medizin wirkt nicht? Nehmen Sie mehr! Könnte die Medizin falsch sein? Niemals, die Partei und die Zentralbank haben immer Recht. Und selbst wenn, wäre es nicht besser auf einen „externen Schock“ zu warten, der als Ausrede für ein Scheitern herhalten kann? So wartet man auf das große Problem während man selber eines wird.

Um die Maßnahmen der Zentralbanken zu bewerten muss man zwischen verschiedenen Aktionen unterscheiden. So gibt es unterschiedliche Eingriffe mit verschiedenen Zielen, eine Tatsache, die in der skurrilen Debatte um abgeworfene Geldscheine und Negativzinsen immer mehr verdrängt wird. Eine Zwangrekapitalisierung von Banken ist eine Maßnahme die man befürworten kann oder nicht, sie hat grundlegende positive Eigenschaften. Die Rekapitalisierung bekämpft ein Übel an der Wurzel, sie ist begrenzt und wenn gewünscht auch temporärer Natur. Man muss die Rekapitalisierung allerdings richtig ausführen, wenn man nicht wie ein Narr dastehen möchte, wie dies dem deutschen Staat bei der Stützung der Commerzbank passiert ist.

Das aktuelle Ziel der Anleihekäufe ist größer angelegt. Zumindest der offzielle Plan ist eine diffuse Mischung aus „Ankurbeln der Wirtschaft“ und „Schaffung von Inflation“. Vor lauter Vorfreude auf die Inflation vergessen viele mit Nettovermögen, dass Inflation sich nicht nur von Schulden sondern auch von Vermögen ernährt. Schon rein technisch kann es nicht anders funktionieren.

Interessanterweise halten die aktuell Verantwortlichen das Wachstum und die Inflation für untrennbar miteinander verbunden. Einige Ökonomen vermitteln den Eindruck, das Universum würde kollabieren, wenn nicht die Preise regelmäßig stiegen. Gleichzeitig würde der Fortschritt innehalten. Machen Sie sich keine Sorgen, das Universum und vieles darin enthaltene interessiert sich nicht für die Veränderungen von Geldmengen und Preisniveaus und wundervolle Entwicklungen gab es auch Phasen stabiler Preise. Das Ganze ist wohl eher einer Deflationsparanoia geschuldet, die die Wirkung temporär nicht steigender Preise innerhalb einiger Sektoren in etwa mit einem globalen Atomschlag gleichsetzt. Vermutlich liegt die Begründung für all dies viel weniger in kruden Theorien als vielmehr in einer selbst geschaffenen Abhängigkeit von ewig steigenden Kapitalmärkten. Diese kann es jedoch nicht geben, so sehr mancher sich dies auch wünschen mag. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Wunsch nach steigenden Aktienmärkten bei gleichzeitiger Schrumpfung der realen Vermögen per Inflation.

Infolge der großen Aufkaufprogramme der EZB und der Bank of Japan türmen sich seit Jahren die Staatsanleihen in den Beständen dieser Zentralbanken. In Japan machte man auch vor Aktien nicht halt und macht langsam aber sicher Erfahrungen mit dem Prinzip des abnehmenden Grenznutzens. Je mehr eine Zentralbank bereits gemacht hat, desto geringer ist der Einfluss der künftigen Maßnahmen. Gerade jetzt, wo sich eine wachsende Ratlosigkeit beobachten lässt, freut sich manche Zeitung über vermeintliche Erfolge.

So titelte eine Schweizer Finanzgazette unlängst:

Japan hat sein Schuldenproblem gelöst.

Holla, das ging schnell und man hätte es ohne diesen Hinweis gar nicht mitbekommen. Um den Sterblichen die Lösung näherzubringen greift der Autor zu starken Bildern.

„(…) der spektakulärste Erfolg von Abenomics wurde bisher kaum wahrgenommen: Die brennende Lunte an Japans Schuldenbombe ist ausgetreten. Die enorm hohe Staatsverschuldung von 246% des Bruttoinlandsproduktes bedroht Nippon und die Weltwirtschaft nicht mehr.“

Prima. So einfach geht das. Es riecht zwar noch nach Schwefel aber im Großen und Ganzen ist alles roger. Man kauft einfach alle Staatsanleihen über die Zentralbank auf und schon ist ein ehemals enormes Problem keines mehr. Da diese Aktion auch ein Dreijähriger hätte durchführen können fragt man sich, was denn nun der Fall ist. Wenn es so einfach wäre Probleme zu lösen, dann her mit dem gedruckten Wohlstand, ihr Zentralbänker. Schluss mit lästiger Produktion, langen Arbeitstagen und überfüllten U-Bahnen. Entweder die Schulden waren vorher kein Problem und sind jetzt keines oder sie waren vorher ein Problem und sind es auch jetzt noch. Ein bisschen erinnert die frohlockende Euphorie des Autors an die von vielen bereits vergessenen vermeintlichen Segnungen der Risikoreduktion durch die Verbriefung. Verbriefung reduziert keine Risiken, es ändert sich lediglich die Verteilung von Risiken. Das macht eine Verbriefung nicht zu einer schlechten Sache. Man sollte an sie nur keine falschen Erwartungen hegen.

Ein Herr Martin Schulz (nicht Signore Schulz) vom Fujitsu Institut in Japan erklärt:

„Die Staatsschulden wandern von der privaten in die öffentliche Hand und werden dabei sterilisiert.“

Sterilisiert. Aha. Ob sie auch pasteurisiert und homogenisiert werden oder ob lediglich die Hoffnung auf eine derart schmerzfreie Befreiung nach Jahren des Leidens sich selbst ultrahocherhitzt. Ist das Geschwafel von Fazilitäten und sterilisierten Geldmengen im Rahmen massiver Stimuli nicht ein geradezu lächerlich wirkender Versuch die Hilflosigkeit technisch zu verklausulieren?

Das Problem an derartig schlichten wie weit verbreiteten Ideen ist die Verwechslung von Realität und Statistik. Weil die Statistik sich ändert, so nimmt man an, verbesserte sich die Realität. Der Schein bestimmt sozusagen das Sein. Rein mathematisch betrachtet sollte jedoch die Statistik Eigenschaften der Realität abbilden (lassen wir mal den üblichen Missbrauch und die Unstatistiken außen vor).

Nun darf man sich fragen, wie sich so eine Aktion langfristig auf das Japan entgegengebrachte und die japanische Währung auswirkt. Jahrzehntelang laboriert man an den Folgen eines überaus prächtigen Exemplares einer geplatzten Blase. Mit jedem Jahr bastelt der aktionistische Zweibeiner mit immer einfallsloseren und immer größeren monetären Experimenten an der wirtschaflichen Entwicklung herum. Man kauft Anleihen, monetarisiert die Staatsschulden und kauft sogar Aktien, alles für die gute Sache. Gebracht hat es freilich nichts. Aber nur weil es nicht klappt, ist das kein Grund zum Zweifeln. Natürlich werden auch weiterhin Menschen aller Herren Länder gerne für 3 Dollar am Tag Turnschuhe zusammenkleben, die man in Japan dann gegen gedruckte Moneten tauschen kann. Eine globale win-win Situation. Und wenn Nippon sich mal ein bisschen verhoben hat mit seinen staatlich verordneten Stimuli, dann wird der ganze Salat einfach sterilisiert. Danach ist das Schuldenproblem gelöst und man fängt man wieder bei Null an. Das erinnert alles ein bisschen an den larifari Umgang mit Verbrechern und ist damit derzeit en Vogue. Vor einigen Jahrzehnten hatte man im Führerhauptquartier die Idee England mit gefälschten Pfundnoten der Inflation zum Fraß vorzuwerfen. Heute wird die Inflation hofiert und man will das eigene Land mit frisch Gedrucktem überschwemmen. So ändern sich die Zeiten.

Warum gab es eigentlich in der Vergangenheit Staatspleiten? Es kann doch alles so einfach sein. Nur klappen muss es.

 

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4 Kommentare auf "Problem gelöst, Patient verrückt!"

  1. Lickneeson sagt:

    Danke, ein guter Artikel der die völlige Absurdität des Handelns der monetären Eliten auf den Punkt bringt. Lustig in dem Zusammenhang auch das Vorpreschen von Chefvolkswirt Folkerts von der Deutschen Bank : „..es müssen ca. 150 Mrd. Euro in die Rekapitalisierung der Banken gesteckt werden…“

    Sicher, die Frage ist nur, wer wem wieder was hinten reinstecken darf? Wie war das ab 2009?
    „..der Steuerzahler darf NIE WIEDER für Schieflagen (Euphemismus pur!) der Banken haften.
    Indirekt haften wir längst über Minuszinsen und Kontogebühren etc.

    Wenn also Chief Abe in Nippon „…ein noch nie dagewesenes Stimuluspaket für die Wirtschaft..“ ankündigt, nachdem sich schon über ein Jahrzehnt nichts geändert hat, frage ich mich ob es nicht Zeit wäre einige Hirne zu sterilisieren und etwas anderes zu probieren.

    Aber es besteht wenig Hoffnung. In der Politik und der Zentralbank ist jeder darauf bedacht den Arsch an die Wand zu kriegen, koste es was es wolle.

    Überall rückratlose Amöben.

    MfG

  2. Argonautiker sagt:

    „Vor einigen Jahrzehnten hatte man im Führerhauptquartier die Idee England mit gefälschten Pfundnoten der Inflation zum Fraß vorzuwerfen. Heute wird die Inflation hofiert und man will das eigene Land mit frisch Gedrucktem überschwemmen.“

    Sehr trefflich formuliert.

    Das ließe darauf schließen, daß Kräfte am Werke sind, die uns eindeutig ruinieren wollen, während sie uns erzählen, daß es sich um die Beste Medizin handele, die man uns verabreicht.

    Ist das böse Absicht oder Wahn?
    Haben wir es mit Verbrechern oder Vollidioten zu tun?
    Ich tendiere zu Ersterem, oder einer Mischung, 70:30
    Doch was sind dann wir, die wir das zulassen?

    • bluestar sagt:

      @Argonautiker
      „Doch was sind dann wir, die wir das zulassen?“
      Meinen Sie mit WIR das deutsche Volk ? Dann meine Einschätzung:
      70%Vollidioten, 20%Mitläufer, Profiteure und 10% Aufgeklärte, Freiheitsliebende, Besorgte.
      Da haben Finanzoligarchie und Rüstungslobby ein leichtes Spiel, bis das hochexplosive Gemisch an einem schönen Tag leider auch die 10% tötet.

      • Argonautiker sagt:

        Zu dem, „was wir dann sind“, wollte ich eigentlich provokant geschrieben haben:

        100% am Arsch.

        Habe es dann aber doch weggelassen, damit sich jeder seine eigene Einschätzung machen kann. Schön daß sie eine geliefert haben.

        Meine persönliche, sieht das gerade im Bezug auf die Aufgeklärten noch etwas schwärzer. Mehr als 1-2 Prozent sehe ich da nicht. Das mag aber eben auch von Umfeld zu Umfeld verschieden sein. Und weil das eben nicht überall gleich ist, glaube ich auch nicht an eine Möglichkeit auf solch ein unhomogenes Gemisch aus Menschen, so etwas wie ein Homogenes Europa mit gemeinsamen Regeln zu konstruieren, was auch nur annähern stabil sein könnte.

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