Politische Börsen – Wie kurz sind die Beine?

8. August 2012 | Kategorie: RottMeyer

(vom Smart Investor) Während die Wirtschaft nun auch in Deutschland konsequent abkühlt, feiern die Börsen – fast ebenso konsequent. Deutschland: Rezession klopft an die Tür. Gleich mehrere Dämpfer erhielt die deutsche Konjunkturwahrnehmung durch aktuell veröffentlichte Wirtschaftszahlen…

Laut Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sank die Gesamtproduktion der deutschen Unternehmen im Juni um bereinigt 0,9% gegenüber dem Vormonat. Auch die jüngste Veröffentlichung der Auftragseingänge der deutschen Industrie gibt wenig Anlass zur Freude: Ein Minus von 1,7% schlug hier im Juni gegenüber dem Vormonat zu Buche.

Dies sind allerdings nur zwei aktuelle Schlaglichter auf einen Datenkranz, der nun immer eindeutiger in die gleiche Richtung zeigt – abwärts. Dennoch – und das ist erstaunlich – sind die Börsen geradezu in Festtagslaune. Früher war die Wirkungskette „Schlechte Nachrichten = Gute Kurse“ einigermaßen fest etabliert und durchaus plausibel: Die oft zutreffende Idee dahinter war, dass Fiskus und Notenbank immer dann „helfend“ eingreifen, wenn der Konjunktur ein allzu herber Absturz drohte, was die Märkte wiederum beflügelte.

Mitunter war das Ergebnis solcher Eingriffe sogar die gewünschte Stabilisierung, was aber eher zufällig geschah und nicht wirklich reproduzierbar war. Sicher war dagegen, dass nach „erfolgreicher“ Schlacht der Schuldenberg höher war, als zuvor. Vielen Politikern, die sich dabei auf den Ökonomen John Maynard Keynes berufen, mangelt es jedoch vor allem an der nötigen Disziplin, um seine Theorie umzusetzen. Lord Keynes forderte nämlich, in guten Jahren konsequent Haushaltsüberschüsse anzusammeln. Dies passiert in der seit Jahrzehnten praktizierten Rosinenpicker-Variante nicht – schließlich kann die Politik mit Überschüssen ja so viel „Gutes“ bewirken …

Der Preis der für die stetig wachsende Verschuldung bezahlt wird, ist die Einengung des künftigen Handlungsspielraums. Vom Fiskus ist daher heute kaum noch Stimulation zu erwarten. Im Gegenteil: Jede ernsthafte Bemühung um eine Haushalskonsolidierung wird zu einer Belastung zur Unzeit – zumindest aus keynesianischer Sicht.

„Draghischer“ (Verbal-)Aktionismus

Aber auch die Notenbanken haben ihre klassischen Aktionsfelder weitgehend ausgereizt. Bei Zinssätzen um die Null Prozent sind Zinssenkungen ein stumpfes Schwert. Von daher haben sich sowohl die US-amerikanische FED als auch die EZB schon mehrfach zu Maßnahmen hinreißen lassen, die noch vor wenigen Jahren als schwerer Tabubruch gegolten hätten, etwa den unverblümten Ankauf von Schulden des eigenen Staates. Mit den Schuldtiteln fremder Staaten, war dies ohnehin seit Jahrzehnten gängige Praxis, wobei die auf diese Weise bei den Notenbanken eingelagerten Staatspapiere beschönigend als Reserven bezeichnet werden. Die Chinesen, als vermutlich zweitgrößter Halter von US-Staatsanleihen (nach der FED selbst), wissen um den besonderen Charakter solcher „Reserven“.

Nun also „unkonventionelle Maßnahmen“, was eine freundliche Umschreibung für jenes letzte Aufgebot ist, das weder durch Vertrag noch Statut gedeckt ist, das man dem ehemaligen Goldman-Sachs-Mann Mario Draghi, der derzeit den EZB-Präsidenten gibt, gleichwohl ohne weiteres zutraut. Anders lassen sich die Jubelreaktionen der Märkte auf seine Äußerungen kaum deuten. In dem Maße, wie man herauszulesen glaubt, dass die EZB vor dem Hintergrund der Zuspitzung der prekären Lage Spaniens und des anderen „Super Marios“, des italienischen Ministerpräsidenten Monti, erneut Staatsanleihen aufkaufen werde, reagierte der Aktienmarkt euphorisch. Andersherum sind aber bereits leichte Enttäuschungen dieser Erwartungshaltung der Auslöser von empfindlichen Kursrückgängen, wie am vergangenen Donnerstag. Es ist eine insgesamt unerfreuliche Situation, wenn die Märkte auf diese Weise zum Spielball der Politik werden.

„Sigmar, der Taschengreifer“

Wie, um die Aktualität unserer neuen Smart Investor Ausgabe 8/2012 mit der Titelstory „König Fiskus – Die große Krake „Nimmersatt““ zu unterstreichen, werden nun die Forderungen nach einer stärkeren Besteuerung vor allem „der Reichen“ laut. Das alles ist nicht überraschend, denn trotz rekordhoher Steuereinnahmen, schafft es der Staatsapparat offenbar ganz grundsätzlich nicht, mit dem Geld seiner Bürger auch nur halbwegs ordentlich umzugehen. Dass er streng „demokratisch“ gerne dort zugreift, wo es bei einer Minderheit mit wenig Aufwand viel zu holen gibt, ist weniger ein Gerechtigkeitsthema, als ein fiskalisches Motiv… 

Ginge es um Gerechtigkeit, dann müssten zunächst einmal jene mit ihren Vermögen haften, die uns die Euro-Misere und den anschließenden Rettungszirkus eingebrockt haben – nach dem Verursacherprinzip. Was hingegen daran „gerecht“ oder „fair“ sein soll, die vermögenden Bürger dieses Landes zu schröpfen, um damit auch noch die Korruption und Misswirtschaft von Politikern in der Euro-Zone zu finanzieren, bleibt das Geheimnis von Initiativen wie „Reichtum besteuern – umfairteilen“. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sprang auf den Zug auf und machte aus seiner Sympathie für den Griff in fremde Taschen keinen Hehl. Er begründete dies unter anderem mit „den wachsenden Aufgaben“ des Staates, so als ob ihm diese auf natürliche Weise zuwüchsen. Tatsächlich spricht sachlich nichts dafür, einem Apparat, der schon heute sichtbar überfordert ist, weitere Aufgaben zu übertragen.(Seite 2, zu den Märkten)

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2 Kommentare auf "Politische Börsen – Wie kurz sind die Beine?"

  1. FDominicus sagt:

    „Ginge es um Gerechtigkeit, dann müssten zunächst einmal jene mit ihren Vermögen haften, die uns die Euro-Misere und den anschließenden Rettungszirkus eingebrockt haben – nach dem Verursacherprinzip.“

    Das wäre „Recht“ aber uns wurde doch eingetrichtert (sei es durch Aussagen unsere „Politiker oder auch in der Presse).

    Die Rettung des Euro ist alternativlos.

    Eine kleines Wörtchen ans Ende gesetzt und das Ganze käme der Wahrheit sehr nah:
    Die Rettung des Euro ist alternativlos dumm/ungerecht/asozial.

  2. 4fairconomy sagt:

    „König Fiskus – Die große Krake „Nimmersatt““ und „Das alles ist nicht überraschend, denn trotz rekordhoher Steuereinnahmen, schafft es der Staatsapparat offenbar ganz grundsätzlich nicht, mit dem Geld seiner Bürger auch nur halbwegs ordentlich umzugehen.“

    Vorweg: ich bin auch für einen schlanken Staat mit möglichst niedrigsten Steuern und Abgaben. Aber Voraussetzung dafür ist eine Wirtschaft, welche nicht soviele Kosten externalisiert: Sozialkosten, ökologische Kosten und nicht zuletzt Rettungs- und Stützungskosten aller Art. Nimmersatt trifft eben nicht nur auf den Staat zu, sondern spiegelbildlich und damit direkt zusammenhängend auch auf das heutige System des Geldverdienen mit Geld. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Man schaue sich die Entwicklung des weltweiten Anlagevermögens in Billionen $ im Vergleich zum Welt-BSP von 1980-2007: von 12 auf 196 Bil.$ versus 10 auf 55 Bil. $. Ist doch klar, dass diese Vermögensvermehrung auf Dauer nicht tragbar ist und es zwangsläufig zu Korrekturen kommen muss, d.h. eine Vermögensvernichtung. Und klar ist, dass dies sozial verträglich nur von statten gehen kann, wenn sich die 1% mit über 50% des Volksvermögens auch entsprechend an dieser Vermögensvernichtung – sprich -korrektur – beteiligen. Die Korrektur kommt so oder so, die Frage ist nur wann und wen es am meisten treffen wird.

    Eine andere Variante der Korrektur wäre es, lokale, umlaufgesicherte Parallellwährungen einzuführen (wie z.B. das WIR in der Schweiz) um die Realwirtschaft soweit möglich zu schützen und das Finanzsystem krachen lassen.

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