Politische Achsenverschiebungen

16. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Die Gesellschaft muss sich entscheiden, mit welchem Restrisiko sie in Bezug auf Atomkraft leben will, sagte ein Wissenschaftler von der TU in Darmstadt im Radio. Kann sie das wirklich? Will sie wirklich etwas entscheiden? Und wer entscheidet eigentlich?

Kurze Zeit nach der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke bricht die farbenfrohe Argumentationskette der Bundesregierung in sich zusammen wie die Reaktorwand eines Reaktorblocks in Fukushima. Volle Energiewende Marsch! – so das neue Motto. Die Kanzlerin zeigt sich besorgt und entscheidet sich hektisch für ein Moratorium. So sind die beschlossenen Laufzeitverlängerungen für die Kernkraftwerke hierzulande bis Mitte Juni erst einmal ausgesetzt. Vielleicht wird ja dieser Zwischenstopp ein weiteres Mal verlängert, vielleicht so lange, bis die letzte Landtagswahl über die Bühne gegangen ist.

Zu durchsichtig ist Merkels Schachzug. Er würde sich nahtlos an die anderen „alternativlosen“ Schachzüge reihen, mit denen immer irgend etwas oder irgend jemand gerettet worden ist.

Sieben der 17 AKW`s werden abgeschaltet. Vorübergehend. Gleichzeitig wehen da Fragezeichen, ob es wirklich einen Ausstieg aus der Atomenergie geben wird. Was nutzt es, so die Diskussion, wenn wir hierzulande den Ausstieg praktizieren und gleichzeitig die entstehende Energielücke im Notfall, denn wir haben in Deutschland „Überschusstrom“, mit Atomstrom aus Frankreich und der Ukraine ersetzen. Dass die Energieriesen betonen, die Technik wäre sicher, ist eine Überraschung. Jetzt wird der Strom vielleicht teurer. Das ist ebenso neu wie erschreckend. Wurde Strom nicht immer teurer? Selbst in der „Krise“?

Die Diskussion pro oder contra AKW lässt eines vermissen – den Aufruf mit Strom sparsam umzugehen. Stattdessen drückt man Entscheidungen durch den Bundestag, die am Willen des Volkes vorbei gegangen sind. Nicht wenige Strategen verdienen Geld damit, den Entscheidern beratend zur Seite zu stehen, wie man Entscheidungen am besten „verkaufen“ kann.

Spart Strom! Fahrt weniger Auto! Macht das Licht aus! Seid sparsam! Haben Sie das schon mal gehört? Es passt mit modernen Wachstumsstrategien nicht zusammen. Und so produzieren die Bundesregierungen Flops am Fließband und müssen sich inzwischen auch nachsagen lassen, zu dicht an der Wirtschaft zu sein oder die Wirtschaft an ihnen.

Es gibt viele Wege, ökologische Nebelkerzen zu werfen. Die grüne Energie kostet den Stromkunden Milliarden. E10 kostet Milliarden und Nerven und der Umwelt das Angesicht. Essen zu verspritten steht über Moral und Anstand. Glühbirnen durch quecksilberhaltige Energiesparlampen zu ersetzen, hat einigen Hersteller genutzt. Aber sonst?

In einem „Stresstest“ sollen AKW`s gestresst werden. Der viel umjubelte Stresstest bei Banken war der Name nicht wert. Wieso sollte es jetzt anders sein? Zudem spricht es sich herum, dass die Nähe zwischen Energieversorgern und Politik noch nie enger war als in den letzten Monaten. Man muss Entscheidungen nur verkaufen können – oder das Volk. Darin hat man inzwischen Erfahrungen.

Bei der Einführung des Euro bzw. die Wegnahme der D-Mark wurde niemand gefragt. Irland musste so lange darüber abstimmen, bis die entsprechenden Werbemittel ein „Ja!“ erbrachten – wenn auch nur knapp. Zukünftig kommen die Befehle aus Brüssel. Es ist auch nicht ganz klar, ob die Mehrheit der Leute mit der „Verteidigung“ des Euro einverstanden war, den es nach Umfragen nie hat haben wollen und noch immer nicht liebt. Manchmal ist es vielleicht gut, ein Volk zu seinem Glück zu zwingen. Aber nicht immer und in jedem Fall.

Die Bundesregierung hat in letzten drei Jahren Entscheidungen getroffen, welche nicht dem Volke dienten, sondern einer Minderheit. Dabei drängt sich immer öfters der Eindruck auf, dass sich Lobbyisten und Politik sehr nahe gekommen sind, während die Summen immer größer wurden.

Die Großherzigkeit der FDP gegenüber den Hoteliers war in Bezug auf andere Summen eine Lappalie, obwohl die Idee ja vor ein paar Jahren aus den Reihen der CSU kam. Die Abwrackprämie für die Autoindustrie, Pardon!, gegen die Krise kam schon teurer. Und noch teurer kommen werden wohl die Bürgschaften, mit der man die Finanzindustrie beschützt. Tauchen weitere Löcher auf, werden diese mit weiteren Milliarden gestopft. Wie zu erfahren war, wurden die Gesetzestexte von der Finanzindustrie mit geschrieben, weil man unter schwarz-rot keine Experten hatte, die das konnten.

Am letzten Wochenende spendierte die Kanzlerin in einem Handstreich weitere 100 Milliarden Euro für bankrotte Eurostaaten. Gewollte Co-Abhängigkeit kann teuer werden. Und das alles im Namen des Volkes? Man verkauft es ihm als eine Rettung des Euro, dabei ist es eine Bankenrettung, denn diese haben das Geld verborgt. Und ein paar Anleger, denen es Banken und Versicherungen weitergereicht haben. Und man weiß wohl mit Blick auf die nächsten Wahlen, dass Bankenrettung 2.0 Wählerstimmen gekostet hätte.

Bekommen die hohen Leute da in Berlin mit, was die Interessen der Mehrheit der Bürger sind? In Sachen Atom kam die Botschaft an. Und den Rest der Dinge durchschaut ohnehin nur eine Minderheit. Sollten mehr Leute dahinter kommen, so wie die Japaner inzwischen merken, dass sie in Sachen Strahlenschutz belogen worden sind, doch dort hat es System, wird es enger und führt vielleicht zu Mehrheiten, die in der letzten Konsequenz verheerend sein können.

Von daher könnte der Fall „Guttenberg“ als Sehnsucht eines Großteils der Leute auch als Wunsch nach Offenheit, Ehrlichkeit und Attraktivität verstanden werden, selbst wenn diese Eigenschaften nicht vorhanden gewesen sind. Diese nach außen verkauften Dinge wirken stärker als ein CopyPaste in einer Doktorarbeit. Das sollte sich nicht nur in Berlin herum gesprochen haben, wenn ein adeliger Plagiator höher angesehen wird als die Leute, die im Fernsehen mit vielen Worten viel Zweideutiges oder aber gar nichts sagen.  ©Frank Meyer

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12 Kommentare auf "Politische Achsenverschiebungen"

  1. JayJay sagt:

    Wie wahr gesprochen bzw. geschrieben @Frank. Daumen hoch. AAA
    Die Politikerkaste macht doch nur noch Politik, für die eigene Partei. Das deutsche Volk, was sie eigentlich vertreten sollen, ist denen doch schon seit Jahrzehnten völlig egal. Armes Deutschland 🙁
    Frage: Wann wurde den mal, was anständiges zum Wohle des Volkes beschlossen, abgesehen von den Zückerli, die ab und zu vor Wahlen verteilt werden.
    Gold & Silber Ahoi

  2. Böse Tussi sagt:

    Die Gesellschaft ist grundsätzlich mal gegen alles.

    Die Gesellschaft ist gegen Atomkraftwerke und gleichzeitig gegen Gas/Kohlekraftwerke, neue Wasserkraftwerke, Windparks….

    Die Gesselschaft ist gegen die Bankenhilfen und gleichzeitig dagegen, dass ihr Guthaben auch der Bank verschwindet.

    Und so weiter und so fort.

    Bussi Tussi

  3. Stuelpner sagt:

    Auch von mir ein dickes AAA++ für diesen Artikel.

    Ich vermisse zwar den „Franktypischen“ witzigen Unterton, aber andererseits kann einem bei diesen Themen und der derzeit herrschenden „Demokratie“ wirklich jeder Humor abhanden kommen. Wie hies es doch gleich, gestern standen wir am Abgrund und heute sind wir alternativlos einen Schritt weiter.

    Meine stille Hoffnung gründet nur auf wachen Menschen die ihre durchdachte realitätsnahe Meinung bei den Landtagswahlen zum Ausdruck bringen (damit meine ich nicht die meinungslosen Nichtwähler) und zeigen, dass noch nicht alle eingelullt wurden. Für absolut Unentschlossene mit einem Mindestmaß an selbständigen Denken eignet sich auch der Wahl-O-Mat zur Entscheidungsfindung, in begrenztem Umfang. Wenn man dort allerdings sein geBILDetes Wissen eingibt, heißt es dann wieder, wie man in den Wald hinein ruft so schallt es heraus (deshalb das Mindestmaß).

  4. Karl Napp sagt:

    Der Begriff Restrisiko setzt voraus, dass man das Risiko eines Atomunfalls überhaupt berechnen kann.

    Risikomanagement setzt sich immer aus zwei Komponenten zusammen: Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe.

    Bereits die Eintrittswahrscheinlichkeit lässt sich nicht seriös berchnen, weil es viel zu wenige AKWs git, um zuverlässige Datenreihen zu erhalten.

    Beispiel Japan: Die japanischen AKWS sollen nach offiziellen Verlautbarungen gegen Erdbeben bis zur Stärke 8.5 ausgelegt gewesen sein. Das Erdbeben hatte aber 9. Da könnte man meinen, die Fehleinschätzung könnte minimal gewesen sein. Das berücksicht aber nicht, dass ein Erdbeben der Stärke 9 die fünffache Energie freisetzt, die ein Erdbeben der Stärke 8.5 freisetzt, weil die Richter Skala logarithmisch ist. Die haben sich also um 500% verschätzt bei ihrer Auslegung!

    Warum? Die Erde ist ein paar Millionen Jahre alt. Die herangezogenen Datenreihen können nur ein paar hundert Jahre alt gewesen sein, weil es nur solange menschliche Aufzeichnungen gibt.

    Wie werden menschliche Fehlverhalten in die Wahrscheinlichkeitsberechnungen einbezogen? Soetwas ist gar nicht quantifizierbar.

    Letztendlich hat sich in japan die Atomlobby durchgesetzt. Das Risiko wurde billigend in Kauf genommen.

  5. Jochen sagt:

    Die Menschheit hat sich auf eine unbeherrschbare Technologie eingelassen.

    Die Diskussionen darüber, ob man jetzt abschaltet oder nicht sind fast albern, denn was ist mit dem Müll, der schon seit Jahren ‚unter uns‘ gelagert wird?

    ‚Perfekt‘ ist nur einmal mehr die Reaktion deutscher Politiker: blinder Aktionismus.

  6. healer sagt:

    ich glaube politiker leben in einem paralleluniversum, und es fehlt an schnittstellen.

    dieser artikel spricht mir aus dem herzen.

    schade, dass es für den deutschen angst braucht um wach zu werden.
    3/11 wird unsere welt, wie wir sie (nach 9/11) kannten, eine andere werden. die dinge nehmen ihren lauf.
    nettes zahlenspiel:

    11.03.11
    11.09.01
    ———
    22.12.12

    rock on, ich mag eure seite

    gruss vom
    healer

    • askanier sagt:

      @healer:
      Die Deutschen haben immer Angst – und – die Deutschen wachen nicht auf – und – die Politiker leben auch in keinem Paralleluniversum. Politiker sind dazu da, ganz gezielt Interessen einzelner Personen oder Interessengruppen durchzusetzen bzw. diesen Interessen per Gesetz Legitimation zu verschaffen. Nicht mehr und nicht weniger.
      Das Problem ist derzeit (oder eigentlich seit den Anfängen der menschlichen Entwicklung) dass, die Interessen der Mehrheit der Gesellschaft nicht mehr ins Gewicht fallen, Demokratie nur noch einen Schatten, ein abstraktes Gebilde – ja, nur noch einen Mythos darstellt.
      Was heißt Demokratie in unserer Zeit? Ziehe 50% der Leute auf deine Seite, dann hast du gewonnen. Und genau das ist mit den Mitteln der modernen Manipulation ein Leichtes.
      Irgendwelche Zahlenspielereien sind sicher nicht geeignet, die „Gesellschaft“ über die Interessen und Machenschaften einer geldgierigen, machtgeilen, degenerierten, soziopathischen Elite aufzuklären. Das fällt nur in den Bereich „Glaube“.

      Habe die Ehre!
      askanier

  7. Felix sagt:

    Einmal mehr ein artikel, der mir aus der seele spricht! wenngleich auch diesmal leider nicht mit einem vergnügtem grinsen, ob des meyerischen zynismusses und der genialen formulierungen, die offensichtlich, möglicherweise aufgrund des ernstes der lage, in diesem artikel, geopfert wurden?!
    in jedem fall muss ich mich in aller form für die geleistete arbeit im allgemeinen bedanken!

  8. Alfons sagt:

    Was passiert, wenn ein AKW den Stresstest nicht besteht? Haben wir dann den Super-Gau direkt vor der Tür?
    Mein Gott, impft diese Regierung samt den Bundestagsbageordneten mal gegen Schweinegrippe – mit dem Impfstoff für die Bevölkerung! Vielleicht werden wir dann Frieden haben – vor diesen duseligen unnützen Politikern.

  9. 21. Jahrhundert » Blog Archiv » Politische Achsenverschiebungen » Rott & Meyer sagt:

    […] viaPolitische Achsenverschiebungen » Rott & Meyer. Share| März 17, 2011 at 11:11 am by admin Category: Atomkraft […]

  10. R.St. sagt:

    Punkt 1 ist, das nagelneue Kernkraftwerke nur 5 % des Abfalls der alten produzieren würden.

    Punkt 2 ist, das auch bei uns Kernkraftwerke am nicht ungefährlichen Rheingraben stehen; wer einmal sehen will, wie die Erde dort bereits blubbert (und zwar jedes Jahr mehr) fahre an den See nach Maria Laach. (übrigens auch eine der dünnsten Erdschichten der Welt)

    Punkt 3 ist, das von dem angeblich so günstigen Atomstrom beim Bürger leider nichts ankommt; die Strompreise sind inzwischen utopisch hoch in Deutschland und echten Wettbewerb scheint es nicht zu geben. Hoppela, wo ist da die Marktwirtschaft bloß geblieben? Wo bleibt das Geld des angeblich so günstigen Atomstromes? Wird da auch gekungelt mit dem Großkapital und en paar Brotsamen fallen für die Parteien ab?

    Der für mich entscheidende Punkt ist aber:
    Egal wie modern Atomkraftwerke sind-es bleibt immer ein Restrisko. Ob durch Angriffe oder Erdbeben oder bei Stromausfall usw.. Blieben die Gewinne im Land, kämen z.B. der Infrastruktur und der Forschung zugute, so müßte man kühl kalkulieren und sich entscheiden.
    Seitdem wir aber den europäischen Kommunismus (nett ausgedrückt Transferunion) haben:
    Warum soll das deutsche Volk dieses Risiko im dicht besiedelten Deutschland noch tragen, wenn alle Einnahmen aus Exportüberschüssen oder günstigem Strom inzwischen spürbar zu Lasten des einstigen Wohlstandes an die USA per Subprime, Israel oder die EU, Gender- und Multikultiprojekte und die Groß-Banken verschenkt werden?

    Warum sollen die Deutschen buchstäblich ihren Hals riskieren, wenn sie ohnehin (vermutlich gezielt) nur ausgeblutet werden?

    Die Gleichung in Deutschland seit einigen Jahren heißt doch: mehr Gewinn, mehr Steuereinnahmen gleich mehr Bürgschaften, mehr Kredite undsoweiter an „Gott und die Welt“.

    Und nochwas:
    Jeder Raucher, der in einem Lokal seinen Nachbarn mit Qualm anbläst, kommt beinahe ins Gefängnis; ein AtomkrAftwerk, das Millionen Menschen „umhauen kann“ am erdbebengefährdeten Rheingraben oder uralt oder beides soll okay sein?

    Im Übrigen sind die Zeiten einfach zu unruhig, für solche Technologien. Und warum bitte zig Atokraftwerke? Wenn man für das Militär (und den potentiellen Bombenbau) eins braucht, warum reichen dann nicht ein oder zwei Stück (auf Helgoland?)oder unterirdisch und Raketensicher.

    Deutschland ist es leid, mißbraucht zu werden und ins Risiko zu gehen für Drittinteressen, die beinahe mafiösen Charakter zu haben scheinen.

  11. Melanie Gatzke sagt:

    Im Moment der Katastrophe ist der Mensch gegen alles, was dazu geführt hat– sprich AKW.–er ist bereit zu sparen, zu verzichten, zu bezahlen.
    Ist der Alptraum vorbei, will er wieder alles, was das Herz begehrt, was das leben angenehm macht -Luxus -Wohlstand u.s.w.
    Vergessen die Schwüre von gestern, man braucht das Auto- den Flug- die Heizung – das warme Bad- die Produktion aller Güter -also den Strom überall. Ebenso die Felder für den Nahrungsanbau– oder doch wahlweise Biosprit–im Zweifel erst mal für Sprit- den muß man haben-wie kämen denn sonst Köstlichkeiten aus allen Ländern zu uns und wir zu denen in den Urlaub… u.s.w.
    Also wird kommen, was immer kam. Erst große Erregung, Einsicht, Besserung- Vorschläge .Wir müssen- müssen- müssen– und- dabei bleibt es.
    Bis zur nächsten Katastrophe. Hoffentlich ist die Nächste dann nicht genau die eine zuviel.

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