Politik und Kapital

15. August 2011 | Kategorie: RottMeyer

von Robert Rethfeld

Würden die reichsten Bundesbürger zwei Drittel ihres Vermögens an den Staat „spenden“, ohne die Spenden beim Finanzamt abzusetzen, so wäre Deutschland schuldenfrei. Die Rechnung geht so: Einer öffentlichen Verschuldung von 2 Billionen Euro steht ein Gesamtsparvermögen der Bundesbürger von knapp 5 Billionen Euro gegenüber…

Während die öffentliche Verschuldung gleichmäßig auf die Bundesbürger verteilt ist (etwa 24.000 Euro pro Kopf), ist die Vermögensverteilung asymmetrisch. Das oberste 10%-Dezil der Bundesbürger hält ein Vermögen von 61,1% (2007) des Gesamtvermögens. Das entspricht etwa 3 Billionen Euro. Zwei Drittel von 3 Billionen Euro entsprechen der aktuellen Verschuldung von 2 Billionen Euro.

So verlockend diese Rechnung für manche klingen mag: Sie berücksichtigt weder die Auswirkungen auf Investitionen und Konsum sowie die Möglichkeit, sein Geld außerhalb Deutschlands anlegen zu können. Aber es ist klar, dass solche Zahlenspiele – wie sie von einigen Wirtschaftswissenschaftlern gern genannt werden – in bestimmten politischen Kreisen einen Resonanzboden entwickeln.

Die Politik kennt im Bezug auf Finanzpolitik zwei Strömungen: Links und rechts, oder auch: Sozial und konservativ. Bei vielen jüngeren Menschen schlägt das Herz eher links (Grund: viel Empathie, wenig Vermögen), während mit zunehmenden Alter und Vermögensaufbau konservative Ansichten in den Vordergrund rücken. Der Wunsch nach Flachbildschirmen scheint in Teilen der britischen Jugend fest verankert zu sein. Man nimmt sich das Recht, zu besitzen, was man sich nicht leisten kann. Hier findet eine Umverteilung statt – ein integraler Bestandteil einer Revolte oder Revolution.

Von der Gleichheit – einem Ideal der französischen Revolution – ist Deutschland weit entfernt. Großbritannien und die USA sind es noch viel mehr. Nicht zufällig hat dort die Finanzindustrie eine größere Bedeutung als in Deutschland. Der Beitrag der Finanzindustrie zum BIP ist überproportional hoch, gemessen an den Arbeitsplätzen. In der Schweiz existiert eine Diskussion, wonach davor gewarnt wird, die hohen BIP-Beiträge der Schweizer Finanzindustrie für voll zu nehmen, da – gemessen am BIP – in der Finanzindustrie im Verhältnis zur Realindustrie nur wenig Arbeitsplätze existieren. Die Spitze der Verdiener findet man hauptsächlich in der Finanzindustrie, das ist in Deutschland – dank der Stärke der Realindustrie – anders.

Die Politik ist stets stärker als das Kapital, sie kann Gesetze erlassen. Der Vorteil des Kapitals ist bisher, dass die Politik im Bezug auf die Finanzkrise über wenig fundiertes Fachwissen verfügt. Man befrage mal einen durchschnittlichen Bundestagsabgeordneten zur Finanzkrise.

In der Politik sitzen Volksvertreter. Wie der Name schon sagt, vertreten sie die Stimme des Volkes. Man fragt in der Politik stets, ob man das, was man tut, dem Volk auch verkaufen kann. Wenn die Schmerzen der Abgeordneten in ihren Wahlkreisen ob einer Entscheidung zu groß werden, lässt man es.

Deutschland wird derzeit von vielen Staaten als wirtschaftliches Vorbild beneidet. Auch die USA setzen alles daran, Ihre Wirtschaft so zu strukturieren, dass deutsche Exporterfolge kopiert werden können. Aber sie verfügen weder über das geeignete Ausbildungssystem noch über entsprechende gewachsene Strukturen.

Die überproportionalen Verluste des DAX an den Aktienmärkten sollten als das wahr genommen werden, was sie sind: Als Warnsignal. Der DAX ist ein Optionsschein auf die Weltwirtschaft. Schwächt sich das Wachstum der Weltwirtschaft ab, verliert der DAX überproportional. Arbeitslosigkeit ist – gemäß der offiziellen Statistik – in Deutschland derzeit kein Thema. Dies dürfte sich jedoch ändern. Der Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit und revolutionärem Potential ist bekannt. Man kann die Unruhen der 1930er Jahre im Gefolge des Crashes von 1929 klar mit dem damaligen Anstieg der Arbeitslosenquoten in Zusammenhang bringen, ob in den USA, in Großbritannien oder in Deutschland.

Die aktuelle Politik reflektiert Volksstimmungen. In Großbritannien dürfte nach den Unruhen ein gedanklicher Prozess einsetzen, etwa nach dem Motto: „War es richtig, die Ausgaben im Gefolge der Finanzkrise von 2007/08 dermaßen zusammenzustreichen? Haben wir nicht eine Verantwortung dafür, dass eine derart aggressive Unterschicht gar nicht erst entstehen kann? So dürfte das „Herz der Briten“ in den kommenden Wochen und Monaten in Richtung „links“ pendeln. Woher jedoch das Geld nehmen, um soziale Programme fahren zu können? Die Steuern für die Wohlhabenden erhöhen? Vorstellbar. Und wenn das nicht reicht? Dann wird Geld gedruckt, was mittelfristig zu höheren Inflationsraten führt. Doch die Erfahrung zeigt: Die Wohlhabenden können sich einigermaßen vor Inflation schützen, die unteren und mittleren Schichten nicht. Inflation ist ein Mittel, das Volksaufständen weiteren Vorschub leistet. (Seite 2)

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12 Kommentare auf "Politik und Kapital"

  1. sandman sagt:

    Vielleicht kann mir hier ja jemand bei einem Problem helfen.
    Ich frage mich, wie das Vermögen dieser „reichen“ Bundesbürger ermittelt wird. Sind in diesen Vermögen auch die „Nicht-Sachwerte“, wie Giralgeld, LV-Sparverträge, Zertifikate und sonstige Versprechen auf Zahlungsmittel enthalten? Ich stelle mal so in den Raum, dass diese Art „Vermögen“ gar nicht mehr existent ist und deshalb gar nicht zählt. Diese Versprechen auf Zahlungsmittel können gar nicht mehr eingehalten werden, ohne dass dieses Zahlungsmittel nahezu wertlos wird.

    Mache ich einen Gedankenfehler?

  2. auroria sagt:

    Auch die unteren Einkommen können sich jeden Monat 1 Unze Silber kaufen. Allemahl sinnvoller, als das Geld in eine Riesterrente zu stecken, wo man am Ende eh nur das Existenzminium bekommt.

    Für mich ist das alles auch stark eine Frage von Bildung. Wer sich aus der Bild „Zeitung“ und bei RTL2 informiert ist eben verloren. Gewisse Schichten haben auch gar kein Interesse daran, dass die Hauptschulen verschwinden und die Menschen über Wirtschaft und Finanzsystem besser aufgeklärt werden. Die kennen auch den Spruch von Henry Ford:
    „Wenn mehr Menschen wüssten wie unser Finanzsystem funktioniert, dann hätten eine Revolution. Und zwar schon morgen früh.“

    Die unteren Einkommen können die Zeche eh nicht zahlen, weil die gar kein Vermögen haben, wenn dann geht es eher um die Mittelschicht oder die Reichen.

    Wobei weder eine Vermögenssteuer hilft (dann wird das Geld im Ausland versteckt und das Gold ist eh nicht registriert), noch eine Einkommenssteuererhöhung, denn gerade diese Leute haben genug „Gestaltungsmöglichkeiten“.
    Wenn man diese ganzen Sonderregelungen bei der Steuer entfernt und die Leute tatsächlich die Steuern(sätze) zahlen würden, die sie müssten, damit alleine kämen schon große Summen zustande.

    http://www.youtube.com/watch?v=sOgQbx9Ry9s

    • Avantgarde sagt:

      „Wobei weder eine Vermögenssteuer hilft (dann wird das Geld im Ausland versteckt und das Gold ist eh nicht registriert), noch eine Einkommenssteuererhöhung, denn gerade diese Leute haben genug “Gestaltungsmöglichkeiten”.

      Ach ja? Warum fährst du nicht ab und zu über eine rote Ampel – vielleicht weil irgendwann die Pappe weg ist und es keine Aussicht auf die Wiedererlangung gibt?! 🙂
      Es ist lediglich eine Frage des Willens und der Konsequenz der Strafverfolgung.

      Viele Vermögenswerte können nicht weglaufen oder werden bei größerern Transaktionen entdeckt. Konsequente Kontrollmitteilungen der Behörden und manchmal auch unzufriedene Ehefrauen können der Strafverfolgung gute Dienste leisten. Gestaltungsmöglichkeiten – oder besser vielleicht legalisierter Steuerbetrug kann man schliessen – sofern die Vettern in der Politik das auch wollen.

      Es ist eine absolute Außnahme, daß ein Steuerstraftäter sich durch eine Selbstanzeige straffei stellen kann – das gibt es in keinem anderen Rechtsbereich. Und ich finde das ist Bonus genug. 🙂

      • auroria sagt:

        Bist du noch nie bei Rot über die Fußgängerampel gegangen? Vieles kann man nicht kontrollieren oder nur mit absurdem Aufwand.
        Eine Vermögenssteuer wird als unfair empfunden (auch von mir, obwohl ich nicht betroffen wäre).
        1. Hat man das Vermögen aus bereits versteuertem Einkommen aufgebaut.
        2. Muss man erstmal genug Zinsen erwirtschaften um die Inflation auszugleichen, noch mehr um die echte Inflation auszugleichen, noch mehr um die Steuer auf die Zinsen zu zahlen und dann auch noch die Vermögenssteuer, woher bekommt man so viel Rendite? Bei Sachwerten zahlt man schon Unterhalt oder Lagerkosten.
        Auch aus Datenschutzgründen lehen ich so eine Vermögenssteuer ab.

        Die „Steuergestaltung“ ist legal, das ist ja das Problem dabei. Wie gesagt ich würde diese Ausnahmen alle abschaffen.

        Ackermann hat sich freigekauft, die ganzen Siemens Manager auch, da gibts viele, die ihre Strafe aus der Portokasse zahlen.

  3. Thomas sagt:

    sehr guter Artikel. Danke!

  4. quest sagt:

    „…In der Politik sitzen Volksvertreter. Wie der Name schon sagt, vertreten sie die Stimme des Volkes…“

    Aus einem Beitrag von Robert Rethfeld vom 15. August des Jahres 2011

  5. mfabian sagt:

    Der ist echt gut:

    >>“Auch die USA setzen alles daran, Ihre Wirtschaft so zu strukturieren, dass deutsche Exporterfolge kopiert werden können.“<<

    Wie wird man von Null-auf-Hundert vom Import-Weltmeister zum Export-Weltmeister, wenn man seine industrielle Basis nach Asien out-gesourced hat 🙂

    • Frank Meyer sagt:

      Ganz einfach: Man lässt den Dollar in die Binsen gehen. Die Vorbereitungen sind getroffen. Nur fallen wie ein Stein sollte er nicht.
      Lieber erst mal Europa anschießen, denen Eurobonds verordnen und die Machtkonzentration in Brüssel verankern.
      Dann muss man sich nicht in um 17 Nationen kümmern, sondern nur noch um einen einzigen Experten in Brüssel, der den Rest erledigt.
      Ist das komfortabel…

      Auch das läuft in Wellen…

      • hannesb sagt:

        Genau so. Warum will man sich mit ein paar Pigs begnügen wenn man den ganzen Hühnerstall haben kann. Kann man gleich die ganze geeurobondagde Sippe auf einen Schlag fett downgraden. Oje, der Euro kriegt kollektiv einen auf die Mütze. Die Metzger haben die Messer gewetzt. Das wird ein Gegacker.

      • Avantgarde sagt:

        Die USA bräuchten und wollen wohl auch einen schwächeren Dollar – aber das klappt bisher ebenso wenig wie in Japan.

        Es ist nicht immer alles so wie es scheint.
        Habt ihr schon mal ein Interview mit Ronald Gehrt oder Rethfeld gemacht und gefragt was wohl passieren würde wenn der Kreditozean aus Dollars zu platzen beginnt?
        Ich darf es vorweg nehmen: Sicherlich alles andere als eine Inflation des Dollars…

        Die USA dürften wohl keinerlei Interesse haben den Euro zu zerstören – Ablenkungsmanöver schließt das allerdings nicht aus.

        Wenn ich bloß an die ganzen Muni-Bonds denke – da bekommt man nur schlaflose Nächte.
        Eine Griechische Tragödie, ein Isländischer Bettvorleger oder Spaghetti-Mortale tun dem eigenen Gemüt in dieser Situation sicherlich mal Gut.
        🙂

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