Pilz-Kosmopoliten: Untermieter der Menschen

24. September 2011 | Kategorie: Aufgelesen

von Hans-Jörg Müllenmeister

Während wir danach trachten, den Mars in zwei Jahrzehnten zu erobern, sollten wir erst einmal unsere „primitiven“ Mitgeschöpfe in Augenschein nehmen, um ihre Qualitäten und Lebensstrategien zu ergründen…

Wußten Sie, dass einige der sog. Schleimpilze regelrechte Metallsammler sind? Besonders eifrig treibt es Fuligo septica; er reichert mit Vorliebe Zink an; so an die 4 Gramm pro kg Trockenmasse. Gehören Sie auch zu den 25 Millionen Deutschen, die stets auf der Wanderschaft sind mit ihren Fußpilzen. Dramatisch weniger Wanderburschen gäbe es, wenn wir uns basisch ernährten. Und steckte hinter dem „Fluch der Pharaonen“ ein bösartiger Pilz?

Schleimpilze Verwandlungskünstler auf Wanderschaft

Trotz ihres Namens sind sie keine Pilze. Faszinierend, denn in ihrer Lebensweise vereinen sie beides: die Eigenschaften von Tieren und Pilzen. An die Zweitausend Sondermodelle der Evolution bildeten seit 700 Millionen Jahren diesen eigenen Zweig im Stammbaum des Lebens. Einzeller oder Mehrzeller? Schwer zu entscheiden. Warum? Die Zellkerne der Gigantenzelle, das Plasmodium, verdoppeln sich im 8-Stunden-Rhythmus; die Zellen selbst teilen sich aber nicht. So wächst ein vielkerniges ungegliedert-bewegliches Gebilde heran; es besteht letztlich aus nur einer einzigen Riesenzelle, die Millionen von Zellkernen enthält. Ein einzigartiger, genialer Lebensentwurf! Schleimpilze mit dem appetitlicheren, wissenschaftlichen Namen Myxomyceten kriechen wabernd über den Boden und machen Jagd auf friedliebende Waldbewohner. Für sein vielfältiges Erscheinungsbild fanden unsere Vorfahren mystische Wortbildungen: Denken Sie an die Wolfsmilch für den Blutmilchpilz oder die Hexenbutter für die Gelbe Lohblüte.

Die gefräßigen bizarren Monster sind immer auf der Suche nach ihrer Leibspeise: Bakterienkolonien und Einzeller; selbst vor Fruchtkörpern echter Pilze machen sie nicht halt, überwuchern und verdauen sie vollständig innerhalb weniger Stunden. Wenn so ein fließend-tastendes Gebilde auf Freßwanderschaft ist, scheint es zu pulsieren, aber nur, weil es nach jedem Vorstoß einen kleinen Rückzieher macht wie ein Chamäleon. Der Schleimer schiebt sich wie eine Raupe ein Stück vorwärts – mit einem Tempo von rund einem Zentimeter pro Stunde; dagegen sind Nacktschnecken mit 30 m/h wahre Sprinter. Wie von Geisterhand formen sich Adern, um die Nährstoffe im ganzen Körper zu verteilen. Diese pulsierenden Strukturen des Plasmodiums sind mit der menschlichen Darmbewegung vergleichbar. Sie ziehen sich im Minutentakt zusammen, entspannen sich wieder und pumpen auf diese Weise Zellplasma hin und her.

Schleimpilze sind Verwandlungskünstler. Treffen zwei Kolonien zusammen, fließen sie ineinander und ziehen als größeres Lebewesen weiter. Erschnüffelt ein Plasmodium mit seinen chemosensorischen Zellen etwas Freßbares, etwa einen leckeren Speisepilz, dauert die Plasmaströmung in diese Richtung etwas länger als in eine andere. Vor allem brauchen Schleimpilze Feuchtigkeit.

Zum Sex bilden sie Stiele aus mit darauf sitzenden zierlichen Fortpflanzungskörperchen. Das sind pflanzenähnliche Schönheiten von leuchtender Farbenpracht. Die bis zum Rand gefüllten Fruchtkörper speichern das Erbmaterial millionenfach in Sporen. Ein filigranes Mikrogespinst aus verdrillten Fäden übernimmt den Auswurf. Das sind perfekte Schleudern. Dagegen sind die Samenschleudern des Indischen Springkrauts grobschlächtige Steinzeitwerkzeuge. Die Minischleudern der Fruchtkörper katapultieren die Sporen paketweise mit Erbmaterial verpackt in den Wind – widerstandsfähig für eine lange Flugreise. Die Luftpost ist ein Ultraleichtgewicht. Sie wiegt Bruchteile eines Millionstel Gramms. Beim Vertrieb der Sporen setzen einige Schleimpilze auf die „Muskelkraft“ von Insektenbeinchen: Die Sporen werden verschlungen und verschleppt. Wieder andere Schleimer nutzen die Spülkraft des Regens und lassen ihre Sporen einfach wegschwemmen.

Jetzt kennen Sie die wandelnde Freßmaschine ohne Maul und Beine. Diese schleimige Vielfraßwalze überwuchert und überwindet sogar Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellen. Beim Fressen wird das Beutegut vom ausfließenden Plasma umschlossen und einverleibt (Phagozytose). Wird es trocken oder fehlt die Nahrung, reagieren die vielkernigen Gigantenzellen unterschiedlich: Manche verhärten zu hornartigen sogenannten Sklerotien, die über Jahre hinweg überdauern können. Andere verkleinern sich zu mikroskopischen Partikeln (Microzysten) und erwachen erst dann aus ihrem Dornröschenschlaf, wenn bessere Zeiten angebrochen sind. (Seite 2)

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