Phantom-Rallye: Allzeithochs auf Abruf

19. September 2013 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wir sind mittendrin im „Showdown“, dieser brisanten Kombination aus einer mit Unruhe erwarteten Notenbanksitzung und dem großen Verfalltermin an den Terminbörsen für Optionen und Futures. Und nun?

Diese Verbindung hatte zuletzt im Juli für massiv fallende Kurse gesorgt. Diesmal jedoch reagierten die Anleger zunächst positiv – immerhin hatte die US-Notenbank am Mittwochabend unerwartete Geschenke verteilt. Zumindest dachte man das im ersten Augenblick.

Gut, in gewisser Weise will und muss die US-Notenbank nett zu den Anlegern sein, das stimmt schon. Denn stabile, wenn möglich steigende Aktienmärkte sichern und fördern das ohnehin schon miserable und nur auf dem Papier überzeugende Wachstum in den USA. Und das gilt auch für die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Dass man auf die Märkte Rücksicht nimmt, ist in den USA nicht einmal ein Problem. Dort gibt man offen zu, was man seitens der EZB immer verneint. Aber diese Rücksichtnahme auf die Börsen war eben keineswegs freiwillig. Und das wurde der ganz überwiegenden Mehrheit der Marktteilnehmer schon Minuten nach dem Statement der Fed zweifellos vollkommen bewusst.

Offiziell hieß es, man wolle noch mehr und noch deutlichere Beweise für die Stabilität und Stetigkeit des Wachstums in den USA abwarten, bevor man den Märkten sanft die Krücke im Form der Stützungskäufe am Anleihemarkt wegnimmt. Aber die Wahrheit ist, dass die Fed gar keine andere Wahl hatte! Diese Untätigkeit basiert nicht nur auf der (berechtigten) Angst vor deutlich negativen Reaktionen an den Anleihe- und Aktienmärkten. Ausschlaggebend war vor allem der Umstand, dass die Zinsen am US-Kapitalmarkt in den vergangenen Monaten bereits deutlich gestiegen sind. Gleiches gilt für die Hypothekenzinsen. Und das, obwohl Bernanke und Co. noch gar nicht gehandelt haben. Und der Anstieg der Zinsen begann dabei schon vor den unerfreut zur Kenntnis genommenen Aussagen des Notenbankchefs im Juni. Welch immense Konsequenzen ein Anstieg beispielsweise bei zehnjährigen US-Anleihen von gut 1,5 Prozent auf knapp 3 Prozent hat, habe ich in vorangegangenen Kommentaren schon ausführlich erläutert, damit will ich Sie nicht erneut langweilen. Aber genau diese Konsequenzen machen sich momentan bereits am Immobilienmarkt bemerkbar. Andere Bereiche werden folgen. Und würde die Notenbank handeln, würde die Situation sehr schnell deutlich kritischer werden. Deswegen tat man in seltener Einigkeit nichts. Der Hühnerhaufen Offenmarktausschuss war in seiner Angst, einen Fehler zu machen, auf einmal einig. Aber:


Das sollte nicht so interpretiert werden, wie ein Händler am US-Bondmarkt unmittelbar nach diesem Statement sagte. Sinngemäß meinte er, die Notenbanker tun so lange nichts und tasten sich durch den Nebel, bis die Börse auf ihre Maßnahmen (oder eben nicht vollzogenen Maßnahmen) negativ reagiert und ihnen so zeigt, dass sie etwas falsch gemacht haben. Das ist meines Erachtens überzogen, obwohl die US-Notenbank in der Tat in den vergangenen Jahren alles andere als einen klaren Blick bewiesen hat. Das eigentliche Problem liegt meines Erachtens dort, wo es ein Pressevertreter in der Pressekonferenz von Ben Bernanke im Anschluss an diese Notenbanksitzung klar identifiziert hat. Er fragte den Notenbankchef sinngemäß: Wenn eine Reduzierung der Anleihekäufe zu steigenden Zinsen führt und diese steigenden Zinsen das Wachstum abwürgen, kann das „Quantitative Easing“ doch nie beendet werden. Wie wollen Sie da jemals herauskommen? Sie können sich denken, das Bernanke eine Antwort auf diese Frage geschickt umging.

Aber genau das ist des Pudels Kern. Die US-Notenbank – aber genauso die EZB und die japanische Notenbank – sitzen in dieser Hinsicht bis zum Haaransatz in der Tinte. Sie kommen aus dieser Klemme nicht mehr heraus, weil sie wie Goethes Zauberlehrling einfach mal herumgedoktert dort haben, ohne sich über die mittel- und langfristigen Konsequenzen klar zu werden. Wäre es nicht unhöflich und unangemessen, mir würde das Wort „Vollpfosten“ in den Sinn kommen.

Und das ist der Grund, warum ich davon ausgehe, dass die Rallye insbesondere an den Aktienmärkten eher kurzfristiger Natur sein dürfte. Ich meine sogar, dass es über die am heutigen Donnerstag auftauchenden Gewinnmitnahmen hinaus längst deutlich fallende Notierungen geben würde, wäre da nicht am Freitag dieser große Verfalltermin. Überlegen wir mal… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.