Permanenter Dschungelkampf oder: wie die Börse wirklich funktioniert

15. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Weil genau auf Höhe der an diesem Dienstag erreichten, entscheidenden Unterstützungen insbesondere an den US-Börsen Gegenwehr der Bullen aufkam. In meinen Augen deswegen, weil insbesondere die im Derivatemarkt sehr aktiven großen Adressen verhindern wollten (beziehungsweise mussten) dass sich die Kurse zum an diesem Freitag stattfindenden großen Verfalltermin der Terminbörsen zu weit von den von ihnen angestrebten Abrechnungslevels entfernen. Und das setzte eine Kettenreaktion in Gang. Die Unterstützungen hielten, kurzfristige Trader sprangen auf den wieder nach oben fahrenden Zug auf.

Das reichte für den Ausbruch über wichtige Widerstandslinien, die zuvor wochenlang vergeblich beackert wurden. Und das wiederum dürfte auch einiges von dem zuvor zurückgehaltenen billigen Geld europäischer Banken freigesetzt haben, die dies nun einsetzten in der berechtigten Angst, dass ihnen ansonsten der Zug nach oben davonfährt. Dies löste zudem noch Eindeckungen von Short-Positionen nach dem Bruch von Stop-Loss-Levels aus und führte dazu, dass so mancher Akteur im Vorfeld des Verfalltermins auf einmal sein gewünschtes Abrechnungsniveau nicht nach unten, sondern nach oben korrigieren muss.

Und da diese vergangenen Tage zufällig auch von angeblich guten Nachrichten (die Akzeptanz des Schuldenschnitts wurde z.B. als solche gefeiert, obwohl man damit rechnen konnte) begleitet wurde, kommt jetzt auf einmal bei immens vielen Akteuren das Gefühl auf, die Lage sei hervorragend und die Euro-Krise erst einmal im Griff. Dass die Realität eine solche Meinung nicht hergibt, ist völlig zweitrangig. Denn wie oben schon erwähnt: Die meisten Menschen denken nach ihrer Depotausrichtung und nicht mit ihrem Verstand. Und wenn der Wert des Depots zunimmt, ist man bereit alles zu glauben, was die eigene Hoffnung bestärkt, dass es nun auch so weitergehen wird. Wer hätte diese Kette von Faktoren vor einer Woche vorhersehen können? Eben.

Genau deswegen gebe ich keine Prognosen ab. Manch einer mag mir beispielsweise bzgl. meines täglichen Observers vorwerfen, dass ich permanent mit „wenn“ und „aber“ arbeite und mich fast nie festlege, wie es denn nun weitergehe. Natürlich nicht! Weil ich es nicht weiß! Und jeder, der von sich behauptet zu wissen, wo die Kurse in ein paar Wochen oder Monaten stehen werden, muss darauf hoffen, Glück zu haben oder, wenn er daneben liegt, dass die Anleger seine falschen Aussagen schnell vergessen. Was leider recht oft passiert. Wie oft habe ich erlebt, dass angebliche Experten vollmundig voraussagen, was geschehen wird, um dann, wenn das Gegenteil eintritt, zu behaupten, das sie genau das schon immer so gesagt hätten. Witzigerweise finden solche Leute immer wieder ausreichend Kundschaft, den gerade weil sie das Fähnchen nach dem Wind drehen oder allen außer sich selbst die Schuld geben, wenn sie voll daneben liegen, tun sie ja genau das, was so viele Anleger ebenfalls tun. Und einem Bruder im Geiste, ob der Anleger das bewusst wahrnimmt oder nicht, hört man gerne zu. Wenn indes jemand wie ich in meinen täglichen Analysen permanent ein Für und Wider diskutiert, nur Möglichkeiten andeutet und immer wieder ein „wenn … dann“ auftaucht, ist das für viele nicht das, was sie haben wollen. Sie wollen, dass ihnen jemand klar sagt, was passieren wird. Passiert es dann nicht, regt man sich einfach auf und wartet auf die nächste Weissagung. Nichtsdestotrotz werde ich von meinem Weg nicht abweichen, Scharlatane gibt es genug. Zudem, mal ehrlich:

Selbst, wenn man wissen könnte, wo beispielsweise der DAX in vier Wochen oder in einem halben Jahr stünde, was hätte man davon, wenn man nicht weiß, auf welchem Wege er dorthin kommt? Ob es zuerst rauf und dann wieder runter geht oder umgekehrt, ist doch viel wichtiger, denn man verdient am Weg der Kurse, nicht am Abpassen eines beliebig herausgegriffenen Zielpunktes.

Die Börse ist ein undurchdringlicher Dschungel, in dem man für immer ein Lehrling bleibt und sich permanent mit Vorsicht und Wachsamkeit neuer Herausforderungen erwehren muss. Das gilt auch für mich, nach nunmehr 23 Jahren als aktiver Börsianer. Wer glaubt, er wisse bereits alles, ist auf dem besten Wege, heftig auf die Nase zu fallen. Entscheidend ist nicht, wissen zu wollen, wo der Dax an Silvester steht. Das weiß nun einmal niemand. Nein, entscheidend ist nur, im richtigen Moment zu handeln.

Und man muss einfach imstande sein, besonnen, aber entschlossen zu reagieren, wenn sich die Realität, die gestern noch galt, heute schon wieder verändert hat. Das ist nun einmal so, und genau deswegen habe ich mich vor einigen Jahren entschieden, die größten Risiken eines Anlegers, nämlich Selbstüberschätzung und Emotionalität, durch Handelssysteme zu ersetzen, die es einem nicht nur leichter, soll in vielen Fällen erst möglich machen, die eigenen Unzulänglichkeiten zu besiegen und zu tun, was die Kurse vorgeben.

Damit habe ich letzten Endes den genau entgegengesetzten Weg eingeschlagen, den die meisten Anleger gehen. Statt sich wie vom Feldherrenhügel herab eine starre Meinung zu bilden, hinterfrage ich täglich die Situation und versuche, sie so gründlich wie möglich zu analysieren. Einfach, weil ich der Ansicht bin, dass eine fundierte Meinung flexibel bleiben muss und alle relevanten Fakten zu berücksichtigen hat. Auf der anderen Seite agiere ich in meinen Diensten mit Handelssystemen, wo andere stur nach ihrer eigenen Meinung oder gar aus dem Bauch heraus agieren. Klingt für die, die genau anders herum agieren, sicher falsch, langweilig oder „uncool“. Mag sein.

Aber die Erfahrung lehrt nun einmal, dass Emotionen an der Börse genauso empfehlenswert sind wie offenes Feuer in einem Tanklager. Natürlich ist auch dieser Weg kein Kinderspiel, denn nicht nur die zumindest auf Hebel und Kapitalgröße der Positionen mit einwirkende Lagebeurteilung ist in einem stetigen Wandel begriffen, auch diese Handelssysteme selbst müssen immer wieder neu hinterfragt und überprüft werden. Aber dieser Weg ist in meinen Augen dennoch der weitaus stabilere, den wer immer glaubt, Bescheid zu wissen, wer nur hört, was er hören will und für optimale Einstiegspunkte und Gewinnmitnahmen ein sicheres Händchen zu haben glaubt, weil er zweimal nacheinander Glück hatte, liegt spätestens bei der nächsten Trendwende platt auf der Nase flucht auf die Börsen, die ihm wahrhaftig nichts getan haben sondern nur sind, wie sie sind: Eine permanente, aber hoch spannende Herausforderung!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)


Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2 3

Schlagworte: , , ,

6 Kommentare auf "Permanenter Dschungelkampf oder: wie die Börse wirklich funktioniert"

  1. Avantgarde sagt:

    Eben! 🙂

    „Es gibt nichts, was so verheerend ist, wie ein rationales Anlageverhalten in einer irrationalen Welt.“
    (J.M.Keynes)

  2. Johannes sagt:

    „Aber wie kommt dann dieser Leser auf die Idee, ich hätte weiter fallende Kurse vorhergesagt?“

    Thihihihi, die Botschaft entsteht beim Empfänger, Hr. Gehrt. 😉

  3. wanderer sagt:

    Die beste Anlagemöglichkeit für inaktive Geldbestände ist die Investition in Humankapital. Sich selbst „abzusichern“, auf vollen Depots und einem Lebensmittellager zu sitzen, dass für den Rest seines Daseins reicht ist etwas für Egoisten, die das System bei einem Zusammenbruch ausspeien wird.

    Wozu also Geld bunkern, wenn das darauf basierende System eh nur noch am seidenen Faden hängt? Ausgeben ist die Devise, nicht sinnbefreit sondern bewußt in Menschen investiert und dabei nicht knausern. Wenn ein Rentner ihren Gartenzaun streicht geben sie ihm nicht 200 sondern 2000 -dingsda- Euro. Wenn sie ein strahlendes Lächeln auf das Gesicht ihres Dienstleisters zaubern wollen, geben sie ihm ein saftiges Trinkgeld. Wenn der Kontostand im 6stelligem Bereich ist fällt das gar nicht auf.

    Investieren sie in ihr Umfeld! Geben sie jenen noch eine Chance sich abzusichern, die am Ende der Einkommensskala ihr Dasein fristen müssen.

    MfG

  4. dantak sagt:

    Richtig! Erschwerend kommt hinzu, dass viele Kurse über längere Zeiträume auch einfach durch Spieler hin und hergeschickt werden, natürlich um Profite zu machen. Da gibt es rein gar nicht was man als Aussenstehender machen kann, außer Risikomanagement.

  5. […] Ergebnisses. Es ist wirklich wert, dem genauer nachzugehen, denn dies bedeutet, daß man die hier http://www.rottmeyer.de/permanenter-dschungelkampf-oder-wie-die-borse-wirklich-funktioniert/3/ als “permanenter Dschungelkampf” für einen einzelnen Anleger beschriebenen […]

  6. […] Ergebnisses. Es ist wirklich wert, dem genauer nachzugehen, denn dies bedeutet, daß man die hier http://www.rottmeyer.de/permanenter-dschungelkampf-oder-wie-die-borse-wirklich-funktioniert/3/ als “permanenter Dschungelkampf” für einen einzelnen Anleger beschriebenen […]

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.