Permanenter Dschungelkampf oder: wie die Börse wirklich funktioniert

15. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Hier kommt man mit einer festgelegten Meinung keine zehn Schritte weit – und schon gar nicht zu Gewinnen. Man muss die Situation immer wieder neu prüfen, von allen Seiten betrachten, angebliche Fakten genauso wie seine eigene Meinung permanent hinterfragen und bereit sein, auch (und nicht gerade selten) Irrtümer zu erkennen, zu revidieren und gegebenenfalls auch Verluste hinzunehmen, wenn man erkennt, auf dem falschen Bahnsteig zu stehen.

Darauf haben viele Anleger keine Lust und machen es sich einfacher. „So und nicht anders ist das“, „mir brauchst du doch nichts zu erzählen, ich kenne mich schließlich aus“ oder „wart’s nur ab, ich werde Recht behalten“ sind die Standardsprüche für Depots in Seenot. Und liegt man erst mal auf der Nase, findet man sofort jemanden, dem man die Schuld zuschieben kann, und sei es die Börse selbst. So vermeidet man Selbstzweifel und allzu großen mentalen Aufwand. Gerade diese fatale Verhaltensweise ist auch der Grund dafür, warum immer wieder Kursprognosen für alles und jedes gefordert werden, obwohl jeder Anleger mit hinreichend Verstand und Erfahrung wissen müsste, dass Prognosen dummes Zeug sind. Und warum sind sie das?

Weil es eben nicht geht. Die Börse funktioniert wie kommunizierende Röhren – nur noch eine Etage komplizierter. Eine Zunahme des Drucks an einer Stelle führt zu einer Reaktion an einer anderen Stelle, mit der man, was die Börsen angeht, aber oft nicht rechnen kann. Mit ausreichend Sachverstand und der Bereitschaft, hinter den Vorhang zu blicken, kann man zwar in der Regel erklären, warum etwas passiert ist. Man kann es aber sehr selten vorhersagen. Überlegen wir doch mal:

Millionen Menschen auf dieser Welt sind allesamt zeitgleich mit unterschiedlich großem Kapitaleinsatz an den Börsen aktiv. Jeder einzelne hat seine Meinung. Darüber hinaus entscheidet jeder fast immer emotional, ob er im jeweiligen Moment kaufen, verkaufen oder passiv bleiben soll. Dabei nehmen natürlich nicht nur die normalen Rahmenbedingungen der weltwirtschaftlichen Entwicklung Einfluss. Es geht auch darum, ob genügend freies Kapital da ist, um in den einen oder anderen Bereich zu fließen. Das kann von den Rahmenbedingungen völlig unabhängig sein, so wie im Augenblick, wo es insbesondere für die großen Adressen billiges Geld nach Belieben gibt. Es kann in einer anderen Situation aber auch ganz unmittelbar mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängen – beziehungsweise mit dem, was die Mehrheit des Markkapitals (denn die Mehrheit des Kapitals und nicht die Mehrheit der Anleger entscheidet über „rauf“ oder „runter“) hinsichtlich deren Entwicklung erwartet. Natürlich fließen auch völlig unvorhersehbare Ereignisse wie beispielsweise das Erdbeben in Japan, andere Naturkatastrophen, politische Spannungen, Wahlen oder Kriege in die Kursbewegungen mit ein. Zusammengefasst heißt das:

Die Kursbewegungen an den Börsen hängen zu einem großen Teil von nicht vorhersehbaren Faktoren ab, auf welche unzählige Marktteilnehmer dann auch noch je nach Stimmungslage emotional reagieren. Und dazu kommt, dass beispielsweise ein fallender Euro bestimmte Reaktionen bei Rohstoffen oder Aktien nach sich zieht. Die einzelnen Assets haben untereinander also oft noch Bindungen, die jedoch nicht immer konstant bleiben. Und um die Sache noch ein wenig komplizierter zu machen, haben wir nicht nur eine extreme Zunahme der Order-Geschwindigkeit, sondern auch immer mehr Handelsplattformen und computergesteuerte Handelsprogramme, die die Bewegungen einzelner Assets mal so und mal anders miteinander verknüpfen. Mein Beispiel der kommunizierenden Röhren ist da im Vergleich so primitiv wie ein Rechenschieber gegenüber einem Computer.

Nehmen wir doch das Beispiel der vergangenen Tage, seit eben diesem oben zitierten Rücksetzer am vergangenen Dienstag. Die Börsen hätten in der Tat eine größere Korrektur vollziehen können. An diesem Dienstag waren die Rahmenbedingungen dafür grundsätzlich vorhanden. Denn es fehlte an unmittelbaren, bullishen Perspektiven, und die Akteure stellten fest, dass die gute halbe Billion Euro, welche die EZB wenige Tage zuvor unter den europäischen Geschäftsbanken verteilt hatte, bislang ihren Weg an die Börse nicht gefunden hatte. Das in Verbindung mit unerfreulichen Konjunkturdaten aus Europa und einem schon fast drei Monate alten Kursanstieg wäre eine ideale Basis für einen Knick nach unten gewesen. Warum fand er nicht statt? (Seite 3)


Homepage von Ronald Gehrt

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6 Kommentare auf "Permanenter Dschungelkampf oder: wie die Börse wirklich funktioniert"

  1. Avantgarde sagt:

    Eben! 🙂

    „Es gibt nichts, was so verheerend ist, wie ein rationales Anlageverhalten in einer irrationalen Welt.“
    (J.M.Keynes)

  2. Johannes sagt:

    „Aber wie kommt dann dieser Leser auf die Idee, ich hätte weiter fallende Kurse vorhergesagt?“

    Thihihihi, die Botschaft entsteht beim Empfänger, Hr. Gehrt. 😉

  3. wanderer sagt:

    Die beste Anlagemöglichkeit für inaktive Geldbestände ist die Investition in Humankapital. Sich selbst „abzusichern“, auf vollen Depots und einem Lebensmittellager zu sitzen, dass für den Rest seines Daseins reicht ist etwas für Egoisten, die das System bei einem Zusammenbruch ausspeien wird.

    Wozu also Geld bunkern, wenn das darauf basierende System eh nur noch am seidenen Faden hängt? Ausgeben ist die Devise, nicht sinnbefreit sondern bewußt in Menschen investiert und dabei nicht knausern. Wenn ein Rentner ihren Gartenzaun streicht geben sie ihm nicht 200 sondern 2000 -dingsda- Euro. Wenn sie ein strahlendes Lächeln auf das Gesicht ihres Dienstleisters zaubern wollen, geben sie ihm ein saftiges Trinkgeld. Wenn der Kontostand im 6stelligem Bereich ist fällt das gar nicht auf.

    Investieren sie in ihr Umfeld! Geben sie jenen noch eine Chance sich abzusichern, die am Ende der Einkommensskala ihr Dasein fristen müssen.

    MfG

  4. dantak sagt:

    Richtig! Erschwerend kommt hinzu, dass viele Kurse über längere Zeiträume auch einfach durch Spieler hin und hergeschickt werden, natürlich um Profite zu machen. Da gibt es rein gar nicht was man als Aussenstehender machen kann, außer Risikomanagement.

  5. […] Ergebnisses. Es ist wirklich wert, dem genauer nachzugehen, denn dies bedeutet, daß man die hier http://www.rottmeyer.de/permanenter-dschungelkampf-oder-wie-die-borse-wirklich-funktioniert/3/ als “permanenter Dschungelkampf” für einen einzelnen Anleger beschriebenen […]

  6. […] Ergebnisses. Es ist wirklich wert, dem genauer nachzugehen, denn dies bedeutet, daß man die hier http://www.rottmeyer.de/permanenter-dschungelkampf-oder-wie-die-borse-wirklich-funktioniert/3/ als “permanenter Dschungelkampf” für einen einzelnen Anleger beschriebenen […]

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