Permanenter Dschungelkampf oder: wie die Börse wirklich funktioniert

15. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Neulich schrieb mir ein Anleger, dass ich mit der letzten Kolumne ja wohl voll daneben gelegen hätte. Schließlich hätte ich dort vorhergesagt, dass es jetzt zu einer größeren Korrektur, wahrscheinlich aber zu einer Trendwende nach unten kommen werde. Habe ich? Habe ich nicht!

Ich schrieb, dass dieser Rücksetzer die Basis bieten könnte, um zu einer größeren Korrektur oder aber sogar zu einer Trendwende nach unten zu werden, wenn sich die Verunsicherung der Akteure fortsetzen würde und daraufhin entscheidende charttechnische Unterstützungen brechen, wobei ich beispielhaft für den DAX den Bereich 6.350/6.480 hervorhob.

Aber wie kommt dann dieser Leser auf die Idee, ich hätte weiter fallende Kurse vorhergesagt? Ganz einfach … und die Antwort ist bereits ein entscheidendes Element, wenn man jemandem erklären will, wie die Börse wirklich, außerhalb von bunten Prospekten und Werbetexten, funktioniert:

Dieser Leser hat aus meiner Kolumne genau das herausgelesen, was er auch herauslesen wollte, nämlich die Bestätigung seiner eigenen Erwartungen. Und wenn die nicht eintreffen, war derjenige schuld, der das auch gesagt haben soll. Dass derjenige das in Wirklichkeit nicht gesagt hat, interessiert dann nicht im mindesten. Das wirklich Schlimme ist: Solche Menschen sind Legion … denn sie sind viele. Sich aus der Realität das herauszufriemeln, was einem gerade genehm ist und den Rest zu ignorieren oder gar massiv zu bekämpfen, ist leider eine Eigenschaft, die uralt ist und immer mehr um sich greift, je geringer der Kontakt vieler Menschen zur Realität wird. An der Börse kommt einen so etwas am Ende immer teuer zu stehen. Vor allem aus einem Grund:

Solche Denkweisen entscheiden keine Trends. Nun könnten Sie einwenden, dass doch die fast militante Blindheit gegenüber den Risiken im Jahr 2000 oder auch 2007 den Trend sehr wohl entschieden hat, denn gerade dieses verbissene Starren auf das eigene, vollgestopfte Depot führte dazu, dass die Anleger die Warnsignale nicht sahen und nur noch positive Nachrichten zur Kenntnis nahmen, weil sie ihr Denken ihren Depotbeständen angepasst hatten.

Das ist der häufigste Fehler eines Anlegers überhaupt und führt jedes Mal in eine Katastrophe, weil man in solchen Fällen selbst dann, wenn die Kurse längst schon einbrechen, von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt ist und im Notfall noch auf Kredit zukauft, statt auszusteigen. Aber dieser Einwand triff meiner Ansicht nach nicht zu, denn:

Auch, wenn es jeder Anleger eigentlich kapieren müsste, selbst wenn die Medien darüber nie berichten: Die meisten ignorieren, dass Sie und ich mit unseren Depots keine Trends „machen“ können. Und deswegen laufen die Kurse an den Börsen momentan auch nicht deswegen nach oben, weil die Privatanleger sich von der kollektiven Zuversicht der Politiker und Medien einwickeln lassen.

Sie laufen nach oben, weil die großen Adressen über genug billiges Geld verfügen, um es in die Märkte zu investieren. Das tun sie zwar auch deswegen, weil sie sich des Jubels der normalen Anleger über steigende Kurse sicher sein können. Aber sie erkennen im Gegensatz zu den meisten Privaten sehr klar die Risiken und werden diesen Kapitalzufluss blitzschnell stoppen und in Verkäufe verwandeln, wenn sie damit rechnen müssen, dass diese Party endet. Genau in diesem Augenblick ist die Euphorie ob der schon so lange steigenden Kurse unter den normalen Investoren am größten, so dass sie gerne bereit sind, den Banken in noch steigende Kurse hinein deren Bestände abzukaufen. Am Ende ist es wieder der normale Sparer, der mit vollen Depots dasteht, wenn die Kurse plötzlich einbrechen. Das war immer so und wird auch diesmal so sein. Denn das selektive Denken der Mehrheit der Privatinvestoren macht keine Trends – es läuft ihnen hinterher!

Der normale private Anleger hat gegenüber den Volumina der großen Adressen mit ihren computergesteuerten Handelsprogrammen oder direkten, oft milliardenschweren Investmententscheidungen ebenso wenig zu melden wie gegenüber der Unmenge kurzfristiger Zocker, welche die Kurse über die Derivatemärkte beeinflussen. Der Einfluss des normalen Anlegers existiert nur noch indirekt über die Zu- bzw. Abflüsse ihres Kapitals im Fonds oder Hedge Funds. Aber da die Mehrheit dieser Anleger aufgrund ihrer selektiven Wahrnehmung bei Auf- oder Abwärtstrendwenden immer mit großer Verspätung reagiert, sind die großen Kursbewegungen längst absolviert, wenn den Fonds das Geld vor die Tür gekarrt wird oder im Gegenzug die Fondsanteile panisch zurückgegeben werden.

Aber warum denken und handeln so viele Anleger so seltsam? Meine Antwort ist ebenso einfach wie ernüchternd: Weil die tatsächliche Funktionsweise der Börsen die meisten von ihnen schlicht überfordert. Sehen Sie, überall im Leben hat man die Möglichkeit, sich einen Sachverhalt in Ruhe anzusehen, zu überdenken und sich dann eine Meinung zu bilden. Diese Meinung bleibt dann in der Regel ziemlich lange richtig, bisweilen sogar für immer. Aber an der Börse ist das anders… (Seite 2)

Homepage von Ronald Gehrt

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