Perfektes Timing und perfekte Zufälle

16. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Der Postmann in unserem Sender fragte mich heute, ob ich denn gute Nachrichten hätte. „Ich weiß nicht…“ gab ich als Antwort. Peer Steinbrück spricht jedenfalls davon, dass unser Geld sicher sei. Die Bafin sagte es ihm. Herr Steinbrück erzählte auch von unverantwortlichem Rezessionsgerede. Das ist nicht lange her. Sprach er auch nicht von einem sich verselbständigenden Aufschwung?

Oder war es unser Wirtschaftsminister Herr Glos? Ich weiß es nicht. Unser Postmann geht jedenfalls fest davon aus, dass das Geld sicher ist. Das tun alle, naja, fast alle. Und es ist ihr gutes Recht. Doch man hört auch von Bankmitarbeitern, dass besorgte Kunden ihr komplettes Geld aus der Bank schleppen. Doch so einfach ist das nicht. Oft muss man die Summe erst vorher anmelden und ein paar Tage später darf man es in eine Plastiktüte stecken und davon rennen. Vielleicht liegt es dann unter der Matratzen und Teppichen, doch Papier bleibt Papier. Da helfen selbst die Zaubertricks der US-Finanzelite nichts.

Apropos Finanzelite. Nicht für alle scheint es derzeit schlecht zu laufen. Unliebsame Konkurrenz verschwindet wie manch Bergwanderer in Schluchten. Washington Mutual ist in eine solche Schlucht gefallen. J.P.Morgen stand bereit sie aufzufangen, sicherlich aus christlicher Nächstenliebe. Vielleicht war es auch der Deal des Jahrhunderts. Für ein paar Erdnüsse bekommt man nun den Zugang zu den Filialen der armen WaMu und deren Millionen Ex-Kunden. Für das Gründungsmitglied der FED und Anteilseigner der privaten amerikanischen Notenbank ist die gezahlte Summe von 1,9 Mrd. USD nicht sonderlich viel im Gegensatz zu den erwarteten Gewinnen in einer vielleicht sonnigeren Zukunft. Die Synapsen feuern nach rechts und links. Auch die Bank of Amerika könnte Glück gehabt haben, als sie die Gunst der Stunde genutzt hat und die arme Merrill Lynch in den Schoß nahm. Goldman Sachs ist jetzt eine ganz normale Bank mit dem Vorteil, die FED anpumpen zu können und ausgestattet mit frischem Geld von Warren Buffett. Würde es doch nicht wundern, wenn man sich schon bald auf Einkaufstour macht, um ein paar kleine Schnäppchen aus dem Teich der Strampelnden zu fischen. Vielleicht gibt es ja bald nur noch eine einzige Bank? Welcher CEO würde nicht davon träumen…

Das Timing für das Ende von Washington Mutual scheint perfekt gewesen zu sein. Wenige Stunden vor der Entscheidung über das „Rettet-uns-Banker“-Programm in Höhe von derzeit 700 Mrd. USD hätte doch manch Kongressabgeordneter etwas Panik bekommen können. Man hätte zwar auch den Dow ein paar hundert Punkte absaufen lassen können, doch warum so kompliziert? Ein Kniefall von Henry Paulson vor der Kongressfrau der Demokraten Frau Pilosi hat die Dramatik medienwirksam unterstrichen. Das Ding geht am Wochenende über die Bühne. Wetten? Doch welch Schauspiel das Schaulaufen um dieses Programm in dieser Woche doch geboten hat…

Herr Bush schaute mich heute Nachmittag aus dem Fernsehgerät an. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Er kam aus einer Tür, sagte etwas und ging wieder. Was könnte er gemeint haben? Was hatte er vorher gegessen und getrunken? Neulich meinte er, dass das Ausland zehn Jahre lang Geld in die USA überwiesen hat. Statt eines Dankeschön konnte man aber verstehen, dass sich das Ausland an der Krise mitschuldig gemacht haben könnte. Vielleicht sollte ich nicht mitten in der Nacht fernsehen oder mein Ohr putzen.

Unser Postmann spekuliert wohl nicht an der Börse. Sonst hätte er ab und zu mal nach der einen oder anderen Aktie gefragt. Die richtigen Spekulanten, die hartgesottenen Leerverkäufer und Schrotthändler, auf die wird man sich wohl bald einschießen können. Es braucht Schuldige. Man sagt zwar noch nicht, es seien Terroristen der Finanzmärkte, doch auch das kann ja noch kommen. Besondere Zeiten erfordern eben besondere Maßnahmen. Und darauf kann man ja schon mal spekulieren, solange es noch nicht verboten ist.

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