Papiergeldkönige

24. August 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Stelldichein der Notenbanker in Jackson Hole…

Ab heute rückt Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming für drei Tage ins Zentrum der Papiergeldwirtschaft. Höhepunkt des alljährlichen Treffens von Notenbankern, Bankchefs und Wirtschaftswissenschaftlern aus aller Welt werden die Reden von Fed-Chefin Janet Yellen und EZB-Chef Mario Draghi am Freitag sein.

Für Yellen dürfte dies vermutlich ihre letzte Jackson-Hole-Rede werden, denn ihre Amtszeit endet im Februar 2018.

Derzeit sieht es nicht danach aus, dass US-Präsident Trump Yellen für eine zweite Amtszeit nominieren wird. Ganz ausschließen kann man es dennoch nicht, denn einerseits wirkt Trump in Personalfragen etwas sprunghaft und andererseits scheint er auch nicht mehr in Fundamentalopposition zu Yellen zu stehen.

Inwieweit auf beiden Seiten der Poker um die Nominierung eine Rolle spielt, ist schwer zu beurteilen. Solange Trump Yellen zappeln lassen kann, hat er jedenfalls Oberwasser. Es wird daher vermutet, dass sich Yellen in ihrer Rede eher grundsätzlich äußern wird. Einige Kommentatoren sprechen bereits von ihrem „Vermächtnis“, was uns aber etwas hochgegriffen erscheint.

Auch bei EZB-Chef Draghi ist es eher unwahrscheinlich, dass er das Forum diesmal für bahnbrechende Ankündigungen nutzen wird, etwa hinsichtlich der Zukunft des Anleiheankaufprogramms der EZB. Darüber wird der EZB-Rat nämlich erst im Herbst entscheiden. Zumindest wäre es kein guter Stil, den Rat in dieser Frage bereits jetzt zu präjudizieren.

Andererseits hat gerade Draghi bewiesen, dass er in außergewöhnlichen Zeiten auch zu außergewöhnlichen Maßnahmen greift. Da werden Stilfragen schnell nebensächlich. Die Tagung beschäftigt sich dieses Jahr übrigens mit der Frage, wie die Banker eine dynamische Weltwirtschaft unterstützen können. „Dynamische Weltwirtschaft“, alles klar. Zudem klingt die freundliche „Unterstützung“ aus diesem Kreis irgendwie bedrohlich. Schließlich haben wir es hier nicht mit unbeschriebenen Blättern zu tun.

Rekordpessimismus

An bedrohliche Szenarien sollten sich die Marktteilnehmer über die letzten Jahre aber eigentlich gewöhnt haben. Dennoch ist der Pessimismus derzeit außergewöhnlich hoch. Theoretisch unterstützt hoher Pessimismus die Börse, während ihr hoher Optimismus eher schadet. Obwohl es also viele gute Argumente für fallende Kurse gibt – politische Unsicherheiten, geopolitische Verwerfungen, schwierige Saisonalität –, ist all das für die Marktteilnehmer nicht neu oder überraschend.

Echter Dispositionsbedarf ergäbe sich nur, wenn sich an den Einschätzungen und/oder Erwartungen etwas ändert. Je pessimistischer man aber bereits ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich die Überraschung auf der negativen Seite befindet. Einen Gastbeitrag von Manfred Hübner, dem Gründer und Geschäftsführer der sentix GmbH, finden Sie übrigens im brandneuen Smart Investor 9/2017, der zum Wochenende erscheint.

Was am aktuellen Extrempessimismus allerdings auffällt: Dieser korrespondiert nicht mit großen Tiefpunkten an den Märkten. Im Gegenteil. Viele Märkte haben gerade einmal wenige Prozentpunkte von den zuvor erreichten Höchstständen korrigiert. Extremer Pessimismus ist auch nicht gerade das, was man unter der berühmten „Mauer der Angst“ versteht, an der die Kurse emporklettern. Das ist eher eine Art Skepsis gegenüber der Aufwärtsbewegung, die aber üblicherweise nicht derart extreme Ausprägungen erreicht. Das „Missing Link“ zwischen Höchstkursen und Extrempessimismus dürften einmal mehr unsere „Papiergeldkönige“ aus Wyoming sein (s.o.), von denen seit einiger Zeit auch selbst munter Aktien gekauft werden, egal wie die Stimmung ist.

Ausbleibende Abwärtsdynamik

Auch der DAX bewegt sich weiter im Spannungsfeld widerstrebender Kräfte (vgl. Abb.).

Nach der vollendeten Schulter-Kopf-Schulter-Formation (rot) und dem Bruch des Aufwärtstrendkanals (blau) war die Standarderwartung klar auf weiter fallende Kurse gerichtet. Tatsächlich gaben die Kurse zunächst auch nach, eine dynamische Abwärtsbewegung wurde bislang jedoch nicht daraus.

Stattdessen fand das Kursgeschehen – bis auf wenige Ausrutscher – seither innerhalb einer Rechteckformation (grau) statt. Falls man diese als Konsolidierungsformation interpretiert, wäre die Erwartung aus einer solchen Interpretation, dass dieses Rechteck nach unten verlassen wird, die Abwärtsbewegung also wieder fortgesetzt wird.

Aber auch am Dienstag tat der DAX nicht, was man von ihm erwartete. Mit einer konstruktiven Bewegung meldete sich der deutsche Leitindex kraftvoll zurück. Heute lugte er sogar kurzzeitig über den Abwärtstrend seit dem Allzeithoch (grüne Linie / gelbe Markierung). Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe war er allerdings bereits wieder darunter gefallen. Ein nachhaltiges Überschreiten dieser Linie wäre ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zu alten Gipfeln.

Fazit

Jackson Hole war schon für so manche Überraschung gut. Diesmal sieht es jedoch nach einer gewissen Zurückhaltung der Akteure aus. Für die Börsen wiederum könnte dies durchaus positiv sein.
Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor



Das Undenkbare ist das neue Wahrscheinlich

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

Von Stefan Preuß

„EZB: Bundesverfassungsgericht hat Bedenken gegen Anleihekäufe“ (manager-magazin.de)

Das Bundesverfassungsgericht lässt die Staatsanleihekäufe der EZB vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) überprüfen. Es bestünden Zweifel, ob mit den Anleihekäufen nicht verbotenerweise Staaten finanziert würden, ließ das Gericht wissen. Das fällt dem Gericht früh auf. Seit März 2015 bereits laufen mehrere Verfassungsbeschwerden gegen das EZB-Ankaufsprogramm, doch erst jetzt brechen sich die Zweifel Bahn.

Und gerade so, als ob die Karlsruher Richter jeden Vorwurf des Zeitspiels vermeiden wollten, beantragten sie nunmehr ein beschleunigtes Verfahren – „weil die Rechtssache eine rasche Erledigung erfordert.“ Ja, angesichts der Hunderten von Milliarden Euro Bilanzverlängerung bei der EZB seit 2015 kann Realsatire so richtig trocken daherkommen.

Kläger sind der AfD-Gründer Bernd Lucke, der frühere CSU-Politiker Peter Gauweiler und der Berliner Professor Markus Kerber. Sie meinen, das Risiko für den deutschen Steuerzahler sei unverhältnismäßig hoch, weil Deutschland haften müsse, wenn ein totaler Wertverlust der aufgekauften Staatsanleihen eintrete. Diese Argumentation entbehrt ebenfalls nicht einer feinen Ironie. Denn wenn diese ungeheure Menge an Anleihen komplett ausfällt, ist Papiergeld Geschichte und der deutsche Staatshaushalt Folklore.

Vor Trump, Brexit und dem Dieselskandal hätte man ja gesagt: Naja, was soll das Gericht schon machen? Da wird ein bisschen mit dem Zeigefinger gewedelt und die Sache geräuschlos durchgewunken. Normative Kraft des Faktischen und so, da könne man jetzt nicht mehr zurück. Doch das Undenkbare ist das neue Wahrscheinlich, und so könnten die Richter theoretisch das Ankaufprogramm für illegal befinden.

Angesichts des dann zu erwartenden Bebens an den Finanzmärkten wurde die Nachricht über die Entscheidung des Verfassungsgerichts hierzulande einigermaßen stoisch aufgenommen. Vielleicht rettet ja doch Zeitspiel die Situation: Auch ein beschleunigtes Verfahren wird seine Zeit beanspruchen – zum Beispiel, bis die EZB die Anleihekäufe ohnehin drosselt.

Print Friendly, PDF & Email

 

Ein Kommentar auf "Papiergeldkönige"

  1. astroman sagt:

    Ich wage eine Prognose zur Antwort des EuGH: „Sofern die Anleihekäufe in einem gewissen und begründeten Rahmen vollzogen werden, sind sie rechtskonform.“

    Nothing to be seen here. Please move along.

    Was soll sie sonst auch sagen?

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.