Otmar Issing: Schluss mit den Seitensprüngen!

21. Juli 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Frank Meyer (auf n-tv)

Ich hatte die Gelegenheit, mit Prof. Otmar Issing, dem früheren Chefvolkswirt der EZB an der Börse auf n-tv zu sprechen. Eine Plauderei inmitten von Geschrei in und um Europa über Verträge, Regeln, Eurobonds, Begriffe und auch Seitensprünge…

Herr Prof. Issing, die Situation ist sehr verfahren, Wie schätzen Sie die Lage ein? Hat man überhaupt noch einen Überblick über die ganze Angelegenheit?

Das ist schwer zu behaupten. Ich weiß nicht, ob irgendjemand den vollen Durchblick hat. Es gibt so viele Stimmen. Es ist ein chaotisches Stimmengewirr, was die Märkte und die Bürger verunsichert. Und es untergräbt das Vertrauen in die Politik.

Also man weiß nicht, was man machen soll. Was würden Sie denn machen?

Einen Ansatz, der klar macht, dass in der Zukunft Regeln, die man unterschrieben hat, Verträge, die man feierlich beschworen hat, auch wieder eingehalten werden.

Das war damals eine „gute alte Zeit. Das passt doch heute gar nicht mehr, habe ich den Eindruck.

Ja, aber auch in einer schlechten neuen Zeit geht es nicht ohne das Prinzip Pacta sunt servanda (Verträge sind zu halten) Die europäische Währungsunion ist auf Verträgen aufgebaut. Der Stabilitätspakt gehört dazu. Wenn nicht, und Deutschland hat ihn ja 2003/04 gravierend verletzt, wo soll das enden? Wie soll man dann dem glauben, was neu beschlossen wird?

Das ist doch wie ein Ehevertrag. Und dann gibt’s den Seitensprung. Das Vertrauen ist dann futsch. Da helfen wahrscheinlich auch keine Blumen..

May be. Ja. Einige gehen vielleicht auch noch, aber eine Sequenz von Seitensprüngen, ohne dass man sieht, dass die Ehe wieder in ruhiges Fahrwasser kommt, das kann es nicht sein.

Es sieht aber danach aus, als ob man noch mehr Seitensprünge machen muss, und zwar täglich drei, vier fünf…

Naja, solange sich die Partner das verzeihen und entschlossen sind, eine stabile Ehe weiter zu führen… Daran fehlt es. Und das ist nicht sichtbar. Man sieht nicht, dass Seitensprünge Verletzungen sind, sondern die Seitensprünge werden ja, um in Ihrer Sprache zu bleiben, zum Regelfall.

Also eine Vernunftehe ohne Verständnis. Man muss zusammen bleiben. Muss man das wirklich? Was würde denn passieren, wenn Griechenland aus dem Euro raus gehen würde?

Ich habe es früher für völlig ausgeschlossen gehalten, dass ein Land aus der Währungsunion ausscheidet. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Und ich bin mir auch nicht mehr so sicher, ob das nicht das Beste wäre, wenn in einem Fall deutlich wird, dass Regelverletzungen ein schlimmes Ende nehmen.

Man kann Griechenland deswegen trotzdem weiter Hilfe geben von außen, aber nicht innerhalb der Währungsunion. Eine Umschuldung Griechenlands, sagen wir, die Hälfte der Schulden wird gestrichen, und das Motto, es kann dann so fröhlich weitergehen wie bisher, wäre wirklich der GAU. Die Ansteckung würde sofort eintreten. Kein Land und keine Regierung könnten der Bevölkerung wie in Irland solche Härten zumuten, wenn es doch so viel leichter gehen könnte…. (Seite 2)

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