Options-Zauberlehrlinge und ihre Geister

28. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Das laufende Jahr beendet eine über Jahre anhaltende Dürre. Bis vor kurzem ging die Anzahl der Privatinsolvenzen in den USA zurück. Das hat sich geändert. Man geht wieder pleite…

Die Jahre 2008 und 2009 verursachten nicht nur an den Immobilienmärkten der Staaten ein Chaos. Die sich anschließende Rezession führte zu einer dramatisch angestiegenen Zahl privater Insolvenzen. Die folgende wirtschaftliche Erholung führte, obwohl sie nicht sonderlich dynamisch verlief, auch bei den Bürgern zu einer Entspannung. Diese Erholung schwächt sich seit geraumer Zeit ab. Nun steigt auch die Zahl der Konsumentenpleiten wieder an. Dies alles passt ins Bild einer sich abschwächenden Wirtschaft, einer sinkenden Nachfrage nach Krediten und allgemein verblassender Konsumneigung. Die Pferde wollen vielleicht noch saufen sind aber pleite.

Ein probates Mittel gegen die nahende Pleite meint mancher Anleger nun allerdings gefunden zu haben. Das neue Hobby ist der Leerverkauf von Optionen. Dieses finanziell gefährliche Hobby ist unter Privatinvestoren in den USA derzeit sehr beliebt.

Viele Anleger setzen ihre „Strategien“ direkt über ihren Broker um. Andere, die vielleicht gar nicht wissen, wie man so eine Order platziert und sich nicht beim Geldverdienen noch mit lästigen Fakten und Mühen herumschlagen wollen, kaufen gleich ein fertiges Produkt. Da man ohnehin reich wird, kommt es offenbar auf weltliche Dinge wie Gebühren nicht mehr an.

Auf Grund der großen Nachfrage und des vermeintlich hervorragenden Chance-Risiko-Profils springen in letzter Zeit noch zahlreiche Fondsanbieter auf den bereits seit Jahren fahrenden Zug auf. Bei diesen Fonds darf man ausnahmsweise davon ausgehen, dass die Gebühren wirklich dauerhaft nicht das größte Problem sein werden. Immerhin sinken mit fallenden Fondspreisen auch die Fixkosten. Ein vertrockneter Rasen muss nicht gemäht werden, alles hat seine positiven Aspekte.

Mindestens zwei Probleme kommen dem Betrachter in den Sinn. Zum einen ist den Menschen das wahre Risikoprofil ihres Vorgehens nicht bewusst. Die Charts die sich viele anschauen, beziehen sich auf Perioden, in denen der Leerverkauf von Optionen profitabel war. Offenbar gehen viele von einer Symmetrie der Gewinnchancen und Verlustrisiken aus. Das ist ein Fehler, der finanziell über nacht tödlich sein kann.

Wer Optionen leerverkauft erhält eine kleine Prämie. Verfällt diese Option wertlos oder weist diese zur Fälligkeit einen geringeren Preis als die vereinnahmte Prämie aus, macht der Anleger einen Gewinn. Liegt der Preis der Option bei Fälligkeit höher als die vereinnahmte Prämie, fällt ein Verlust an. Der Gewinn ist folglich auf die Prämie begrenzt, der Verlust kann ein Vielfaches betragen. Ein Vielfaches meint hier übrigens keine Kleinigkeiten wie das Drei- oder Vierfache.

Auch um das Hundertfache seines Einsatzes zu verlieren braucht es nicht unbedingt einen Kometeneinschlag. Statt 200 Dollar mehr Rente heißt es dann Rente ohne Haus, denn natürlich kann man mit diesen Strategien viel mehr verlieren als man besitzt. Wenn das für Sie ebenso unattraktiv wie gefährlich klingt, sind Sie für manche Zeitgenossen derzeit ebenso unmodern wie wir. Einen Anlass unsere Einschätzung zu ändern sehen wir trotzdem nicht.

Der unten stehende Chart zeigt den Gewinn und Verlust dieser Position in Abhängigkeit vom Stand des S&P 500 zur Fälligkeit. Die harmlos klingende Beschäftigung des Put-Writing hat durchaus das Zeug zum systemischen Risiko. Gut 7% der Halbjahre seit 1871 führten zu Drawdowns von mehr als 15%. Im Mittel lag der Drawdown in diesen Halbjahren bei -22%, da wird es schnell richtig teuer. Für einen 2.200er Put auf den S&P 500 mit einer Laufzeit bis Mitte September erhält der Verkäufer aktuell 560 Dollar. Bei einem Kurseinbruch von rund 30% zur Fälligkeit liegt der Verlust in etwa beim Hundertfachen. Eine Monatsmiete gewonnen – und ein Viertel vom Haus verspielt. Hoffentlich hatte man nicht aus Versehen vier Optionen im Depot.

Schön zu sehen ist der festgezurrte maximale Gewinn und das nicht begrenzte Verlustpotential. Man muss nicht 1987 bemühen, um den Anleger zum Opfer einer finanziellen Katastrophe zu machen. Es muss ja nicht immer so katastrophal enden. Aber auch ein 20%iger Rückgang innerhalb eines Quartals kam im Zeitraum von 1870 bis 2017 immerhin in 7% der Zeit vor.

Viele Fonds verfolgen solche Ansätze übrigens nicht auf Basis eines reinen Cash-Accounts. Sie nutzen in der Regel zusätzlich Wertpapierkredite, sprich sie spekulieren gehebelt. So sollen die Renditen gesteigert werden, die durch die niedrigen Volatilitäten eher bescheiden ausfallen. Der Haken daran ist, dass das Kreditrisiko bei steigendem Marktrisiko vergrößert und nicht verringert wird. Es ist in etwa so, als wenn eine Firma sich zu einem Zeitpunkt niedriger Zinsen und rekordhoher Margen aggressiv langfristig verschuldet. Es sieht im Augenblick schlau aus, ist aber die Grundlage für große Probleme in der Zukunft. An die Idee bei zu niedrigen Volatilitäten diese Ansätze nicht mit Kredit zu hebeln, sondern lieber mal pausieren zu lassen, ist offenbar niemand gekommen. Man sollte lieber schnell darüber nachdenken.

Das ganze nennt man ein asymmetrisches Auszahlungsprofil. Fällt der Index nicht um einen bestimmten Wert, so wird eine kleine Prämie vereinnahmt. Fällt der Index stark, verliert man einen hohen Betrag. Fällt er ein bisschen zu stark ist man pleite.

Fazit: Finger weg.

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2 Kommentare auf "Options-Zauberlehrlinge und ihre Geister"

  1. Aristide sagt:

    „denn natürlich kann man mit diesen Strategien viel mehr verdienen als man besitzt. “

    Müsste es nicht „verlieren“ anstelle von „verdienen“ heißen?

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