Olympischer Absturz

27. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Weltweit haben Millionen Sportfreunde die verschiedensten Wettkämpfe der olympischen Spiele in London vor dem Fernseher verfolgt. Neben dem schnellen Rennen und weiten Springen hätte auch die Disziplin des raschen Fallens mehr Beachtung verdient. In dieser Disziplin waren die britischen Hauspreise pünktlich zu den Spielen topfit…Die britischen Immobilienpreise kamen in den vergangenen Monaten nach einer längeren Seitwärtsbewegung wieder ins Rutschen. Auf einen bereits schwachen Juli folgte im August ein erneuter Rückgang um 2,4%, der Monat stellt somit den schwächsten August seit Beginn der Datenerhebung dar. Der mittlere Hauspreis fiel innerhalb eines Monats um £5.387. Seit Anfang Juni gingen die Preise im Mittel um £9.500 zurück, ohne dass sich in der Breite neue Nachfrage auftat.

Besonders hübsch war die Begründung von Rightmove. Schuld an den sinkenden Preisen sollen die olympischen Spiele gewesen sein, die potentielle Käufer davon abgehalten hätten, ein Haus zu kaufen. Die Verkäufer hingegen waren laut Rightmove weniger sportbegeistert, weshalb sie weitere Immobilien offerierten. Interessant …

Rightmove claimed that the Olympics was the main reason for the decline as new buyers stopped spending time on searching for a new home to enjoy watching the London Olympics.

However, though the Olympics impacted on the habits of property buyers, sellers were still putting properties on the market. This led to a 2.4 per cent fall in the asking prices for new sales compared to July.

Eine bemerkenswerte Aussage, vor allem wenn man bedenkt, dass bereits der Vormonat mit einem Minus von 1,7% der schwächste Juli seit vier Jahren war. Sicher war es seinerzeit die Vorfreude auf den internationalen Kugelstoßwettbewerb, die für geringes Interesse sorgte. Möglicherweise war auch gutes Angel- oder schlechtes Ausgehwetter.

Der dezente Hinweis von Mister Shipside sollte für Verkäufer mit gesundem Menschenverstand überflüssig sein.

Miles Shipside, director of Rightmove, said that typical unsold stock levels are still “stubbornly high” at 75 houses per estate agency branch across the country.

He said: “Those keen to sell need to be clear on what it will take to make their property a compelling buy.

“The fact that we have not seen major price falls in the UK and that many areas are not awash with agents’ ‘For Sale’ boards may lead some sellers to be over-optimistic with their pricing.

What it will take to make their property a compelling buy? Wie wäre es mit sinkenden Preisen. Viele Besitzer befinden sich im für derartige Marktphasen typischen Zustand des Leugnens. „Die Preise steigen wieder, und wenn sie noch 5% klettern, verkaufe ich.“ Natürlich kann ein Verkäufer im Einzelfall Glück haben und jemanden finden, der auf das Angebot anspringt. In der Breite funktioniert das nicht. Da die Marktbereinigung in UK noch nicht sehr weit gediehen ist, und der Markt auf Grund der fehlenden Bereitschaft, die Preise schneller zu senken, weiterhin sehr zäh ist, baut sich bei wachsenden Beständen deutliches Abwärtspotenzial auf.

Das Muster ist bekannt und in ähnlicher Weise seit einigen Quartalen auch in Australien zu beobachten, wo die Abwärtsdynamik zuletzt deutlich zugenommen hat. Jemandem, der verkaufen muss, kann man nur den alten Ratschlag stop the bleeding geben. Das Geschäft rasch abzuschließen, auch wenn der Preis tiefer ist, als mancher sich das wünschen mag, ist langfristig meist die bessere Idee und kann vor allem für hoch verschuldete Haushalte finanziell lebensrettend sein. Große und illiquide Märkte, wie es Immobilienmärkte nun einmal sind, drehen sich nicht so schnell wieder um, wenn sie einmal Fahrt aufgenommen haben.

Nicht nur private Immobilienbesitzer stehen vor ernsten Problemen. Gerade der bei vielen Auslandsinvestoren über Jahre über jegliches rationale Maß beliebte Gewerbeimmobilienmarkt in Großbritannien ist wie eine Comicfigur schon lange über die Klippe gelaufen und läuft derzeit nur noch auf heißer Luft. Viele vermeintliche Prestigeprojekte stehen auch in London leer, verursachen Kosten und stehen in der Gegend rum.

Für Banken und Anleger droht somit weiterer Ungemach. Der britische Markt hat mit 26% den größten Anteil am europäischen Markt für Gewerbeimmobilien (CRE). Das Volumen der Kredite in diesem Bereich beträgt in UK rund £400 Mrd. Den Ausfallraten ist das hoffnungsfrohe Warten auf Firmen, die ihr Geld für Protzmieten aus dem Fenster werfen wollen, egal. Sie steigen und liegen in Großbritannien bereits jetzt bei mehr als 25%.

Das meiste, was mehr als hundert Meter in den Himmel ragt, in der Sonne glänzt und Touristen beeindrucken mag, ist schlichtweg nicht bezahlt. Fehlen die Cash-Flows über einen längeren Zeitraum, wird es mit der Finanzierung eng. So kommen die Banken dann an ihre Sicherheiten, die dann dummerweise zu den Buchwerten niemand mehr haben will. Schon lästig, so eine langanhaltende Wirtschaftskrise, in der die ganzen Kirmes-Modelle zur Immobilienfinanzierung auseinanderfallen.

Befragungen zeigten auch Monate nach der Fertigstellung einiger Prestigebauten eine sehr schwache Auslastung. So wurde der Heron Tower vor einem halben Jahr fertiggestellt, bisher sollen noch 75% leer stehen. Es könnte an der Miete liegen, denn diese soll rekordverdächtige £1.600 pro Quadratfuß betragen. Der Mittelwert in der Hauptstadt liegt laut Jones Long LaSalle bei £734. Zur Einordnung, im Heron Tower soll der Mieter pro Quadratmeter damit schlappe 21.800 Euro berappen, ein Schnäppchenpreis, der offensichtlich noch nicht allzu viele Bewohner locken konnte.

Auch weitere Bauten stehen angesichts der bereits jetzt vorhandenen Überkapazitäten vor Vermietungsproblemen. Das Türmchen The Shard befindet sich im Bau und konnte bisher Presseberichten zufolge erst einen Kontrakt über ein Viertel der Etagen verbuchen. Schlimmer sieht es wohl beim The Pinnacle aus. Trotz eines Rettungskredits der HSBC liegt der Bau des 64-stöckigen Gebäudes auf Eis. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele. Die Probleme sind nicht auf Großbritannien beschränkt, auch in anderen europäischen Großstädten sind Entwickler darauf angewiesen, Fantasiemieten einzufordern, damit die Projekte sich rechnen. Auf Dauer kann das nicht funktionieren. Für die britischen Banken und viele internationale Investoren, die sich auf den Dummsprech vom „most mature market“ verlassen haben, wird das ein teurer Spaß.

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5 Kommentare auf "Olympischer Absturz"

  1. samy sagt:

    Moin,

    ein schöner Artikel, der auch mal wieder daran erinnert, dass in GB auch andere Themen relevanter sind, als Prince Harry’s Kronjuwelen.

    Ich will einmal an den Scysraper-index erinnern, der einen Zusammenhang zwischen den höchsten Gebäuden der Welt und bevorstehenden Wirtschaftskrisen aufzeigt.

    Nun werden in London nicht die höchsten Gebäude gebaut, aber dieser verblendete Glauben daran, es gehe immer aufwärts, gepaart mit Krediten, dass scheint ja auch in London der Fall zu sein. Klassische Blasenbildung eben.

    http://www.businessinsider.com/skyscraper-index-skyscrapers-signal-financial-recession-2012-1?op=1

    Ansonsten fehlt mir oben in der Liste Wohnraum in Kleinstädten bzw. auf Dörfern.

    VG

  2. Beobachter sagt:

    Warum hier so viele Agarflächen als Investment sehen ist mir schleierhaft. Zum einen kann das Wetter oder Schädlingsbefall die Ernte vernichten. Wer sich nen Forst kauft sollte auch an den Sturm vor paar Jahren denken der Über Deutschlang fegte und die Preise für Holz sanken in den Keller. Es gab vor nicht all zu langer Zeit in Polen auch einen Sturm der viel Bäume entwurzelte. Danke EU wird sich auch jeder Sturm auf die heimischen Holzpreise auswirken.

    Ausserdem: Wenn zu viele Investoren in die Forstwirtschaft (in Osteuropa) investieren kommt es auch zu einer Blase und das Geld wird gnadenlos vernichtet.

    Ob Mietwohnungen was abwerfen mit zunehmend strengeren EU Vorschriften bezweifel ich. Kleine Häuser vermutlich wenig, Mietkasernen wohl mehr.

    Stellplätze/Garagen könnten interessant werden dann zu vielen Autos in diesem unseren Land.

    Der Rest, naja, eher was für Experten.

    Wo ich was sehe sind Villen und Schlösser aus Gründerzeiten in Osteutschland die man für paar hunderttausend Euro bekommt.
    Renovieren und für den Tourismus/Wellness Bereich erschliessen könnte was bringen.

    • stephan sagt:

      @Beobachter:

      Zu Ihrer Frage: „Warum hier so viele Agarflächen als Investment sehen ist mir schleierhaft.“

      Menschen sind so veranlagt, dass Sie immer in die Assetklasse investieren, die Ihnen aufgrund der Informationslage die größte Sicherheit oder auch den größten Ertrag verspricht. In diesem Fall dürfte es die Sicherheit sein, denn die Wirtschaft macht im Übrigen nicht den Eindruck, dass man mit Büros etc. demnächst das große Geld verdient. Wenn es tatsächlich zu einem großen Wirtschaftseinbruch kommt, wird auch mit Mietwohnungen nichts zu holen sein. Bekanntlich sind die Reallöhne schon seit einiger Zeit nicht mehr am steigen.

      Zum Bereich Tourismus/Wellness in Ostdeutschland: In solchen Immobilien sind regelmäßig gewaltige Investitionen erforderlich, um sie für den angesprochenen Zweck flott zu machen. Das haben mit Sicherheit schon Profis durchgerechnet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht lohnt. Der Großteil der Bevölkerung wird bei kräftig steigenden Lebenshaltungskosten ohnehin immer weniger Mittel für Tourismus/Wellness übrig haben. Übrig bliebe als Zielgruppe bliebe also die zahlungskräftige Klientel, die aber schon derzeit mit entsprechenden Angeboten nicht unterversorgt ist.

  3. gilga sagt:

    „Warum hier so viele Agarflächen als Investment sehen ist mir schleierhaft. Zum einen kann das Wetter oder Schädlingsbefall die Ernte vernichten. Wer sich nen Forst kauft sollte auch an den Sturm vor paar Jahren denken der Über Deutschlang fegte und die Preise für Holz sanken in den Keller. Es gab vor nicht all zu langer Zeit in Polen auch einen Sturm der viel Bäume entwurzelte. Danke EU wird sich auch jeder Sturm auf die heimischen Holzpreise auswirken.“

    Kaufen ist ja nicht gleichzusetzen mit auch selber bewirtschaften.

    Fies gesprochen: Was interessiert den Verpächter ob der Pächter mit der Agrarfläche Gewinn macht (so lange nicht die Fläche an sich daran Schuld und damit in Zukunft nicht weiter verpachtbar ist und genug Nachfrage existiert)? Der Verpächter will seine Pacht und gut.

    Im Gegensatz zu Wohnraum und gewerblich nutzbarer Fläche ist man hier ggf. etwas freier: Ob eine Stadt hipp ist und wie die gesellschaftl. und ökonomische Entwicklung ausfällt ist ggf. für Ackerland nicht ganz so bestimmend wie für entsprechende Immobillien.
    Vermutlich lässt sich hier mit weniger Geld auch schon mehr streuen als bei klassischer Investition in Beton?

    Stimmt das Alles? Ich weiß es nicht…

    Ich denke hier spielt bei den Meisten der erhoffte Langfristeffekt die größte Rolle: Mehr Menschen + weiter Umweltzerstörung etc. => mehr Bedarf für nutzbares Ackerland. Ob die Preise für Ackerland momentan zu hoch (soll ja durchaus viele Investoren in dem Bereich geben => zum Teil wohl erhebliche Preissteigerungen) oder zu niedrig sind bleibt abzuwarten.

  4. 4fairconomy sagt:

    Immer wieder gern gelesen! Und immer wieder der gleiche Sachverhalt: Geld in Immobilien investiert als vermeintlich sicheren Wert erweist sich als Rohrkrepierer: Japan, USA, Irland, Spanien, Australien, China, Schweiz in den 80er Jahren usw. Wobei aus dieser Fehlallokation schlimme volkswirtschaftliche Schocks entstehen können, wie wir wissen und wie wir noch lange darunter zu leiden haben werden.

    Ich hoffe, man wird daraus die Lehre ziehen, dass Geld in Boden investiert volkswirtschaftlich schädlich ist und unterlassen werden muss. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…Boden (nicht aber die darauf gebauten Anlagen) als Geldanlage macht schlicht überhaupt kein Sinn: Ersparnisse werden dafür gebunden stastt für produktive Zwecke zur Verfügung zu stehen, steigende Bodenpreise führen zu einer sinkenden Kaufkraft und zu Blasenbildungen. Auf der ganzen Linie nichts erfreuliches aus volkswirtschaftlicher Sicht.

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