Ohne Kompass aufs Gas? Zurück in die Fahrschule!

3. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Mit atemberaubender Geschwindigkeit breitet sich ein Interventionismus aus, dessen Sinnhaftigkeit die Handelnden nicht einmal selbst befriedigend erklären können. Gas + Bremse – nun auch offiziell. Noch im letzten Weekly staunten wir ungläubig über die Forderungen des möglichen nächsten französischen Staatspräsidenten Francois Hollande, der den Fiskalpakt (Bremse) durch Wachstumsmaßnahmen (Gas) flankieren wollte… 

Nicht einmal eine Woche verging, dann kündigte auch die deutsche Kanzlerin eine europäische „Wachstums-Agenda“ an. Zwar betonte Frau Merkel mit dieser erneuten und angesichts der französischen Präsidentschaftswahlen offenbar besonders eilbedürftigen Kehrtwende, dass Wachstum „nicht immer“ Geld koste, überzeugen kann das jedoch nicht. Merkel strebt die Befreiung aus der Schuldenkrise, die Förderung von Wachstum und Beschäftigung und die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten an – gleichzeitig!

Wie derart konträre Zielsetzungen dann allerdings konkret umgesetzt werden sollen, blieb aber ihr Geheimnis – zumindest bis zur nächsten Steuererhöhung. Der einzig nachhaltige Effekt solcher „Wachstumsmaßnahmen“, der sich in der Vergangenheit immer wieder nachweisen ließ, war ein Wachstum der Schulden. Kaum einer im Politikbetrieb aber scheint sich mit der Idee anfreunden zu können oder zu wollen, dass das Geld der Bürger nirgendwo besser aufgehoben ist, als in den Händen der Bürger selbst. Den Akteuren scheint der marktwirtschaftliche Kompass bei ihren Vorschlägen dauerhaft abhandengekommen zu sein. Auch George Soros, obwohl einst durch den Markt groß geworden, traut den Selbstheilungskräften angesichts der Staatsschuldenkrise nicht. Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe Smart Investor 5/2012 ab Seite 84, was Soros Deutschland empfiehlt – und was wir davon halten.

Wirtschaftskompetenz?

Besonders bitter ist der Verlust des marktwirtschaftlichen Kompasses bei einem wie Philipp Rösler (FDP), immerhin Vorsitzender einer Partei, die doch traditionell auf die stärkste marktwirtschaftliche Orientierung unter allen etablierten Parteien verweisen kann. Ausgerechnet Rösler, in Personalunion auch noch Wirtschaftsminister, forderte eine Meldepflicht für Benzinpreisänderungen an eine noch zu schaffende Behörde, die sogenannte Markttransparenzstelle.

Wie nicht anders zu erwarten, hat das Kabinett heute genau dies beschlossen. Sicher ist bei alledem nur der bürokratische Aufwand, der letztlich vom (autofahrenden) Bürger selbst aufzubringen ist. Der praktische Nutzen dagegen ist weder erkennbar, noch lässt er sich plausibel machen. Vor dem Hintergrund, dass der Staat selbst der größte Profiteur an der Zapfsäule ist (vgl. Smart Investor Weekly 14/2012) wirkt ein solch anbiedernder „Kampf für Verbraucher“ geradezu zynisch. Dass inzwischen die FDP zum Stichwortgeber für den Aufbau weiterer bürokratischer Strukturen geworden ist, zeigt, auf welches Abstellgleis die Partei von ihrer Führung manövriert wurde – angepasst und überflüssig.

Zu den Märkten

Auf der diesjährigen Stuttgarter Anlegermesse INVEST 2012, die sich allerdings mehr und mehr zu einer Tradingmesse wandelt, war von Krise wenig zu spüren. Nicht nur, dass die Stände von Edelmetallanbietern nicht sonderlich umlagert waren, auf den Vorträgen konnte man viel darüber hören, warum Aktien billig seien und warum man sie nach der jüngsten „Korrektur“ praktisch bedenkenlos kaufen könne.

Wir stehen mit unserer Ansicht vom Ende des Bullenmarktes nach wie vor ziemlich alleine auf weiter Flur – in Börsendingen nicht der schlechteste Standort. Auch wurden wir von unseren Lesern auf die jüngste Gegenbewegung des DAX angesprochen, die praktisch „zwangsläufig“ diesen Montag – mit Kursen über 6.800 Punkten – ein erneutes Kaufsignal generieren werde. Zwar stiegen die Kurse am Montag nach der Messe tatsächlich über die angegebene Marke, sanken jedoch in der Folge prompt wieder darunter.

Erneut narrte der Markt die rein technisch orientierten Marktteilnehmer. Die Häufung von Fehlsignalen zeigt die Verunsicherung – allen optimistischen Messevorträgen zum Trotz. In dieser Situation fehlte es noch, dass der Börsenaspirant Facebook mit seinem Mega-Börsengang nun Druck zu machen scheint. Trotz der Übernahme von Instagram soll es wohl der 18. Mai werden. Zumindest die Altaktionäre und deren Berater beherzigen damit die alte Börsenregel „Sell in May and go away.“

Fazit

Mit dem Fortschreiten der Krise und unter dem Druck der laufenden Wahlkämpfe (Frankreich, Griechenland) werden immer hektischer Absichtserklärungen abgegeben und immer kopfloser Maßnahmen ergriffen. Die Märkte werden fest im Griff von Krise und versuchter Krisenbewältigung bleiben. Für Optimismus sehen wir auch weiter wenig Anlass.

©Ralf Flierl, Ralph Malisch Homepage vom Smart Investor 

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