Oh finstere Neuzeit

2. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Das Mittelalter war angeblich finster. Und zugegeben, die Beleuchtung war spürbar schlechter damals. Wobei ich hier nicht von dem Mittelalter sprechen möchte, das man allgemein als solches ansieht, d.h. von der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, sondern vom Frühmittelalter. Denn da, in der Zeit zwischen dem 6. Und dem 11. Jahrhundert, finden sich beängstigende Parallelen zu heute.

Damals waren die Zeiten nicht nur wegen der fehlenden Beleuchtung finster. Die Menschen in Europa wurden oft gezielt in Angst und Unwissenheit gehalten, weil sie dann tadellos parierten. Und gleichzeitig ging in dieser Epoche viel Wissen verloren, was dann Jahrhunderte später mühsam und langsam neu entdeckt werden musste. Zwischen dem alten Rom in seiner Blüte und dem Erblühen der italienischen Metropolen wie Venedig oder Florenz lag eine Zeit der Stagnation und des Niedergangs. Was uns daran erinnern sollte: Fortschritt ist kein kontinuierlicher Weg. An der Börse übrigens auch nicht. Dazu gleich.

Was mich sorgt ist, dass die Dominanz der Medien hinsichtlich der Meinungsbildung dazu führt, dass recht wenige entscheiden, was viele sehen … und zusehends (im wahrsten Sinne des Wortes) dann auch glauben. Denn da mag nun mancher Zweifel hegen, aber ich stelle fest, dass diejenigen, die dem gedruckten Wort misstrauen, dafür nur zu bereitwillig glauben, was man ihnen als angeblich reale Bilder vorsetzt. Die, das kommt hinzu, bei denen, die wenig lesen (also einer rapide wachsenden Zahl an Menschen) dann auch „hängenbleiben“. Die Medien machen Meinungen. Und nur wenige ziehen dort die Fäden. Gleiches gilt natürlich für die Außen, Innen- und Wirtschaftspolitik. Und manchmal scheinen da nicht diejenigen die Fäden zu ziehen, die offiziell in der Verantwortung stehen.

Das Volk schluckt es … und je polarisierender die vorgekauten Meinungen sind, desto begieriger werden sie aufgesogen. Ob es um den Russland/Ukraine-Konflikt geht oder um den Strom der Flüchtlinge: Achten Sie mal darauf, wie sich sonst ruhige, gemäßigte Geister auf einmal meinen, echauffieren zu müssen und unbedachten Blödsinn daherreden, den sie dann mit einer blinden Verbissenheit verteidigen. Schnitt zur Börse.

Obwohl … was für ein Schnitt eigentlich? Auch hier sind wir wieder auf dem Weg ins Mittelalter. Wobei, zugegeben, die ersten unfassbaren Dummheits-Wellen die Börse (ob ihrer späteren Geburt) erst im 17. Und 18. Jahrhundert erfassten. Wer mag, möge mal in Fachliteratur oder auch in der Wikipedia über die South Sea Bubble oder die Tulpenkrise nachlesen. Wer sich dann über die Dummheit der Leute damals amüsiert, sollte nach dem Fortwischen der ersten Lachtränen indes mal kurz seine eigenen Überzeugungen durchforsten. Wie weit sind wir denn heute?

Im Oktober sind die Aktienmärkte wie Raketen nach oben geschossen. Hören, sehen, lesen wir nennenswerte Skepsis? Aber nicht doch. Selbst mir, dem Berufs-Skeptiker, fällt es schwer, überhaupt den Gedanken zu wagen oder gar noch zu kommunizieren, dass diese Rallye womöglich auch mal enden oder sogar ins Gegenteil umschlagen könnte. Man muss sich schon verdammt anstrengen, um nach all den Jahren hirnbetäubenden Getrommels nicht im saugenden Mahlstrom des Perma-Optimismus zu landen. Abwärtsimpulse werden immer wieder aufgeholt. Aufwärtsimpulse werden nicht hinterfragt, basta. Die Welt ist einfach.

So einfach, wie man sie für die Menschen des 6. oder 7. Jahrhunderts auch „formte“. Damals wurde Bildung sorgsam vom Volk ferngehalten. Heute erledigt das Volk das großenteils selbst. Wie praktisch.

Der Witz ist, dass es auch noch funktioniert, weil der Kreis in sich geschlossen wirkt. Je mehr Menschen zu semiprofessionellen Nichtdenkern werden, desto geringer ist das Risiko, dass überhaupt jemand den Kopf aus der Suppenschüssel nimmt, wenn die schwindende Minderheit derer, die hinter Vorhänge zu blicken bereit sind, „Feuer“ ruft. So klappt die Steuerung der Masse tadellos, vor und hinter den Toren der Börsensäle.

Was indes für die großen Zocker an den Terminbörsen, vornehmlich die Hedgefonds, die immer mehr Zulauf durch Sparergeld erhalten (das dann, wie so oft, weg ist, wenn’s mal wieder ans Blasenpieksen geht), eine grandiose Spielwiese ist. Sie können mit gehebelten und geliehenen Milliarden die Akteure am Nasenring durch die Arena ziehen, wie es ihnen beliebt. Denn wer mag diese Oktober-Rallye entscheidend getragen haben? Das Schicksal? Die angeblich irgendwie noch relevanten Privatanleger, die allesamt Anfang Oktober erkannt haben sollen, dass DAX, Dow & Co. ja Super-Schnäppchen sind?

Was hat sich doch gleich seit Ende September/Anfang Oktober, als die Indizes ihre Not hatten, irgendwie diese Mini-Crash-Tiefs vom 24. August zu halten, bei den Rahmenbedingungen verändert … ich meine, zum Positiven? Konjunktur? National und international eher Verschlechterung. Unternehmensbilanzen? Zieht man die Verfälschungen durch Aktienrückkäufe mal ab, per Saldo mau. Nur wurden die Ausreißer nach oben medial breitgetreten, der Rest ging, irgendwie, unter. Notenbankpolitik? Die EZB avisiert, erwägt und lockt, statt zu handeln; die Peoples Bank of China senkt den Zins und es rührt sich nichts und die US-Notenbank spielt Betonkopf und handelt damit so falsch, wie es falscher nicht ginge. Also …

… auf welchem Fundament ruht doch gleich der 1.200 Punkte-Sprung des DAX im Oktober? Auf Treibsand, wie es scheint. Und doch fällt es schwer, überhaupt den Gedanken zuzulassen, dass die Tendenz nun drehen könnte. Obwohl die vergangenen Jahre belegen:

Durch die Dominanz der Terminmärkte sind die typischen Wendepunkte Verfalltermine und Monatswenden. Letzteres passierte nicht nur im Februar, nein, gerade eben haben wir es doch erlebt: Diese plötzlich nach dem Monatsultimo des Septembers entstehende Rallye war doch ein solcher Punkt. Nur:

Wir wagen es fast nicht, gegen den Strom zu denken, weil sogar die letzten überlebenden Bären angesichts der Vehemenz der Aufwärtsbewegung das Gefühl haben: Abwärts ist böse, falsch, uneinbringlich. Und das denken die meisten, obwohl der DAX ja nach wie vor unter der 200-Tage-Linie und unter der Abwärtstrendlinie vom April notiert.

Das nenne ich finstere Neuzeit. Wir sind konditioniert wie Pawlow’sche Hunde, haben Angst, gegen den Strom zu agieren und fürchten uns in der Dunkelheit, die neue Wege nun einmal mit sich bringen, bevor genug andere sie ebenfalls beschreiten und erhellen. Wo ist doch gleich der Unterschied zwischen z.B. dem Jahr 625 und heute? Smartphones und Flachbildschirme? Toll. Die reichen weder bis in unseren Geist noch bis in unsere Seele … und tun sie es doch, richten sie dort selten etwas Gutes an.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt www.baden-boerse.de

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