Öl, Gold und Zins

8. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Wenn sich die Erwartung durchsetzt, dass die Zinsen nicht oder nicht so stark steigen werden, wie derzeit prognostiziert, könnte das vor allem den Goldpreis begünstigen…

Über einen langen Zeitraum betrachtet haben sich Öl- und Goldpreis meist im Gleichschritt bewegt: Ein steigender Ölpreis war mit einem steigenden Goldpreis verbunden – und umgekehrt.

Ab etwa Anfang des 21. Jahrhunderts haben sich die Preise für Öl und Gold jedoch zeitweilig immer wieder voneinander abgekoppelt: Mit steigenden Preisen für Öl und Gold haben auch die zeitweisen Preisdiskrepanzen zwischen den beiden zugenommen – und zwar merklich.

Das erklärt sich vermutlich aus den zusehends heftiger werdenden Boom-und- Bust-Zyklen, die die Weltwirtschaft heimsuchen. Im Boom steigt der Ölpreis aufgrund erhöhter Nachfrage stark an.

Auch der Goldpreis steigt an – getrieben durch die den Boom tragende Geldschwemme –, aber er steigt weniger stark als der durch den euphorischen Boom angetriebene Ölpreis.

Schlägt der Boom in einen Bust um, steigt der Goldpreis, weil Gold zu Absicherungszwecken nachgefragt wird. Der Ölpreis fällt hingegen aufgrund wachsen- der Nachfrageausfall- und Rezessionssorgen.

Erwartung steigender Zinsen

Boom-und-Bust-Zyklen sind Folgen der Zinspolitik der Zentralbanken. Zinssenkungen setzen einen Boom in Gang, der eine Weile andauert, der dann aber endet und in einen Bust umschlägt.

Seit etwa Anfang 2013 kriechen die kurzfristigen US-Zinsen langsam in die Höhe. Das zeigt, dass die Marktakteure mit einer Zinserhöhung durch die US- Zentralbank (Fed) in der Zukunft rechnen.

Steigende Zinsen sind „schlecht“ für den Goldpreis: Steigende Zinsen dämpfen die Goldnachfrage, weil durch das Halten von Gold Zinserträge verloren gehen, so vermutlich das (kurzfristige) Kalkül vieler Investoren.

Aber auch der Ölpreis leidet tendenziell durch die Zinsanhebung, allerdings aus einem anderen Grund: Steigende Zinsen erweisen sich als Belastungsfaktor für die weltweite Konjunktur.

Die Erholung der letzten Jahre ist vor allem eine Folge künstlich gesenkter Zinsen. Produktion und damit auch die Energienachfrage dürften leiden, wenn die Zinsen tatsächlich ansteigen.

Warum aber, so fragt man sich an dieser Stelle, stellt die Fed dann einen Zinssteigerungskurs in Aussicht?

Zur Beantwortung dieser Frage drängen sich zwei Antworten auf. Die eine lautet: Die Entscheider in der Fed meinen tatsächlich, die Lage hätte sich verbessert – und daher könnten auch die Zinsen „normalisiert“ werden.

oelgoldzins

Eine andere Antwort ist, dass die Geldpolitiker Zinssteigerungserwartungen wach halten wollen. Denn setzt sich die Erwartung durch, dass die Zinsen auf Jahre niedrig bleiben, würde die Nachfrage nach Anleihen schwinden.

Wer würde noch Schuldpapiere nachfragen wollen, wenn die Zinsen derart kümmerlich sind? Die internationale Kreditgeldarchitektur geriete in schwierigstes Fahrwasser.

Die Zinsen tief zu belassen und dabei gleichzeitig künftige (moderate) Zinssteigerungserwartungen wach zu halten, erscheint daher aus Sicht der Zentralbanken eine besonders attraktive Politik zu sein.

Aber vielleicht könnte allein schon das die amerikanische wie auch die internationale Konjunktur überfordern. Schließlich wird sie wie wohl niemals zuvor durch die Geldpolitik der extrem tiefen Zinsen angetrieben.

Steigen die Zinsen, könnte sich der Abschwung schneller einstellen, als es derzeit für möglich gehalten wird. Für die Preise von Öl und Gold dürfte die Zinsentwicklung von herausragender Bedeutung sein.

Steigen die US-Kurzfristzinsen weiter, kann das die Preise für Öl und Gold belasten. Sobald jedoch ersichtlich wird, dass die Zinsen nicht mehr „normalisiert“ werden (können), dürfte sich das Bild ändern.

Ein internationaler Nachfrageschub nach „harten Vermögenswerten“ wäre denkbar, der den Öl- wie im besonderen Maße auch den Goldpreis unterstützen sollte.

Bis auf weiteres könnte der Goldpreis in US-Dollar gerechnet unter Druck bleiben. Eine fortschreitende Aufwertung des Greenbacks gegenüber zum Beispiel dem Euro sollte jedoch den Preiseinbußen für Edelmetallhalter im Euroraum entgegenwirken… (Seite 2)




 

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