Nur keine „Japanik“

8. April 2013 | Kategorie: Gäste, Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es ist schon ein kleines bisschen besorgniserregend, dass so viele Marktteilnehmer insbesondere an den Aktienmärkten nicht über den Tellerrand schauen können. Denn eigentlich hätte die „Japanik“, die nach der Entscheidung der japanischen Notenbank am Donnerstagmorgen aufgekommen war, keine Kaufpanik, sondern eine Verkaufspanik sein müssen…

Aber man hält an Faustregeln und Klischees fest (billiges Geld ist immer gut), vielleicht, weil es das letzte ist, woran man sich klammern kann, wenn die Perspektiven derartig düster sind. Es bereitet mir keine Freude, die Aussichten für die kommenden Jahre schwarz zu malen. Aber es ist ja nicht nur realistisch, nein, wir stecken doch längst mittendrin. Auch wenn es vielen immer noch gelingt, dies aus ihrem Gesichtsfeld zu verbannen, so ist doch das Problem, dass das Wachstum weltweit entweder längst in eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung oder zumindest in eine Stagnation übergegangen ist, doch ein Faktum, das sich in den Konjunkturdaten eindeutig ablesen lässt.

Daher ist es schon ein wenig verblüffend, dass die massive Ausdehnung der Anleihekäufe durch die japanische Notenbank inklusive der Ankündigung, wenn nötig noch viel mehr aufzukaufen, für Jubel sorgt. Und wie kann man mit Begeisterung reagieren, wenn eine eherne Regel der Geldwertstabilität einfach aufgehoben wird, nämlich die Vorgabe in Japan, dass das Volumen der ausgegebenen Anleihen nicht Höhe des tatsächlich vorhandenen Bargeldbestands übersteigen darf? Nun, als man in den USA 1971 den Bretton Woods-Goldstandard über den Haufen warf, war man zuerst auch begeistert. Aber damals waren solche radikalen Maßnahmen Neuland. Heute sollte man es besser wissen.

Die Idee, die hinter dieser Maßnahme der Japaner steckt, ist schon klar. Man will die Bürger zwingen zu konsumieren. Das Problem Japans ist schon seit Anfang der Neunzigerjahre, dass nicht nur kein Wachstum mehr aufkommt, sondern auch noch die meiste Zeit über Deflation herrscht. Sie sich immer weiter auftürmende Schulden zahlen sich also nicht durch die Entwertung des Geldes teilweise selbst zurück. Da das Zinsniveau dort schon seit langem nahezu bei Null liegt und trotzdem keinerlei Effekt hinsichtlich einer wachsenden Konjunktur entsteht, will man versuchen, erstens durch einen immer schwächeren Yen die Exportchancen der japanischen Industrie im Ausland zu verbessern und so Wachstum zu generieren und zweitens durch dieses Wachstum wieder steigende Preise und damit Inflation zu erzeugen.

Nicht nur, damit sich die Schulden langsam selbstständig abtragen, sondern vor allem, um die japanischen Konsumenten dazu zu bringen, ihre Ersparnisse aus Angst vor einem Wertverfall des Geldes in die Geschäfte zu tragen und damit das Wachstum noch weiter zu steigern. Die Geldflut als solche sieht man dabei als sekundäres Problem, weil man sich durch die Anleihekäufe ja eines letzten Endes recht fiesen Tricks bedient.

Denn je größer der Umfang der Stützungen durch die japanische Notenbank ist, desto größer ist damit der Anteil, der von dem neuen Geld, das sich die Regierung verschafft, gleichzeitig wieder von der Notenbank aufgekauft wird, was das Problem der Rückzahlung deutlich mindert. Denn Notenbanken schreiben uneinbringliche Forderungen einfach ab – und gehen gemeinhin nicht pleite.

Das Ganze erinnert ein wenig an eine Versicherungswerbung: „Die Idee ist gut – machen wir es doch einfach“. Aber die Sache hat einen Haken, den man eigentlich nicht übersehen dürfte: Erst einmal müsste tatsächlich ein Erfolg in Form nennenswerten Wachstums aufgrund der steigenden Konkurrenzfähigkeit japanischer Produkte durch einen schwachen Yen im Ausland entstehen. Zweitens müssten die japanischen Konsumenten tatsächlich deutlich mehr konsumieren, was sie aber eher weniger aus Angst vor Inflation als auf Basis eines steigenden Vertrauens in die wirtschaftlichen Perspektiven des Landes tun würden. Aber:

Warum glauben die Investoren, dass die Verdoppelung der Dosis eines bislang über viele Jahre hinweg völlig unwirksamen Medikaments auf einmal Wirkung zeigen würde? Schon Anfang der Neunzigerjahre griff die japanische Notenbank sogar unmittelbar am Aktienmarkt ein – es war für die Katz. Diese Anleihekäufe laufen schon lange Zeit – und sie funktionieren nicht. Sicher, aufgrund der bei Null befindlichen Zinsen kann die Notenbank nichts anderes tun. Aber sich einzubilden, dass das jetzt auf einmal funktioniert, nur weil die Dosis verdoppelt wurde, ist erstaunlich naiv. Zumal man eigentlich wissen sollte, wie das ganze ausgeht. Man muss doch nur mal eben nach Übersee schauen… (Seite 2)

 

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