Nur eine „offensive Defensive“?

27. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt (Baden-Börse)

Na also, es geht doch, ist nun in allen Medien zu hören. Der DAX ist leichtfüßig wieder über die wichtige 10.000er-Marke gestiegen. Zumindest am Donnerstagmittag, während ich diesen Kommentar schreibe. Wir haben es doch eigentlich immer gewusst: Alles ist gut…

Und selbst, wenn China irgendwen jucken würde … heute ging dort die Post ab! Kann es noch mehr Beweisen bedürfen, dass dieser Kursrutsch der vergangenen Tage bloß ein Versehen war?

„Die Anleger haben begriffen, wie billig der DAX geworden ist und sichern sich noch ihre günstigen Schnäppchenpreise, bevor der Index zum Jahresende dann davonziehen wird.“ Wäre ich ein weisungsabhängiges Rädchen in der auf Kundenersparnisse angewiesenen Finanzindustrie, würde ich mir diesen Spruch einfallen lassen, um ihn ins Mikrofon zu blöken. Nur mit dem rot werden hätte ich noch Probleme. Denn es ist gar nicht so einfach, glaubwürdig in die Kamera zu lügen, wenn man da keine Übung hat.

Davon mal abgesehen, dass eine Rallye um in der Spitze 1.000 Punkte nur dann grandios wäre, wäre es vorher nicht vom April-Hoch in der Spitze gut 3.000 Punkte nach unten gegangen, ist es völlig normal, dass scharfe Abwärtsbewegungen von in der Relation dann natürlich auch scharfen und schnellen Gegenbewegungen abgelöst werden. Der Grund …

… liegt in der Natur des Futures-Handels. Der Aufbau von Short-Positionen erzeugt Verkaufsdruck. Ob diese nun aufgebaut werden, um sich gegen Verluste in anderen Derivaten abzusichern, um keine Aktienbestände verkaufen zu müssen oder weil man einfach bearish ist und auf fallende Kurse spekuliert, ist an den Kursbewegungen, die dadurch ausgelöst werden, nicht erkennbar. Und genauso ist es, wenn „eingedeckt“ wird. Man kann einen Futures-Kontrakt nicht einfach wieder verkaufen. Man ist eine Verpflichtung eingegangen, die bestehen bleibt, bis dieser Kontrakt abgerechnet wird, sprich endet. Was für die aktuelle und daher meistgehandelte Laufzeit am 3. Freitag im September sein wird. Was also tun, wenn man davon ausgeht, dass nicht dann, sondern jetzt ein guter Moment ist, um sich Gewinne zu sichern?

Man muss Long gehen. Anders kriegt man seinen Gewinn nicht gesichert. Man geht in der Größenordnung Long, in der man seine Short-Kontrake auf das aktuelle Level festgezimmert sehen will. Ist man z.B. zehn Kontrakte im DAX Future Short, sichert man sich die Hälfte des Gewinns, indem man dort mit fünf Kontrakten Long geht und so fünf Short-Kontrakte neutralisiert. Aber: Wenn man Long geht, erzeugt man logischerweise Kaufdruck. Sprich:

Wenn Bären Gewinne sichern, zieht das die Kurse wieder nach oben. Und das ist nach einem solchen Kurseinbruch erstens kein Wunder und zweitens bedeutet es nicht, dass diese Bären nun auf einmal bullish wären. Natürlich werden da dennoch genug Schnäppchenjäger unterwegs gewesen sein, die wirklich gekauft haben. Aber wie groß ist deren Anteil an der Rallye? Und ab welchem Niveau nun könnten die Bären wieder Short gehen? Weiß man nicht, kann man nicht wissen. Also Vorsicht vor zu viel Optimismus.

Auch und gerade deshalb, weil der DAX nun zwar mit 1.000 Punkten über Montags-Tief gerade wirkt, als sei wieder alles im Lot. Aber kann das sein, wenn es gestern, am Mittwoch, gegen 18:30 Uhr an anderen wichtigen Märkten noch aussah, als ginge alles in die Grütze? Nein. Kann es nicht. Sehen Sie sich mal diesen Chart hier an:

Chart-1spx

Am Dienstagabend wurde an der Wall Street eine vorher recht solide wirkende Gegenbewegung in der letzten Handelsstunde plötzlich ohne externe Argumente gnadenlos abverkauft. Der S&P 500, den wir hier auf 15-Minuten-Basis sehen, landete, von der Schlussglocke gerettet, genau auf Höhe der bisherigen Absturz-Tiefs. Am Mittwoch nun begann der Handel erneut deutlich höher: Absetzbewegungs-Versuch Nummer 2. Doch schon unmittelbar nach dem Handelsstart gingen die Abgaben schon wieder los. Was tun?

Die Verteidiger dieser Tiefs dürften sich in diesem Moment gefühlt haben wie Belagerte in einer Burg. Der bearishe Feind fährt bereits die Katapulte und das griechische Feuer heran, wird zahlreicher … und wenn man nun nichts unternimmt, ist man erledigt. Denn wären diese Tiefs bei 1.967 Punkten gebrochen, wäre nach unten nichts unmöglich gewesen. Das einzige, was man tun konnte, war ein Ausfall. Auf sie mit allem Risiko, solange es noch geht. Diese „offensive Defensive“ war Basis der dann folgenden Rallye. Es gab zur Sitzungsmitte am Mittwoch keine überraschend positiven Nachrichten. Es gab nur Bullen, die nicht gerne überrannt werden wollten. Das heißt: Auch hier ist fraglich, wie groß der Anteil an diesen Käufen war, der von überzeugten Bullen stammt und nicht von welchen, die keine andere Lösung mehr sahen als Barreserven zu mobilisieren und dagegen zu halten.

Und diese beeindruckende Rallye in China? Naja. Nachdem man dort weder auf Stützungskäufe, Zinssenkungen, die Abwertungen und eine Flut anderer Maßnahmen im Bereich Kapitalreserven und Freigaben von Aktienkontingenten für Pensionsfonds reagiert hatte, könnte man meinen, das stattliche Plus heute sei nun auf entweder noch bessere Nachrichten oder auf die Wall Street zurückzuführen. Aber ist das wirklich so?



Leider kann ich Ihnen nur den Chart des Hang Seng China Enterprises-Index (HSCE) anbieten, da ich für den Shanghai Composite keine Intraday-Daten in der Datenbank habe. Beim HSCE langen die Notierungen heute durchweg im Plus … aber beim Shanghai Compote waren die Kurse nur eine Stunde vor dem Handelsende ins Minus gerutscht, nachdem man mühsam ein mäßiges Plus über die Sitzung geschleppt hatte, das durchaus nicht aussah, als wäre man von der US-Rallye als Motivation überzeugt! Dann passierte in der letzten Stunde, was hier im Chart auf Stundenbasis des HSCE nur ansatzweise sichtbar wird, denn der sitzt in Hongkong und wird von den Stützungskäufen der chinesischen Behörden nicht unmittelbar erfasst. Der Shanghai Composite schoss in dieser letzten Stunde plötzlich um 5,5 Prozent nach oben – ohne externe Nachrichten! Folgerung:

Chart-2hsi

Auch hier hatten sich Belagerte zu einem Ausfall durchgerungen, nur waren es hier die „Offiziellen“, sprich das waren die sonst wenig helfenden Stützungskäufe, aber mit der Brechstange und so knapp vor Schluss, dass da niemand mehr dagegenhalten konnte. So macht man einen Ausfall. Aber ob man damit den Gegner besiegt, ist eben eine andere Frage.

Sind die Bären damit nun in die Flucht geschlagen? Die kommenden Tage werden es erweisen. Es ist nicht unmöglich, klar … aber eben zweifelhaft. Nur eines ist sicher: Jetzt bereits zu unterstellen, der Kursrutsch sei vorüber, ist höchst verwegen. Denn zum einen ist die Dimension dieser Gegenreaktion im Verhältnis zum vorherigen Kursrutsch normal, selbst, wenn es noch zwei-, dreihundert Punkte im DAX höher ginge. Zum anderen sind die Treibsätze der Rallye nichts anderes als ein verzweifelter Ausfall belagerter Bullen gewesen. Also: Hier ist noch nichts vom Tisch … die kommenden Tage bleiben spannend!

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