Notenbanken haben das Geldsystem nur augenscheinlich stabilisiert

14. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

Volker Schnabel, Chef-Volkswirt der Mack & Weise Vermögensverwaltung Hamburg im Interview…

von Andreas Marquardt

Herr Schnabel, wie ist die Stimmung im Hause „Mack & Weise“ bezüglich der Fokussierung auf Edelmetalle in Ihren Fonds? Die Edelmetalle und mit ihnen die Minenunternehmen kommen nicht aus ihrer Korrektur heraus, während Dax & Co. immer neue Rekorde erklimmen …

Der größte Fehler bei Investitionen an den Finanzmärkten ist es, sich von Emotionen treiben zu lassen. Nach unserer Einschätzung befinden sich nicht nur die Aktienmärkte, sondern mit Ausnahme der Edelmetalle nahezu alle Assets in einer Blase. Und da man nicht weiß, wann diese platzen, kann man sich nur entscheiden, ob man vor oder nach dem Platzen als „Idiot“ dastehen will. Zwar meinen derzeit immer mehr Marktteilnehmer, „this time is different“, doch schon der Maestro der Finanzblasen Alan Greenspan musste zugeben: „Alle Blasen platzen – alle!“

Das seit 2008 laufende Geldexperiment der Notenbanken, ein Überschuldungsproblem nun mit der Steigerung seiner Ursache – Schulden – lösen zu wollen, wird am Ende niemals funktionieren. Zinsen, die eigens auf 5.000-Jahrestiefs heruntermanipuliert werden mussten, um die jenseits aller Vorstellungen mit rund 217.000 Mrd. USD höchste Verschuldung in der Menschheitsgeschichte „finanzierbar“ erscheinen zu lassen, die inzwischen mit größtem Selbstverständnis laufende Staats- als auch Unternehmensfinanzierung mit der Druckerpresse oder die Dauer-Rettung des nach wie vor maroden Bankensektors zeigen nur allzu deutlich, dass die gefeierte Notenbank-Geldpolitik das heutige Kreditgeldsystem nur augenscheinlich stabilisiert, in Wirklichkeit aber zur dessen Fragilität beiträgt.

Angesichts dieser Fakten und den damit verbundenen unkalkulierbaren Risiken sehen wir die preisliche Entwicklung von Gold und Silber sehr gelassen und werden daher unseren Fokus auf die beiden Währungsmetalle beibehalten. Mag so manch einer trotz der deutlich sichtbaren geldpolitischen Fehlentwicklungen an der Richtigkeit dieser Strategie zweifeln, so sollte man einmal genau auf das Verhalten großer Notenbanken schauen. Unmittelbar nach Krisenausbruch im Frühjahr 2009 haben diese nach einem jahrzehntelangen Räumungsverkauf wieder begonnen, Gold im beachtlichen Ausmaß zu akkumulieren! Wenn also selbst die Notenbanken den Vertrauensverlust in die Papierwährungen dokumentieren, dann zeigt sich unabhängig des im Goldpreis ohnehin vorhandenen enormen Kurspotenzials, dass Gold die ultimative Versicherung für den Fall ist, dass das größte Geldexperiment der Geschichte scheitert.

US-Notenbankchefin Janet Yellen scheint da anderer Meinung zu sein. Sie sagte dieser Tage in London, sie rechne für viele Jahre nicht mehr mit einer Finanzkrise …

Richtig – die 71-jährige Frau Yellen glaubt kraft ihrer Notenbank-Planwirtschaft fest, dass „zu unseren Lebzeiten“ keine Finanzkrise mehr passieren wird. Doch will man auf diese Wissensanmaßung wirklich wetten? Erinnern wir uns doch einmal an einige ähnliche prägnante Aussagen ihrer Amtsvorgänger. Alan Greenspan glaubte 1997, dass „das traditionelle US-Eigenheim zu einem höchst komplexen und ausgeklügelten Instrument geworden ist, das es erlaubt, alle möglichen Finanzprobleme zu lösen … und der in den Häusern versteckte Reichtum auf ganz neue Arten nutzbar gemacht werden kann.“

Die von Greenspan´s Wall Street-Freunden prompt erfolgte Nutzbarmachung des versteckten Reichtums hat – natürlich völlig überraschend – keine Finanzprobleme gelöst, sondern „nur“ das größte Finanzproblem erschaffen, welches wiederum der Wirtschaftsprofessor Ben Bernanke, der 2006 der Welt versprach, dass die Greenspan´sche Subprime-Immobilienblase „lokal begrenzt wäre und max. zwischen 50-100 Mrd. USD kosten würde“, nicht einmal in Ansätzen überschauen konnte. So viel zur unterstellten Weisheit dieser Bürokraten, wenn sie ein Amt bekleiden.

Interessanterweise hatte aber der junge Ökonom Alan Greenspan 1966 eine Analyse der 1930er-Jahre-Depression geliefert, welche jene nahezu gleichen Probleme beschrieb, vor denen die bejubelten Notenbank-Zauberlehrlinge „dank ihres Wirkens“ heute wieder stehen: „Der Überschuss an Krediten, den die Nationalbank von Japan und die Fed in die Wirtschaft gepumpt hatten, sprang auf den Aktienmarkt über – was einen fantastischen spekulativen Boom auslöste. Verspätet wurde von den Vertretern der Federal Reserve versucht, den Liquiditätsüberhang abzuschöpfen und schließlich gelang es auch, den Boom zu stoppen. Aber es war zu spät. […] Die Weltwirtschaft stürzte in die große Depression der 30er Jahre.“

Wie die Zentralbankbürokraten aber dieses heute ungleich größere Problem jemals lösen wollen, ohne eine veritable Krise zu verursachen, wird leider ebenso wenig hinterfragt, wie die von den Notenbanken in den ersten fünf Monaten dieses Jahres neu erschaffene Menge an Zentralbankgeld: 1.500 Mrd. USD! Nie wurde zu irgendeinem Zeitpunkt seit Ausbruch der Finanzkrise mehr Geld als aktuell erschaffen, womit jedermann klar sein dürfte, dass die Aussage Frau Yellens nur einer Realitätsverweigerung gleicht, ist doch die letzte Finanzkrise offensichtlich noch nicht ansatzweise überwunden!

Der Chart zeigt gut, wieviel Geld die Notenbanken geschaffen haben und noch immer schaffen. Wieso reagieren denn die Edelmetalle nicht darauf? Haben Sie eine Erklärung?

Man kann nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass das neu geschaffene Geld alle Asset-Klassen gleichzeitig inflationiert. In den letzten Jahren ist dieses Geld vornehmlich in Aktien, Anleihen, Immobilien oder Kunst geflossen, weniger in Gold und Silber.
Wichtig ist aber auch ein anderer, sehr bedeutender Fakt: Der Goldpreis ist ein Derivatepreis, und eben dieses Geschehen an den Derivatemärkten dominiert nicht erst seit heute die Goldpreisentwicklung maßgeblich.

Hier lohnt der Blick auf die jüngst veröffentlichte GFMS-Statistik, die klar aufzeigt, dass nicht der berühmte Schwanz, sondern vielmehr nur ein Haar der Schwanzspitze mit dem Hund, sprich dem physischen Gold, wedelt!

Im Jahr 2016 standen dem bis zu diesem Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte geförderten und gehorteten Gold – rund 187.200 t – Terminbörsenhandelsaktivitäten in Höhe von sagenhaften, auf Papier kreierten 230.907 t Gold gegenüber!

Angesichts dieser Dimensionen, die die Gold- aber auch Silberderivate inzwischen erreicht haben, ist klar, dass niemand die in den Derivatekontrakten versprochenen Lieferungen im Ernstfall einhalten kann, sich jedoch mit diesen der Preis von Gold und Silber gezielt managen, also manipulieren, lässt.

Seit April 2013, also fast gleichzeitig mit der Verkündung des Eine-Billionen-USD-QE3 der Fed und der Konfiskation der zyprischen Sparguthaben, wird vornehmlich über die US-Terminbörse Comex das „Krisenthermometer des Finanzsystems“ (Alan Greenspan) immer wieder gezielt „abgekühlt“. Die zahllosen Comex-Attacken, die fast immer nur auf die Feststellung des tiefstmöglichen Goldkurses abzielen, werden in den Medien jedoch nie als Manipulation angeprangert, obwohl doch die Manipulationen an den Edelmetallmärkten längst eine bewiesene Tatsache ist. Schließlich mussten doch einige Banken in den letzten Jahren für ihr allzu auffälliges Manipulieren diverse Strafzahlungen leisten, die jedoch stets nur einem Verwarngeld gleichkamen.

Mit der wider jede Logik konträr zur beispiellosen Geldinflationierung verlaufenden negativen Kursentwicklung und der begleitenden Negativberichterstattung in der Main Stream-Presse hat das Interesse der Investoren so über die Zeit deutlich nachgelassen, jedenfalls im Westen. Insbesondere aber asiatische Investoren – inkl. Notenbanken – nutzten und nutzen die subventionierten Preise für großvolumige physische Goldkäufe und geben dem Westen zurück, was dieser so gerne exportiert: die immer wertloser werdenden Papierdollars.

Lassen Sie uns über den Markt für Gold- und Silberproduzenten sprechen. Wie ergeht es den Unternehmen bei den gegenwärtigen Kursniveaus der Edelmetalle?

Der längste Bärenmarkt der Geschichte hat die Edelmetallminenaktien nicht nur gehörig unter Druck gebracht und Investoren verscheucht, sondern hier auch Positives, einen notwendigen Selbstheilungsprozess, angestoßen.

In den Unternehmen wurden die Gesamtkosten der Produktion hinterfragt, unrentable Minen geschlossen und der in der Vergangenheit gelebte verschuldungsintensive und existenzgefährdende Höher-schneller-weiter-Gedanke beerdigt. All dieses stimmt uns sehr positiv. Die Edelmetallminenunternehmen haben in den letzten Jahren alle Voraussetzungen geschaffen, den von uns erwarteten Anstieg des Gold- und Silberpreises ordentlich „hebeln“ zu können. Würde beispielsweise der Goldpreis bei durchschnittlichen all-in sustaining costs (AISC Q1 2017: rund 878 USD/Unze) des Sektors beispielsweise von derzeit 1220 USD auf 1500 USD ansteigen, so bedeutet dieses für den Goldpreis einen Kursgewinn von rund 23%, für die Goldminenaktien jedoch einen fast 94%igen Gewinnsprung.

Obwohl die Anfang 2016 einsetzende Edelmetallpreiserholung den Edelmetallminen zwischenzeitlich zu teilweise rasanten Kurssprüngen verhalf, notieren die Kurse heute noch immer in der Nähe ihrer historischen Tiefs. Für Investoren, die bereit sind, kurzfristige Volatilitäten auszuhalten oder noch besser, in Abwärtsphasen ihre Investments sogar zu verstärken, eröffnet dieses niedrige Kursniveau enorme Kurs-Chancen, die anderswo im Aktiensektor kaum zu finden sind.
Vielen Dank, Herr Schnabel.

Das Interview führte Andreas Marquart von Austrian Consult

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