Notenbank + Verfalltermin = Dynamit

16. September 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt 

Es ist schon seltsam … da kommt nun eine voraussichtlich extreme Handelswoche auf uns zu – und alles tut so, als wäre die Rallye der vergangenen Woche völlig normal. Man ist guter Dinge, betont, dass man es schon immer gewusst habe und kramt seitens mancher Analysten die zuvor unauffällig in die Tonne getretenen bullishen DAX-Prognosen wieder heraus…

Dabei ist nicht völlig auszuschließen, dass wir am Freitag plötzlich Kurse über 8.600 Punkten sehen, keineswegs. Aber ist es auch wahrscheinlich?

Wenn sich starke Kursimpulse auf dünnem Eis bewegen, merkt das die Mehrzahl der Marktteilnehmer meist nicht. Gerade in Phasen wie diesen, in denen die Kursbewegungen selbst viel mehr die Stimmung (und damit die die Ansichten und Handlungen der Akteure) beeinflussen als die Entwicklung der Gemengelage selbst, läuft man Gefahr, Risiken einfach nicht zu bemerken.

Wenn’s läuft, dann läuft’s – und schon fühlen sich alle deutlich besser. So ein DAX nahe am Allzeithoch, einen Katzensprung von neuen Rekorden entfernt, der macht satt und zufrieden, wo man eigentlich langsam nervös werden sollte.

Denn diese Woche wird keine wie jede andere. Nach dem monatelangen Bohei um das ob und wann einer Reduzierung der Anleihekäufe durch die Fed erwartet man, dass der Offenmarktausschuss nun endlich mal so etwas wie eine einheitliche Meinung zusammenbekommt und im Statement zur Sitzung, das am Mittwochabend ansteht, Tacheles redet.

Und nur kurz danach folgt der große Verfalltermin an den Aktienmärkten, nicht zu Unrecht Hexensabbat genannt. Normalerweise erreichen bzw. erzwingen die großen Spieler an den Terminbörsen die gewünschte Flughöhe der Kurse bereits deutlich vorher, so geschehen letzte Woche. Ein Grund, weshalb die Notierungen am Donnerstag und Freitag dann auf der Stelle traten. Aber diese Woche wird eben keine normale Woche.

Bereits im Juni war die Kombination Notenbanksitzung und Verfalltermin eine „unheilige Allianz“. Vom Tageshoch des Mittwochs im Vorfeld des Notenbank-Statements bis zum Tief im Zuge der „Nachwehen“ der Verfalltermins am darauf folgenden Montag verlor der DAX satte 600 Punkte (siehe folgender Chart, die angesprochene Phase ist durch einen blauen Kasten hervorgehoben). Und allzu viel anders ist die Konstellation aktuell auch nicht.

Die US-Notenbank bewegt sich momentan im dichten Nebel. Man ist nicht nur hinsichtlich des „Tapering“, wie man die Reduzierung der Stützungsmaßnahmen dort nennt, uneins. Man kann sich nicht einmal zu einer einheitlichen Beurteilung bezüglich der Stärke der US-Wirtschaft und ihrer unmittelbaren Perspektiven durchringen.

rg11

Das Vertrauen, dass irgendwer schon irgendwas richten wird, um die instabile Entwicklung der Weltwirtschaft in solide Bahnen zu lenken, kann nicht wirklich prosperieren, wenn sich die mächtigste Notenbank der Welt wie eine Mischung aus Hühnerhaufen und Debattierclub präsentiert. Wobei ja für die Fed ohnehin eine Zwickmühle existiert.

Tut man schon wieder nichts bzw. kann erneut keine klare Planung vorlegen, macht man sich (mal wieder) lächerlich. Steht man jedoch zu den vagen Andeutungen der vergangenen drei Monate, werden die Konsequenzen für die US-Wirtschaft – und in deren Schlepptau für die Konjunktur weltweit – durch die Entwicklung der Devisenrelationen und des Zinsniveaus meines Erachtens deutlich heftiger sein, als man allgemein annimmt…(Seite 2)

Damit stellt sich mir die Frage, was am Mittwochabend zu verkünden wäre, damit die Marktteilnehmer weltweit mehrheitlich nicht nur zufrieden sind, sondern auf dem nun deutlich höheren Niveau der wichtigsten Aktienindizes auch noch weiter kaufen.

Das tückische ist ja, dass diese markante Rallye bei DAX und Co weniger auf der Erleichterung zum Thema Syrien basierte, sondern auf gezielten bullishen Attacken der großen Terminbörsen-Spieler. Dabei gab es mehrere Kurslücken – vor allem zwischen Montag und Dienstag – die bedingten, dass viele Akteure bei dieser Rallye gar nicht dabei waren. Da muss meiner Ansicht nach dann am Mittwoch schon etwas höchst Erfreuliches verkündet werden, um die Kurse höher zu treiben. Denn:

Diejenigen, die wieder einmal einen Extrempunkt seit dem letzten kleinen Verfall im August und dem großen Verfall im Juni anlaufen wollten, haben ihr Ziel erreicht. Die normalen Anleger stehen nun vor der Wahl, auf diesem hohen Niveau erst kaufen/zukaufen zu müssen mit der einzigen, eher kurzfristigen Motivation, dass die Kurse gerade steigen und so unterschwellig gute Stimmung fabrizieren.

Aber weder haben die Bären bislang auch nur ansatzweise zurückgeschlagen noch sah man nennenswerte Gewinnmitnahmen großer Adressen. Und das deswegen, weil man sich einem rasenden Güterzug nicht einfach in den Weg stellt. Man wartet, bis der Kaufdruck nachlässt und schlägt dann zu. Oder, wie in diesem Fall: Man wartet, bis der Kaufdruck weg ist und Ernüchterung die heitere Stimmung ablöst. Und das kann am Mittwochabend der Fall sein. Kommt es so, besteht die Gefahr, dass der DAX sich genauso in den Keller abmeldet wie im Juni.

Das muss nicht passieren. Es wäre denkbar, dass die Terminbörsen-Akteure versuchen, nach den Sternen zu greifen, sich zudem die bullishen Daytrader am Mittwochabend in den ersten Minuten durchsetzen und die US-Notenbank endlich Maßnahmen ergreift, dafür aber mit irgendwelchen wüsten Prognosen zu beweisen versucht, dass das „Tapering“ nicht nur das Wachstum nicht bremst, sondern auch noch „gesund“ ist. Aber die Frage ist eben: Ist das auch das wahrscheinliche Szenario?

Das Dynamit, das in diesen kommenden Tagen steckt, findet sich vor allem darin, dass viele Anleger, beeinflusst von der schönen Rallye der Vorwoche, mit „Ja“ antworten würden. Das Risiko verbirgt sich darin, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, weil man sich nur mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzt und nicht mit einem möglichen, schlagartigen Paradigmenwechsel so knapp vor dem dreifachen Hexensabbat.

Wenn zu viele Akteure mit Schwung von Wolke 7 getreten werden, besteht die Gefahr, dass die Aktienmärkte in der kurzen Zeitspanne zwischen Mittwochabend und Freitagabend erneut „den Ikarus machen“ und beim DAX plötzlich statt neuer Allzeithochs wieder die 200-Tage-Linie im Fokus steht. Wir werden sehen – wichtig ist nur, diese Möglichkeit im Hinterkopf zu haben!

Herzliche Grüße
Ihr Ronald Gehrt – (Homepe SYSTEM22)


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