Nochmal Glück gehabt! Billiges Geld und steinerne Wegweiser

18. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Mitunter befindet sich die Menschheit am Rande des Abgrunds – meist ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, in welcher Gefahr sie schwebt. Das ist in aller Regel auch besser so. Denn erstens kann der Einzelne an derartigen Gefahrenlagen kaum etwas ändern, und zweitens gäbe es wohl sehr viel öfter Grund zur Panik als einem geregelten Gang der Dinge gut tun kann.

In das kollektive Gedächtnis ist der 27. Oktober 1962 eingraviert, der den Höhepunkt der Kuba-Krise markiert. Wie knapp die Welt damals vor einem atomaren Schlagabtausch der Supermächte stand, wurde freilich erst Jahrzehnte später bekannt.

Ein weit weniger geläufiges Datum ist der 9. November 1983, obwohl die Gefährdung an diesem Tag sogar noch als deutlich höher eingestuft wurde. Als die NATO im Rahmen ihres Manövers „Able Archer“ den Atomkrieg simulierte, war dies für den Warschauer Pakt anscheinend zu realistisch. Der Osten versetzte seine Truppen in Alarmbereitschaft.

Auch hier wurde erst Jahrzehnte später bekannt, wie nah die Welt an diesem Novembertag an einem heißen Krieg vorbeischrammte. Beinahe-Katastrophen mit Atomwaffen waren offenbar gar nicht so selten, wie der Erfolgsautor Eric Schlosser bereits im Jahr 2013 in seinem Buch „Command and Control“ ausführte.

Mysteriöse „Guidestones“

Man mag sich ausrechnen, wie oft wir im Finanzbereich bereits am Abgrund standen, ohne dass man uns darüber informierte. Finanzelle Massenvernichtungswaffen in Form aufgeblähter Derivate-Portfolios gibt es jedenfalls reichlich und nicht alle befinden sich unter der Kontrolle nüchterner und verantwortungsbewusster Menschen – sonst wären sie vermutlich in dieser Höhe gar nicht erst entstanden. Erfahren werden wir von den Beinahe-Katastrophen, die genau in diesem Moment stattfinden können, aber auch in diesem Bereich erst, nachdem Entwarnung gegeben werden kann – und genau dieser Zeitpunkt ist in keiner Weise absehbar.

Die „Katastrophe“ an der wir in der vergangenen Woche – genauer am 14. August 2016 – vorbeischrammten, war anderer Art. In die an sich bereits mysteriösen „Georgia Guidestones“ – ein Granit-Denkmal im US-Bundesstaat Georgia aus dem Jahr 1980, dessen Urheber sich der Öffentlichkeit nie offenbarte – war vor zwei Jahren ein Würfel mit eben jenem Datum eingefügt worden.

Nachdem die „Guidestones“ zehn Regeln für den Weg „in ein Zeitalter der Vernunft“ enthalten, von denen einige ziemlich beängstigend sind, wurde das Datum als Hinweis auf eine bevorstehende Katastrophe interpretiert. Immerhin fordert Regel Nr. 1, dass die Weltbevölkerung bei 500 Millionen Menschen zu halten sei, was, wie man sich angesichts von aktuell 7,4 Milliarden Menschen leicht ausrechnen kann, eine 93%ige Wahrscheinlichkeit für jeden Erdenbewohner bedeutet, im Namen der Vernunft „bereinigt“ zu werden. Für diesmal haben wir also nochmal Glück gehabt.

Das mysteriöse Datum zeigt aber noch etwas: Nicht jede Information bringt uns weiter. Wie man mit Informationen richtig umgeht, damit werden wir uns übrigens im nächsten Smart Investor 9/2016 beschäftigen. Und noch eine Info: Durch das Internet geistert bereits ein neues Datum für die ultimative Katastrophe, diesmal soll es den US-Dollar erwischen, der am 27. September 2016 unwiderruflich den Gang alles Irdischen gehen soll und selbstverständlich auch alle USD-Derivate wie den Euro mit sich nehmen wird. Wir berichten dann in der Oktober-Ausgabe – falls wir überlebt haben.

Der Weg des billigen Geldes…

Zurück zum Börsianer-Alltag: Der Ton zwischen Bayer und seinem potentiellen Übernahme-Ziel Monsanto wird zunehmend rauer: Wie das Handelsblatt in dieser Woche berichtete, gehen die Überlegungen in Leverkusen inzwischen in Richtung einer feindlichen Übernahme. Denn selbst die nachgebesserte Offerte von Bayer hat das Management des US-Konzerns aus St. Louis bislang wenig beeindruckt.

In einem nächsten Schritt könnte sich Bayer-CEO Werner Baumann daher direkt an die Aktionäre von Monsanto wenden – mit einem aller Wahrscheinlichkeit abermals erhöhten Angebot versteht sich. Das Hauptproblem dabei dürfte jedoch die fehlende Einsicht in die Bücher sein. Bayer würde damit für voraussichtlich knapp 70 Mrd. USD die Katze im Sack kaufen.

Marktteilnehmern zufolge könnte daher eine andere Variante so aussehen: Mit Hilfe einiger Großaktionäre könnte Werner Baumann zunächst einige Personen im Board of Directors von Monsanto austauschen und damit die Übernahmebereitschaft von Monsanto zu erhöhen. Gleichzeitig würde dies einen tieferen Blick in die Zahlen ermöglichen, bevor die Unterschrift unter das offizielle Übernahmeangebot gesetzt würde.

All diese Gedankenspiele drehen sich allerdings lediglich um das „Wie“, weniger um das „Wie teuer“. Und dies dürfte unseres Erachtens der viel entscheidendere Punkt sein. Bereits die ursprüngliche Offerte über rund 62 Mrd. USD war bei genauerer Betrachtung Spitz auf Knopf gerechnet.

Statt mit den Aktionären von Monsanto an einem Putsch zu stricken, sollte das Bayer-Management daher lieber auf die eigenen Aktionäre hören – denn diese stehen der geplanten Transaktion auch weiterhin mehr als kritisch gegenüber. Vor allem eines wird am Ende deutlich: Der geplante Mega-Deal ist vor allem die Ausgeburt des billigen Geldes. Rund 75% des geplanten Kaufpreises sollen über neue Schulden finanziert werden, zu Zinskonditionen von unter 3% pro Jahr.

Was früher über teure Junk-Bonds („Müll-Anleihen“) finanziert werden musste, gibt es heute zu Konditionen, die Anleger einst sogar bei Bundesanleihen als zu niedrig erachtet hätten. Was sich allerdings nicht geändert hat: Die Risiken eines auf Pump finanzierten Zukaufs bleiben hoch …

Neuer großer Wurf

Neben Bayer befindet sich seit dieser Woche auch der Münchener Linde-Konzern im Übernahmefieber. Der Industriegase-Hersteller befindet sich einer Ad-hoc-Mitteilung zufolge in ersten Gesprächen über eine Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair. Bereits zuvor hatte eine erste Meldung des Wall Street Journals die Aktie von Linde um mehr als 7% ansteigen lassen, nach der offiziellen Bestätigung notierten die Titel bis zu 11% fester.

Interessanterweise würde durch die Transaktion etwas zusammenkommen, was früher bereits einmal zusammen gehörte. Denn die heutige Praxair war einst der US-Arm des deutschen Linde-Konzern. Der entwickelte sich erst nach der Jahrtausendwende vom Gemischtwarenladen zum Weltmarkführer im Industriegase-Geschäft. Im Wesentlichen war dies das Werk von Wolfgang Reitzle, der als CEO im Jahr 2006 für 14 Mrd. USD die britische BOC zukaufte.

Mit der Übernahme von Airgas durch die französische Air Liquide wurde Linde jedoch erst dieses Jahr vom Thron gestoßen. Nahezu zeitgleich feierte Wolfgang Reitzle sein Comeback bei Linde, diesmal in der Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden. Da passt es in das Bild, das Linde nun erneut zum großen Wurf ausholen will.

Zwar sind die Münchener umsatzmäßig mit rund 18 Mrd. EUR deutlich größer als der Konkurrent aus Danbury in den USA mit Erlösen von rund 10 Mrd. EUR, mit einem Ergebnis von 1,5 Mrd. EUR ist Praxair allerdings deutlich profitabler als der Linde-Konzern mit ca. 1,2 Mrd. EUR.

Zusammen würden die beiden Unternehmen erneut Weltmarktführer sein. Es dürfte also auf eine sogenannte „Fusion unter Gleichen“ herauslaufen, wie man dies so schön nennt. Doch aus der Geschichte ist bekannt, dass dabei meistens eine Seite gleicher als die andere ist. Klar dürfte daher sein, dass die Tage von Wolfgang Büchele als CEO bei Linde gezählt sind. Wolfgang Reitzle könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Linde erneut zur Nummer eins unter den Industriegase-Konzernen machen und gleichzeitig Wolfgang Büchele „entsorgen“, mit dem ihn nie mehr als ein kühles Arbeitsverhältnis verband.

Als oberster Kontrolleur könnte er dann der wahre Herrscher über den neuen Branchenriesen sein. Anders als der auf Pump finanzierte Deal von Bayer steht hinter der geplanten Fusion von Linde jedoch industrielle Logik, die mit Blick auf den gestrigen Kursverlauf der Linde-Aktie durchaus Anklang bei den Investoren findet.

Zu den Märkten

Nicht nur beim DAX riecht es inzwischen nach Korrektur. Nachdem der deutsche Leitindex in rund anderthalb Monaten von 9.200 auf 10.800 Punkte – also um 17% – angestiegen war, ist eine Verschnaufpause auch mehr als verdient.

Solange der DAX nicht erneut in die blaue Flagge (vgl. Abb.) eintaucht, besteht allerdings charttechnisch kein Anlass zur Sorge. Dies wäre vielmehr eine normale Korrektur an das Ausbruchsniveau, die idealerweise von sinkenden Umsätzen begleitet ist.

2016_08_17-DAX

Nach dem erfolgreichen Abschluss eines solchen Tests, wäre der Weg dann erneut nach oben frei – und zwar auch deutlich über die 10.800 Punkte. Das entscheidende Niveau für die Korrektur ist die Marke von ca. 10.450 Punkten, was ungefähr auch dem letzten bedeutsamen Zwischenhoch entspricht (vgl. Abb., waagrechte blaue Linie).

Missglückt der Test allerdings, hätten wir es charttechnisch mit einem Fehlsignal zu tun, das Anleger zu zusätzlichen Verkäufen motivieren dürfte.

Auch bei Gold & Silber riecht es weiter nach Korrektur – dies aber bereits seit einer ganzen Weile. Die Weigerung der Edelmetallaktien einmal ausgiebiger zu korrigieren ist ein klares Zeichen der besonderen Stärke dieses Sektors.

Das für Haussen übliche Muster aus Aufwärtsimpuls und Konsolidierung zeigt sich bislang kaum. Vielmehr führte der schnelle scharfe Anstieg wohl dazu, dass die Marktteilnehmer einfach nicht im gewünschten Ausmaß in den Markt hineinkamen. Kaum hatten sie sich an das neue, höhere Preisniveau gewöhnt und waren zu Käufen bereit, schon liefen ihnen die Kurse erneut davon. Erst wenn diese Anlegergruppe ausreichend mit Aktien abgefüllt wurde, kann es zu einer größeren Korrektur kommen, weil dann deren Kaufdruck kurzfristig erst einmal entfällt. Ein Indiz für eine bevorstehende Korrektur wären also hohe Umsätze ohne nennenswerte Kursfortschritte, die auf eine gestiegene Abgabebereitschaft der „starken Hände“ hindeuten.

Fazit

Wir leben in einer Welt potenzieller Katastrophen. Wie beruhigend, dass wir die meisten davon gar nicht mitbekommen. Im Finanzbereich soll vor allem die Politik des ultrabilligen Geldes den Eintritt einer Katastrophe verhindern. Der Nutzen ist fraglich, der Preis dafür jedoch sicher: Die Einsätze werden auf diese Weise immer weiter in die Höhe geschraubt und so wird, was einst nur ein reinigendes Gewitter gewesen wäre, zur Mutter aller Stürme werden.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

Ein Kommentar auf "Nochmal Glück gehabt! Billiges Geld und steinerne Wegweiser"

  1. MFK sagt:

    Die Bewertung eines Unternehmens ist natürlich auch abhängig von dem risikolosen Basiszins. Das weiß auch Monsanto. Die eingesparten Finanzierungskosten bringen Bayer daher nichts. In der Regel liegt der Gewinn auf Seiten des Übernehmers oft nur in den Käufer Synergien und die sind schwierig zu realisieren (siehe Daimler Chrysler und viele anderen Übernahmen). Die fehlenden due diligence Möglichkeiten sind bei einem börsennotierten Unternehmen wie Monsanto nicht wirklich entscheidend. Eine feindliche Übernahme wird nur dann durchführbar sein, wenn sich ein Großteil der Aktionäre sich auf die Seiten von Bayer schlägt und das hängt vom Kaufpreis ab. Ergo: Die Möglichkeit, dass Bayer überzahlt ist groß.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.